Zeitung Heute : Coney Island: Promenade der Leidenschaften

Nadja Klinger

Ein Amerikaner, eine Russin und ein Deutscher kommen an den Strand von Coney Island. Sie setzen sich ins "Tatiana" und starren auf die kyrillischen Buchstaben in der Speisekarte. "Was ist Kwas?", fragt der Ami. Die Russin öffnet den Mund. Dann schließt sie ihn wieder. Ihr Englisch reicht nicht, um die Frage zu beantworten. "So was wie Bier, nur ohne Alkohol", erklärt der Deutsche. Die Sonne brennt einen Hitzerekord in die Strandpromenade. Sie bestellen dreimal.

Die Promenade zwischen dem Restaurant "Tatiana" und dem breiten Sandstrand von Coney Island ist aus Holz. Schmale Bohlen liegen meilenweit aneinander. Auf den Bohlen flanieren Gestalten. Unter den bunten Kleidern der südamerikanischen Frauen schwingen die Hüften. Schwarze Frauen tragen exorbitante Hintern vorbei. Stöckelschuhe malträtieren das Holz. Hispanische Freizeitfischer schleppen Drahtkäfige und etliche Sixpack Bier. Zarte Asiatinnen in Plastikhosen schleppen Motorradhelme. Mütter schleppen Kinder. Ab und zu bleibt ein alter Mann am Rande stehen und zückt die Karten. Sofort kommt ein anderer heran geschlürft, der mitspielen will.

Zauberkraft der Anabolika

Jogger kämpfen sich auf ganzer Sohle wie in Zeitlupe voran. Jüdischen Vätern in ihren schwarzen Mänteln hängt der Schweiß in den Schläfenlocken. Sie schieben sich und ihren Söhnen die Hüte aus der Stirn. Weiße junge Männer sind aus Manhattan gekommen, um ihre Muskeln zu präsentieren. Ihre Oberkörper verraten viel von der Zauberkraft der Anabolika. Den blassen Damen aus Osteuropa schmilzt das Make-up.

In der Luft nahen die Boeings aus Übersee. Am Horizont entfernen sich Hochseeschiffe von der Stadt. Ein Jeep der New Yorker Polizei brettert durch den Sand. Aus dem Autofenster droht ein Zeigefinger. Wie eine Waffe richtet er sich auf eine schlendernde Frau im Bikini. "Ziehen Sie sich sofort was an!" Über den Tischen vom "Tatiana" schaukeln Kränze aus rosa Papierblumen.

Der Kellnerin hängen die Mundwinkel unten aus dem Gesicht heraus. Sie setzt drei volle Gläser ab. Flüssigkeit schwappt auf den Tisch. Sie wirft eine Serviette in die Pfütze. "Spassibo", sagt die Russin. Die Kellnerin trollt sich mit ihrer schlechten Laune davon. "Aha", sagt der Amerikaner. "Nun denn", sagt der Deutsche und hebt sein Glas. Der Russin tropft beim Trinken das Kwas aufs Dekolleté. Der Deutsche hinter seinen dunklen Brillengläsern beobachtet, wie die Flüssigkeit in die Mulde zwischen ihren Brüsten rinnt und dann in der Tiefe verschwindet. Der Amerikaner leert in einem Zug das halbe Glas. Unweigerlich fällt auch sein Blick auf das Dekolleté. Beschämt zieht er ihn von dort weg und schickt ihn über den Strand hinweg ins Meer. Ein Baseballschläger rollt über die Promenade. Er ist aus grauem Plastik und sieht ein bisschen aus wie eine Bombe. Immer noch auf das Wasser starrend, nuschelt der Amerikaner einen englischen Satz, den nur der Deutsche verstehen soll: "Vielleicht kaufe ich mir auch noch mal eine Sonnenbrille."

Die Plastikstühle unter den Hintern kleben. Der warme Wind stinkt. Er treibt meilenweit den Geruch von Pommes frites, Popcorn, Kebab, Pizza, Barbecue, panierten Seefrüchten und Hamburgern vor sich her. Das Gebrüll der Strandverkäufer übertönt das Rauschen der Wellen. Die Russin lehnt sich zurück und schließt die Augen. Sie ist hier zu Hause. Der Amerikaner trinkt hastig aus. Er könnte sein freies Wochenende an gemütlicheren Orten verbringen. Der Deutsche hat Urlaub - und deshalb eigentlich erst recht hier nichts zu suchen. Oder doch? New Yorks Stadtmagazine jedenfalls beschwören dieser Tage Coney Island als den Ort, an dem man unbedingt gewesen sein muss.

Als der hölzerne Boardwalk von Coney Island im Stadtteil Brooklyn gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstand, trugen die Menschen Sonnenschirme statt getönter Brillen. Alles war darauf angelegt, sich zu amüsieren und unverhohlen seinen Leidenschaften zu frönen. Am Strand des Atlantiks entstanden drei Freizeitparks: 1897 das "Steeplechase", 1903 der "Luna Park" und ein Jahr später "Dreamland". Ein halbes Jahrhundert lang war hier die längste und spektakulärste Amüsiermeile der Welt. Es gab eine lebensgroße Kopie des Canal Grande in Venedig mit Gondeln und Rialto-Brücke, einen Nachbau der Ruinen von Pompeji, eine Alpenlandschaft. Es gab eine Inkubationsstation, auf der echte Neugeborene in Brutkästen bestaunt wurden.

An Fallschirmen stürzten sich Menschen von hohen Türmen. Sie ritten künstliche Pferde, kreischten in den Berg- und Talbahnen, hingen an den Riesenrädern, fuhren haarsträubende Autorennen, und drängten sich in die Geisterbahnen. "Ich sah Blut, an Wand und Boden geschmiertes, gegen die Decke gespritztes Blut ... ", schrieb Wolfgang Koeppen dereinst in "Amerikafahrt" über seine Geisterbahnfahrt auf Coney Island. " ... die Erwürgten, die Erschlagenen, die erstochenen Frauen, die in der Stadt wirklich geschehenen Familientragödien, in einer Badewanne lag der zerstückelte Leib einer 13-Jährigen, ein Vater sperrte seinen ermordeten Sohn in den Kühlschrank, eine Frau bestieg, gellenden Mundes, den elektrischen Stuhl ... Hitler stand neben John Dillinger, Einstein wurde als der Vater der Atombombe vorgestellt, und Kinder und Halbwüchsige drängten sich in die Bude und beobachteten mit altklugen, wissenden Gesichtern die Dramen, die Vergewaltigungen, die Heldentaten des Lebens." Eine Indianer-Kapelle spielte derweil draußen unter der Sonne die amerikanische Nationalhymne. Hinter ihr schepperte die Metro übers Viadukt.

Imbissverkäufer kreierten bislang völlig unbekannte Speisen. Ein Deutscher verkaufte Sandwiches, in die er ein Wiener Würstchen steckte. Die Würstchen bogen sich unter der Hitze wie die Rücken der Dackel. Die Leute nannten es "dachshound sausage", Dackelwurst, was sie da verspeisten. Der Hotdog war geboren. Die Leute erzählten sich auch, er bestünde tatsächlich aus Hundefleisch, was jedoch seiner Berühmtheit keinen Abbruch tat. 1916 gründeten Nathan und Ida Handwerker am Strand von Coney Island einen Schnellimbiss und Catering Service. Bis heute verkauft das "Nathans" angeblich den besten Hot Dog der Welt.

Coney Island, so sagt man heute, hatte dereinst der Stadt eine Idee voraus. Es war ein Versuchslabor für die sozialen, technischen und kulturellen Extravaganzen, die später in Manhattan Wirklichkeit wurden.

Unterhalb der Hochbahngleise, die sich durch Brooklyn bis an die Küste zogen, standen kleine Sommerbungalows, in denen New Yorker ein Leben fernab der Großstadt führten. In den 30er Jahren siedelten sich vor allem jüdische Einwohner aus Russland hier an, gründeten ihre eigenen Gemeinden, die sie immer weiter ausdehnten - von der Metrostation Coney Island bis Brighton Beach, immer entlang des Boardwalks. Die hölzerne Promenade wurde zu einer Art Grenze: auf der einen Seite die meterhohen Wellen des Atlantik, der salzige Wind aus der Ferne, der goldene Sand. Auf der anderen Seite Osteuropa. Immer mehr Russen kamen und schafften sich in ihrer neuen Heimat die alte. Schließlich wurden in den 60er Jahren riesige Sozialbauten hochgezogen, die selbst die Riesenräder und Achterbahnen um etliche Stockwerke überragten. Die Rummelplätze zu Füßen der Wohnblöcke verloren ihren Charme und Coney Island seinen vertrauten Namen. Fortan wurde die Gegend auch "Little Odessa" genannt.

Doch abgesehen von den Russen: In New York, das sich stetig veränderte, änderte sich auch die Art, sich zu amüsieren. Etwa ab Mitte des vergangenen Jahrhunderts brachte die Metro vor allem proletarisches Publikum an den Strand von Coney Island, Menschen, die von der Stadt verzehrt und hungrig nach Wasser, Sonne und ein bisschen Abwechslung waren. Menschen, die nicht das Geld hatten, bis an die traumhaften Strände der Hamptons auf Long Island oder gar auf die kleine Insel Fire Island zu reisen. Der alte, verkommene Rummel, der sich mittlerweile am Boardwalk abspielte, die ranzigen Ausdünstungen der zahllosen Imbissbuden, der Lärm der Verkäufer, die abgedroschenen Schlager aus den Lautsprechern waren Abbilder ihrer Möglichkeiten. 1965 schloss mit "Steeplechase" der letzte der drei Freizeitparks seine Pforten. Die Achterbahn verrostete und wurde von Pflanzen überwuchert. Zunächst wuchsen Gras und Unkraut um die Stahlträger, dann wurden die Gewächse kräftiger und höher. Ende der 90er Jahre war die Bahn kaum noch als solche zu erkennen. Sie lebte wie ein alter Traum fort und änderte mit den Jahreszeiten ihr Aussehen: ein Traum, der in jedem Frühjahr neu erblühte. Hintergrund für Filmaufnahmen und zahllose Fotografien. Es ist kaum ein Jahr her, da hat man sie schließlich abgerissen.

Ungefähr zur selben Zeit, als das geschah, wurden andere alte Attraktionen wieder eröffnet. Touristenführer locken zunehmend Besucher dorthin. Neue Rummelplätze entstanden, auf denen sich die alten Riesenräder wieder drehen. Das "Wonder Wheel" hat Gondeln, die kaum befestigt sind. Sie rutschen quietschend auf den Streben entlang, je nachdem wo sie während der Umdrehung ihren Schwerpunkt finden. Die "Cyclone", eine Achterbahn, die lediglich aus Holz besteht, lockt Übermütige an, die auf einer morschen Konstruktion in den Abgrund jagen, bis sie selbst zum Schreien keine Luft mehr bekommen. Für ein paar Dollar gibt es die kleinste Frau der Welt zu besichtigen, außerdem ein Wesen, das halb Mann halb Frau ist. Natürlich auch eine Dame ohne Unterleib.

Bei "Nathans" wurde die Weltmeisterschaft im Hotdog-Essen ausgetragen. Der Japaner Hirofumi Nakajama, in Fachkreisen bekannt als der "Schrecken von Tokio", verteidigte hier 1998 seinen Weltmeistertitel. Er verschlang 19 Brötchen in zwölf Minuten. Sein Herausforderer Ed "Das Tier" Krachie, ein 173 Kilo schwerer Mechaniker aus den USA, schaffte nur 14. Zweiter wurde Charles "Der Hungrige" Hardy , ein amerikanischer Justizbeamter, der nach 17einhalb Hotdogs aufgab und um ein Bier bat.

Jetzt rattern die Rummelplätze wieder. Diskotheken beginnen auf dem Boardwalk zu dröhnen, noch ehe die Sonne untergeht. Die Salsa- und Merengue-Szene beherrscht die Nächte. Die Russen von Brighton Beach haben auch die imaginäre Grenze erobert. Ihre Restaurants "Volna", "Tatiana", "Moskwa" und "Winter Garden" haben sie direkt auf den Boardwalk gesetzt. Hier servieren sie Pilsener Fassbier, Wodka und Kwas, kochen Borschtsch und Soljanka und reichen zum Dessert Moskauer Eis und fette Sahnetorte. Die Preise weisen sie in Rubel aus und rechnen sie dann freundlicherweise in Dollar um. Weiter ab vom Strand, wo der Asphalt unter der Sonne schmilzt, haben sie ihre russischen Geschäfte. Hier verkaufen sie russische Musik und Zeitungen, und das alles auf ihre typisch maulfaule Art. Sie fühlen sich in New York zu Hause, das ist das Beste, was ihnen diese Stadt hinterm Ozean bieten konnte, also geben sie es nicht preis.

Auf historischen Fotografien ist am Strand von Coney Island kein Sand zu sehen, nur Körper. So voll ist es nicht. Man kann ein paar Schritte um sich herum treten. Der Amerikaner öffnet seine Tasche. Ein Bagel liegt obenauf. Kreischend stürzen sich Möwen aus der Luft herab auf das Gebäck. Der Amerikaner schreit, die Möwen lassen sich in den Sand fallen und hocken dort wie weiße Pudel. Mancher Vogel ist sogar größer als so ein Hund und hat einen Schnabel wie ein Dolch.

Auf umständliche Weise zieht sich der Amerikaner die Badehose an. Zuviel Körper-Einblick ist in seinem Land nach wie vor ein öffentliches Ärgernis. Murrend macht der Deutsche ihm die komplizierte Aktion nach. Die Russin geht mit den Sachen baden, mit denen sie gekommen ist. Rettungsschwimmer stehen auf den Buhnen und pfeifen. Das Wasser ist warm und undurchsichtig. Es ist das sauberste Wasser seit 100 Jahren, schreiben die New Yorker Zeitungen.

Die Hitze übertrifft den Rekord aus den 70er Jahren. Über 100 Fahrenheit lassen jeden klaren Gedanken schmelzen. "Gestern hatten wir zusammen Englisch-Unterricht. Da war ihr Dekolleté noch größer. Außer den Brustwarzen war alles zu sehen", ruft der Amerikaner im Wasser dem Deutschen zu, als die Russin eine Welle von ihnen entfernt ist. "Wir mussten uns über dasselbe Buch beugen." Die Welle kommt. Er schluckt Salz. Er hustet und ihm kommen die Tränen. "Und?", fragt der Deutsche. "Ich bin müde geworden, immer müder", sagt der Amerikaner, "und dann bin ich eingeschlafen."

Weit entfernt und mitten drin

Nach dem Baden bereiten sich der Amerikaner, die Russin und der Deutsche ein Lager am Strand. Ein Verbotsschild wirft ein bisschen Schatten. "Keine Hunde, kein Alkohol, kein Feuer, keine Fahrräder, keine laute Radiomusik, keine Zelte, keine Getränke, keine Speisen!", steht darauf geschrieben. Coney Island ist immer noch weit von der Stadt entfernt und zugleich mitten drin. Die Russin hat kürzlich einen Mexikaner geheiratet, der kein Englisch spricht. "Es ist schön, wenn man mal mit jemandem ein paar Worte wechseln kann", sagt sie zu ihren Begleitern. Der Amerikaner schafft, in einer Plastiktüte versteckt, etwas zu Essen und zu Trinken heran. "Es ist schön, wenn einem mal einer was spendiert", sagt der Deutsche. Er ist in jedem Stadtteil von New York arm dran. Er hasst den Dollar. Was er bezahlen soll, hat er im wahrsten Sinne des Wortes nicht verdient.

Ein kleines Flugzeug lärmt in regelmäßigen Abständen über das Wasser hinweg. Es zieht Reklamebanner hinter sich her. Zeitungen wehen über den Strand. Nach einer Shakespeare-Vorstellung mit Meryl Streep hat die Polizei im Central Park eine Tote gefunden. Auf Long Island läuft ein Mörder herum. Die Haie vor Florida haben scheinbar Gefallen daran gefunden, einen Surfer nach dem anderen zu verspeisen.

Ed "Das Tier", der Unterlegene der Weltmeisterschaft bei "Nathans", beschuldigte den japanischen Weltmeister des Dopings. Möglicherweise hätte der Medikamente zur Muskelentspannung eingenommen, die ihm einen Vorteil verschafft haben könnten. Der Möbelpacker Nakajima wies den Vorwurf zurück. Er erklärte, er sei auch in der Lage, 100 Stück Sushi in einer halben Stunde zu verschlingen. "Na denn", sagt der Deutsche. Alle drei heben sie ihre Wasserflaschen und stoßen an.

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