Zeitung Heute : Coole Jungs

Männer lieben Whisky, leichte Mädchen und Faustkämpfe (wahlweise Großwildjagd). Warum lieben Männer den Autor Jörg Fauser?

Christiane Rösinger

Sich erinnern an Jörg Fauser. 60 Jahre alt wäre er kommenden Freitag geworden – eine Rezeptionsgeschichte des 1987 gestorbenen Autors gibt es bis heute nicht. Aber die subjektive Erinnerung schiebt beim Stichwort Fauser einen ganz speziellen Menschentyp vor das innere Auge: Männer nämlich. Männer, die Jörg Fauser lasen.

Schaute man Ende der 70er Jahre in die Bücherregale der Wohngemeinschaften und Hippiekommunen, so gab es viele Übereinstimmungen, aber auch ein gravierendes Stadt-Land-Gefälle. In der Provinz bei den Landfreaks standen im Regal: Tolkiens „Der Herr der Ringe“, Jack Kerouacs „Unterwegs“, William S. Burroughs’ „Junkie“, Laotses „Tao Te King“ und „I Ging – Das Buch der Orakel“.

In den kleinen und größeren Städten kamen Wondratscheks Prosa-Band „Früher begann der Tag mit einer Schusswunde“, Benn, Chandler und eben Fauser dazu. Die Landfreaks aus den Dörfern waren bei allem Hang zur fernöstlichen Philosophie dann doch die Konsequenteren, sie konsumierten mehr und ungesündere Drogen und kamen dadurch auch leichter in jungen Jahren ums Leben als die städtischen, eher dem Alkohol zugeneigten Jörg-Fauser-Leser. Der Anteil der Fauser lesenden Männer erreichte dann um 1986 in Berlin den Höhepunkt.

Der typische Fauser-Leser zu dieser Zeit war männlich, zwischen 25 und 35 Jahre alt und von düsterem, leicht verwahrlostem Äußeren. Er war stets ernst, als müsse er ein dunkles Geheimnis bewahren, zumindest aber eine zu behütete Kindheit, oder als müsse er einen schlimmen Vater-Sohn-Konflikt bewältigen. In Fauser-Leserkreisen war es nicht en vogue in Gesellschaft lustig, charmant oder gar höflich und unterhaltsam zu sein. Fauser-Leser waren einsame Wölfe, die gerne schweigend allein am Tresen vor einem Glas Whisky saßen.

Drogen wurden da nicht aus Geselligkeit und Lebensfreude heraus konsumiert, sondern mit wichtigtuerischem Gestus. Wie um eine ernste Pflicht zu erfüllen. Den Jörg-Fauser-Leser traf man nicht an der Uni. Die Hochschule war ihm zu vertrocknet, zu hierarchisch, zu theoretisch, zu wenig underground, zu wenig dran am Leben. Männer, die Jörg Fauser lasen, waren latent misogyn, eher homophob als schwul, eher Stoffel als Dandy. Sie verstanden sich als Außenseiter, Maler, Künstler oder Musiker, sie litten an sich, am Leben, an der Stadt und den Verhältnissen. Ihr Leiden, ihr Ekel an der Welt lähmte sie, sie waren unfähig, einen Brief an den Vermieter zu schreiben, in Urlaub zu fahren, den Schlüssel nachmachen zu lassen oder Wohngeld zu beantragen.

Das hing aber nicht mit ihrem Drogenkonsum oder ihrer Nachtaktivität zusammen. Die Verweigerung gegenüber allen praktischen Tätigkeiten hatte keine organische Ursache und traf letztendlich nur sie selbst. Aus heutiger, aufgeklärter Sicht ist diesen Fauser lesenden Männern eine etwas räudige Aura gemein: Humorlos, freudlos gingen sie durchs Leben, waren dem Selbstmitleid verfallen – ohne Selbstironie zu kennen – und heute weiß man nicht mehr genau, was damals so interessant an ihnen war. Es waren aber auch dunkle Zeiten für adoleszente Männer: Orwell’scher Überwachungsstaat, kalter Krieg, Tschernobyl, Volkszählung, Nachrüstung, Feminismus.

Auch aus heutiger Sicht waren es dunkle Zeiten: Die Geschlechterverhältnisse wurden kaum in Frage gestellt, männliches Dominanzverhalten war der gesellschaftliche Normalzustand und Genderdiskussionen gänzlich unbekannt. Auch in bohemistischen Zirkeln mussten Männer eben tun, was Männer glaubten, tun zu müssen; sie sahen in Frauen in erster Linie das andere Geschlecht – zwar Objekt der Begierde, aber schlussendlich immer das domestizierende Wesen, das naturgemäß einen Mann davon abhalten will, zu tun, was ein Mann tun muss.

Tatsächlich war in diesen Jahren das Berliner Nachtleben voll von Künstlerinnen, Dealerinnen, Außenseiterinnen, Musikerinnen und Barfrauen. Weibliche Vergnügungssüchtige waren das, für die Rauschzustände, Rebellion und bohemistische Lebensentwürfe genauso unverzichtbar waren wie für das männliche Publikum. Aber die männliche Sehnsucht nach Rebellion und Reglementierung schafft sich gern eine eigene Wirklichkeit. So kommt es, dass im Film „Herr Lehmann“ die 80er Jahre in Kreuzberg als ein nur von Männern bevölkertes Soziotop dargestellt werden. Die vielen männlichen Statisten, die in „Herr Lehmann“ die Bars bevölkern, entsprechen wiederum der klassischen Typologie des Jörg-Fauser-Lesers.

Fausers Authentizitätsgebot, seine Maxime „nur das schreiben, was man kennt“, seine Heroinsucht und Alkoholabhängigkeit, seine Suche nach Abenteuer, Leidenschaft, Exzess, seine „Männerthemen“ boten reichlich Identifikationspotenzial. Fauser war ein Rebell, ein Asphaltliterat, der für „lui“ und den „Playboy“ schrieb, der oft saufen und boxen ging. Ein deutscher Schriftsteller, der die deutsche Kulturszene geißelte, einer, dem die amerikanischen Beatpoeten näher standen als Böll und Grass und die ganze Gruppe 47. Einer der die Welt der Bahnhofskneipen, Puffs, schmierigen Imbissbuden, trostlosen Vorstädte beschreibt und dessen Helden alles tun, was Männern Spaß macht. Jörg Fauser baute Charaktere, die dann von Rezensenten als „Männer, die das Leben schmecken“ beschrieben werden. „Sie nahmen Frauen hart ran und vertragen einen kräftigen Schluck“ hieß es 1990 in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ über Fausers Helden.

Wenn man jetzt nur wieder wüsste, was „hart rannehmen“ im Fauser’schen Universum bedeutet! Nun, ein Mann, der Frauen hart rannimmt, wird wohl ungefähr das Gegenteil des modernen „Frauenverstehers“ sein.

Jörg Fauser bezog Stellung gegen „Wochenendbeilagen und Feuilletons westdeutscher Blätter“ mit ihrer „vom Feminismus und ähnlichen Gesinnungsdiktaturen genormten Kultur, aus der längst alles getilgt wurde, was Männern einmal Spaß gemacht hat“. Jörg Fauser wurde so zum Kultautor der Männer, die Jörg Fauser lasen, weil er männliche Instinkte pries, weil er seine Leser seine Bad-Boy-Radikalität miterleben ließ, sie am Mut zum Risiko, den sie bei sich selbst vermissten, teilhaben ließ. Jörg Fauser schrieb ganz einfach Männerromane.

Die weibliche Leserschaft konnte sich weniger für Jörg Fauser begeistern. Gewiss blätterte man im Gedichtband „Trotzki, Goethe und das Glück“ oder in „Der Schneemann“, konnte aber nicht viel damit anfangen. Zu klischeehaft die Szenen, zu abgehangen der Ton, zu fern die Sujets. Andere Baustelle, andere Zielgruppe. Aber glaubt man der Leseforschung, so hat der männliche Leser zwischen 14 und 39 eben ein Faible für spannende Verbrechergeschichten mit dynamischer Handlung, in der auch Sex und Erotik vorkommen sollen, sowie ein generelles Interesse an Spionage, Krimi und Western. Stilbildend für das Genre „Männerroman“ könnte man die Autoren der Beatgeneration, aber auch Hemingway nennen.

Nun ist die Gattung „Männerroman“ in der Gattungstheorie noch nicht recht angekommen, vereinzelt taucht der Begriff als Antwort auf den „Frauenroman“ auf. Man könnte aber behaupten, analog zum Frauenroman behandelt der Männerroman Themen, die Männer gerne behandelt wissen. Unverzichtbar für einen Männerroman sind: Der einsame, von der bürgerlichen Umwelt als moralisch fragwürdig eingestufte Held, chaotische Wohnungen, Whiskysorten, Drogen, leichte Mädchen, Rotlichmilieu, Faustkämpfe, wahlweise auch Großwildjagd, gewaltige Naturerlebnisse, Schießereien. Der Männerroman nutzt gerne die Struktur des Krimis oder der Detektiv- und Spionagegeschichte als Konstruktionshilfe und bedient sich der bekannten Klischees. Dabei handelt es sich aber um ein literarisch geniales Spiel mit dem trivialem Genre: Letztendlich geht es dem Männerromanautor um nichts weniger als um die Trennung von Unterhaltung und ernster Kunst.

Nun bleibt noch die Frage zu klären, ob der Fauser’sche Männerroman ein Poproman oder eher dessen Vorläufer ist. Aber auch beim Poproman ist der Gattungsbegriff noch ungeklärt! Nein, der Fauser’sche Männerroman ist doch eher ein Rockroman.

Die Autorin war Sängerin und Mitbegründerin der „Lassie Singers“. Heute spielt sie bei der Band „Britta“ und managt das Label „Flittchen Records“.

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