Zeitung Heute : Condi und der sexy Peter

Von Martin Kilian

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Soeben hatte ich die neue Scheibe („Blood Mountain“) der Schwerstmetall-Combo „Mastodon“ aufgelegt und schwelgte im Donner der Riffs, als das Telefon klingelte. Ein Herr Knatter. Ob ich ich sei? Er sei der Chef der geplanten Zeitung „Dreizehneinhalb Minuten“. Ein Gratisblatt für Leser, die den gesamten Tag über Straßenbahn führen, jedoch schnell und konzise informiert sein wollten. Und er, Knatter, sehe Potential in mir, Anspruchsvolles aus Amerika, nicht wahr, wolle er, Transsubstantiation der News, jawohl, eine Berichterstattung, die sich auf das Wesentliche-An-Und-Für-Sich konzentriere, kein Bullshit – Herr Knatter lachte verlegen –, ich wisse sicherlich, was er meine.

Zuvor aber eine kleine Kostprobe, bitteschön, man kaufe schließlich kein unbeschriebenes Blatt, weshalb ich mich sofort an die Arbeit machen und ein Probestück für „Dreizehneinhalb Minuten“ aufsetzen solle. Derweil „Mastodon“ furios durch meine Bude stampfte, widmete ich mich dem absolut wichtigsten Thema: Dass Condi Rice vorige Woche nämlich mit dem kanadischen Außenminister Peter McKay gesichtet worden war. Wie Condi ist Peter unverheiratet, als überaus sexy beschreibt ihn die kanadische Presse.

Außerdem steht er auf „Metallica“. Zugegeben, das mit „Metallica“ habe ich jetzt einfach so erfunden, aber irgendwie müssen Leute, die den gesamten Tag Tram fahren, ja unterhalten werden. Jedenfalls nährte Condis Auftritt mit McKay allerlei Spekulationen, nachdem Condi bereits im Juli an der Seite des italienischen Außenministers gesichtet worden war. Jetzt also McKay! Nein, das Dinner der Beiden sei nicht von Kerzenlicht untermalt worden, wehrte ein Sprecher des amerikanischen Außenministeriums irritiert ab. Es seien außerdem vierzehn Mitarbeiter sowie sechs Sicherheitskräfte zugegen gewesen. Eine Orgie also?

Gerade wollte ich süffig in die Demimonde der Perversionen einsteigen, als Knatter sich neuerlich meldete. Die Zeitung heiße jetzt „Zehn Minuten“, in der Kürze liege Würze, das Im-Kern-Seiende zähle um so mehr. Ein neuer Anlauf also: Condi feierte ihren 50. Geburtstag mit Oscar de la Renta auf einer Party in der britischen Botschaft in Washington. Oscar de la Renta war rot, ein Geschenk ihrer Freunde, worin sie so zauberhaft aussah, dass dem gleichfalls anwesenden Präsidenten G. W. Bush die Kinnlade auf den Marmorboden der Botschaft fiel.

Nach dem Empfang flogen sie und der Präsident samt Oscar de la Renta nach Teheran, wo der Oberste Jurist A. Khamenei das Paar unter einem blühenden Pistazienbaum erwartete. Khamenei trug eine Kreation des iranischen Designers Ali Barzanian.

Als ich Knatter dies telefonisch vortrug, winkte er ab: Zu viele Kommas und Nebensätze, niemand kenne diesen Ali Soundso, und überhaupt wolle er mich informieren, dass die neue Zeitung das Format zu ändern beabsichtige und in „Achteinhalb Minuten“ – haha! wie bei Fellini! – umgetauft worden, Knappheit mithin Trumpf sei.

Also dann: Peter und Condi trafen Tom (Cruise) an einer Straßenecke in Washington und gaben ihm, weil er nach seinem Rausschmiss bei Paramount mittellos ist, einen Dollar. Oscar de la Renta gab nichts, worauf Tom ausfallend wurde.

Das, so Knatter beim nächsten Telefonat, lese sich zwar geil, sei aber zu lang, da das Blatt seinen Titel erneut geändert habe: „Vier Minuten“ statt „Achteinhalb“, weil ein Mensch, der nur Tram fahre, schnell jegliches Zeitgefühl verliere. Ein neuer Anlauf meinerseits sei deshalb unumgänglich!

Condi und Peter reichern Uran an, schrieb ich nun – was Knatter prompt als zu reißerisch ablehnte, zumal erwogen werde, das neue Produkt noch präziser am Markt zu positionieren und in „90 Sekunden“ umzubenennen. Und auf einen langatmigen Lohnschreiber wie mich könne man deshalb getrost verzichten. Ich muss sagen, selten ist mir so übel mitgespielt worden.

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