Concertgebouw Orchestra Amsterdam : Der Sound von New York

Wenn Mariss Jansons und das Concertgebouw Orchestra Amsterdam zum Musikfest kommen, wird es laut. Mit Edgar Varèses „Amériques“ zeichnet Jansons ein deformiert-lautmalerisches Porträt des New Yorks der 1920er Jahre.

Mariss Jansons leitet das Concertgebouworkest. Foto: Marco Borggreve
Mariss Jansons leitet das Concertgebouworkest. Foto: Marco Borggreve

Wenn Mariss Jansons und das Concertgebouw Orchestra Amsterdam zum Musikfest kommen, um Edgar Varèses „Amériques“ zu spielen, wird es laut: Allein 13 Spieler bedienen in der Urfassung der Partitur das Schlagwerk. Löwengebrüll, Nebelhorn und Windmaschine stehen exemplarisch für die Dimensionen dieser 1918 - 21 entstandenen Programmmusik im besten Sinne des Wortes.

Varèse, 1883 in Paris als Sohn italienisch-französischer Eltern geboren, hatte bereits 1915 Europa über den Atlantik verlassen, nachdem er sich endgültig mit seinem Vater überworfen hatte. Die Vernichtung seines bisherigen, spätromantisch beeinflussten Frühwerks bei einem Brand in Berlin nahm er zum Anlass, der sich geradezu wissenschaftlich begründenden Avantgarde durch das Anzetteln einer eigenen Revolution zu entkommen. John Cage prägte dazu das Bonmot: Varèse habe den „Lärm in der Musik des 20. Jahrhunderts“ erfunden.

Tatsächlich stehen seine „Amerikas“ im Plural der unbekannten, neuen Welten; sein deformiert-lautmalerisches Porträt der in den Zwanzigern hypermodernen Stadt New York zeigt einen Schmelztiegel, in dem Menschen aus aller Herren Länder aufeinander treffen. Dieser Hexenkessel mit den modernsten Hochhäusern der Zeit ist explosiv, auf vieldeutige Weise forsch und rasend schnell; seine Gewalttätigkeit kennt die Gier des Raubtierkapitals ebenso wie dessen ungeahnte Expansionskraft, weiß um das Pulsieren der Kunstszene ebenso wie um das allgegenwärtige soziale Elend.

Varèses berauschendes Stück birst förmlich vor Energie; es fängt Straßenlärm und Sirenen ebenso ein wie Nebelhörner und die Geräusche einer ewigen Baustelle. Attraktivität besitzt es schon allein durch seine überaus physische Präsenz, die Klänge werden sichtbar. Sogwirkung entfaltet es aber durch das Aufbruchhafte, Emporkommende, Fordernde. Varèses Raumklang mit rauen Hupen und rohen Cs verschluckt den Zuhörer – hinein in ein Amerika, das vielleicht wirklich seiner Zeit voraus war. Mariss Jansons kennt all das gut, die Amsterdamer vom Concertgebouw auch. Es wird ein Fest im Fest, kombiniert mit Stücken von Strawinsky, Barber und Schönberg.


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