Zeitung Heute : CONTRA

Der Tagesspiegel

Dass sich Jugendliche beschimpfen und auch mal schlagen, ist nichts Neues. Das gehörte schon immer zum Schulalltag. Neu ist, dass sich prügelnde Schüler gar nicht mehr bewusst sind, dass sie anderen weh tun, und dass Prügeln deshalb etwas ist, was die Gesellschaft nicht duldet. Was bisher selbstverständlich war, dass man andere nicht schlägt und auch keine Möbel zertrümmert, muss heute offenbar an Schulen neu gelernt werden. Benimm-Verträge helfen da allerdings kaum weiter. Mit einem Vertrag sichert man etwas ab, was sich nicht von selbst versteht. Dadurch besteht die Gefahr, dass man etwas Alltägliches durch einen Vertrag erst zu etwas Besonderem macht. Benimm-Verträge schwächen deshalb gerade das, was sie eigentlich stärken sollen: dass die Basis unseres Zusammenlebens, andere eben nicht zu verprügeln oder zu beschimpfen, in Zukunft wieder zu einer Selbstverständlichkeit wird.

Außerdem: Was passiert, wenn der Vertrag ausläuft? Kann dann wieder zugeschlagen werden? Theoretisch schon. Es bräuchte also immer neue Anschlussverträge. Unterschriften eignen sich auch nicht als pädagogische Mittel. Die Gewalt an den Schulen nimmt zu, weil Jugendlichen die Fähigkeit zu Mitgefühl mehr und mehr abgeht. Um junge Menschen sensibel für andere zu machen, bräuchten sie Lehrer, die mit ihnen reden. Nicht einmal, nicht zweimal, sondern immer wieder. Stattdessen fühlen sich immer mehr Pädagogen überfordert. Viele hätten es vielleicht lieber, einmal im Jahr einen Vertrag zu erneuern. Doch das ist zu wenig. Papier ist geduldig. Es kann aber weder trösten noch verzeihen.Claudia Keller

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