Zeitung Heute : Couch Auf der

Wie richten Psychoanalytiker ihre Behandlungszimmer ein? Claudia Guderian reiste um die Welt, um das Geheimnis eines Möbelstücks zu entschlüsseln.

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Text: Susanne Kippenberger Fotos: Claudia Guderian Wie auf dem Schafott kam er sich vor. Streng wirkte die Couch, auf der er lag, so streng wie die Analytikerin, bei der er damals war. „Da fühlte man sich nicht warm und wohl darauf.“ Inzwischen selber Psychoanalytiker, hat Alex Holder sich für ein weicheres Modell entschieden, eigentlich gar keine Couch, sondern ein Doppelbett. Damit der Patient, wenn er sich ausstreckt, nicht gleich fürchten muss, runter zu fallen. „Das gibt ihm ein Gefühl der Sicherheit.“

Eine Couch ist eine Couch – ein Möbelstück, auf das man sich setzen und legen kann. Nicht in der Psychoanalyse. Nicht für Claudia Guderian. „Die Magie der Couch“ hat die Hamburger Autorin ihr gerade erschienenes Buch genannt: 69 kurze Interviews mit Analytikern, dazu Fotos ihrer Behandlungsräume.

Die Bilder sind eine kleine Sensation. Die Couch kennen die meisten Menschen nur aus dem Museum oder aus Hollywood. Zum ersten Mal bekommen sie hier die Wirklichkeit zu sehen, die ganze gestreifte, gemusterte, lederne, bedeckte Ikea-Wirklichkeit, die mal mit Tischchen und Figuren, Büchern und Akten vollgestopfte, mal kahle Analyse-Realität. Zum ersten Mal werden Türen geöffnet, die sonst nur Patienten durchschreiten, wird ein Raum, der intimer nicht sein könnte, zu einem öffentlichen. Ein Raum, in dem Menschen in Ecken der Seele vordringen, von denen sie gar nicht wussten, dass es sie gibt, in denen sie Geschichten erzählen, die außerhalb dieser vier Wände kein Mensch zu hören bekommt. Wo sie sich vier, fünf, sechs Jahre lang, drei, vier Mal die Woche auf die Couch legen. So wie Woody Allen, nur nicht so komisch. Einer der befragten Analytiker erzählt ganz nüchtern von dem Schweiß und den Tränen, die in die Bezüge sickern. Wie ärgerlich, wenn das Make-Up zu dick aufgetragen ist, die Tränen, mit der Wimperntusche vermischt, böse Flecken hinterlassen.

Vier Jahre lang ist Claudia Guderian herumgereist, nach München und Hamburg, nach London und Wien, den Städten Sigmund Freuds, hat eine Dissertation geschrieben und einen Bildband herausgebracht. Schon seit Jahrzehnten beschäftigt das Thema die Geisteswissenschaftlerin, „in der Studentenbewegung hat sich doch jeder darüber unterhalten, jeder eine Therapie gemacht.“ Danach kam eine Zeit, „wo es schicker war, die Psychoanalyse abzuwerten, als sich mit ihr zu befassen“. Das hat sie geärgert. Sich selbst, ohne Drogen und Medikamente, zu helfen und zu befreien – das hält die Hamburgerin für eine „segensreiche“ Behandlung. Gerade für die, die ihrer Kreativität auf die Spur kommen wollen. Auch sie selbst hat eine Analyse gemacht, 20 Jahre ist das her. „Seitdem bin ich nicht einen Tag krank gewesen.“

Nicht alle Türen wurden geöffnet, als Claudia Guderian mit ihren Fragen und ihren Rollei-Kameras ankam. „Aber sein Schlafzimmer will ja auch nicht jeder fotografieren lassen.“ 69 Analytiker haben sie hereingelassen, auch in Zürich und in Neuseeland, wo es überhaupt nur acht Analytiker gibt. Die 70. Couch steht in London: Hier, im Exil, hat Freud zuletzt gelebt, ist er 1939 gestorben. In seinem Haus in Hampstead, das heute Museum ist, kann jedermann die berühmte Chaiselongue betrachten, die zur Über-Couch der Zunft geworden ist, das Urmodell, das Freuds Enkel bis heute imitieren und konterkarieren, auf jeden Fall nicht ignorieren.

Die mit einem Teppich und Kissen bedeckte Liege und der dahinter stehende Stuhl, dieses „Setting“ „hat einen historischen Sinn“, erklärte Freud vor 90 Jahren: „Sie ist der Rest der hypnotischen Behandlung, aus welcher sich die Psychoanalyse entwickelt hat.“ Von hinten hatte Freud dem Patienten immer die Hände auf die Stirn gelegt. Die Lage erwies sich als fruchtbar für die neue Behandlungsmethode: Auch ohne Hypnose sind die Muskeln beim Liegen entspannt. „Die für Logik und Kontinuität zuständige Hirnhälfte“, so Guderian, „schaltet ab, die für Emotionen, Fantasien und Illusionen zuständige Hirnhälfte wird aktiv.“ Wer entspannt liegt, dem fällt es leichter, Gedanken und Gefühlen freien Lauf zu lassen, Barrikaden zu überwinden, die ihn sonst daran hindern, in den Keller der Seele zu steigen. Auf der Couch hat der Patient das Gefühl, gehalten zu werden.

Und der Analytiker? Ist froh, dass er im Verborgenen bleibt. „Ich vertrage es nicht, acht Stunden täglich (oder länger) von anderen angestarrt zu werden“, meinte Freud. „Da ich mich während des Zuhörens selbst dem Ablauf meiner unbewussten Gedanken überlasse, will ich nicht, dass meine Mienen dem Patienten Stoff zu Deutungen geben oder ihn in seinen Mitteilungen beeinflussen.“

Vorne die Couch, der Sessel dahinter – so simpel das klingt, so komplex ist die Konstellation, die Claudia Guderian an Herrscherthron und Opferaltar erinnert. Auf diesem „Setting“ hat Freud als „Maßregel beharrt“. Alles andere ist offen: Wie groß oder klein, wie voll oder leer der Raum sein soll oder darf, wie kühl oder verspielt, das entscheidet jeder Analytiker selbst, je nach Geschmack, Temperament und Persönlichkeit. Ob der Patient auf kahle Wände, auf Mumienmasken (bei Freud) oder aus dem Fenster hinaus schaut. Wie nah Stuhl und Couch sich sind, ob diese ein Bauhausklassiker, eine Antiquität oder eine Matratze mit Decke drauf ist. Und wie bequem sie ist. Gut, kein Schafott – aber zu gemütlich soll die Behandlungsliege auch nicht sein. Auf ihr soll niemand einschlafen, in hübschen Erinnerungen versinken, sich in Träume kuscheln. Analyse, betonen die, die sie betreiben, immer wieder, ist: Arbeit. Und die ist hart.

Der Raum des Analytikers ist das erste, ja, einzige, was Patienten von diesem erfahren. Sein Gesicht sehen sie nicht, seine Lebensumstände kennen sie nicht, von seinen Gedanken, Interessen und Überzeugungen wissen sie nichts. Die Analyse ist kein Gespräch, in dem jeder was von sich erzählt. Lange Zeit war es vor allem in Amerika verpönt, überhaupt Persönliches zu präsentieren. Möglichst kahl und neutral hatte das Zimmer zu sein, nichts sollte dem Patienten den Blick verstellen auf den eigenen, den inneren Raum.

Heute geht man offenbar weniger dogmatisch an die Möblierung heran. Freundlich sollte die Atmosphäre sein, meinen viele der Behandelnden, schließlich sei das, was der Analysand in seinem Inneren erblickt, oft erschreckend genug. Und auch der Analytiker will sich wohl fühlen in dem Raum, in dem er nicht nur eine Behandlungsstunde, sondern den ganzen Tag verbringt. Weshalb er auch seinen eigenen Sessel mit großer Sorgfalt aussucht – schon wegen der Berufskrankheit: Vom dauernden Sitzen tut vielen der Rücken weh.

Auch für den Analytiker ist die Couch mehr als eine Couch, nämlich oft ein Stück Erinnerung. Auch der Analytiker braucht offenbar etwas, woran er sich festhalten kann. So wählt er den Sessel der Großmutter, das Sofa vom Freund; den Kissenbezug hat die Mutter gehäkelt, auf der Couch hielt der Großvater 50 Jahre lang Mittagsschlaf. Nur ein Analytiker heuerte einen Innenarchitekten an.

Die Therapeuten richten sich ein, wie sie sich selber anziehen. Und wie es das Portemonnaie erlaubt. Wer seine erste Praxis einrichtet, hat wenig Geld. Und steht die Einrichtung erst einmal da, lässt sie sich nur schwer wieder rausschmeißen. Die Analyse ist ein Prozess, das schlägt sich auch im Verhältnis zum Raum nieder. Fünf Phasen hat Claudia Guderian bei ihren Recherchen ausgemacht, in der letzten wird der Raum als häßlich und fremd abgelehnt. Die zweite Stufe ist die empfindlichste: Wenn der Analysand in einen quasi symbiotischen Zustand gerät, mit dem Raum des Analytikers verschmilzt wie der Embryo mit dem Uterus. „Wird die Einrichtung verändert“, meint Claudia Guderian, „ist das, als wenn man den Uterus wegnimmt, das erzeugt grauenvolle Ängste.“

Wie wichtig die Wahl der Couch ist, wissen Analytiker ganz genau, schließlich haben sie selbst jahrelang darauf gelegen. Wer den Beruf ergreifen will, muss sich nämlich selbst einer Lehranalyse unterziehen. (Ein Verfahren, das man jedem Mediziner, jedem Journalisten gern verschreiben würde: einmal die Seiten zu wechseln, einmal nicht Subjekt, sondern Objekt der eigenen Behandlungsmethode zu sein.) Und bei der Auswahl des Möbels scheint auch dem Profi das Unterbewusstsein ein Schnippchen zu schlagen. Verblüfft stellen einige Analytiker später fest, dass sie genau so ein Modell wie ihre Lehrer gewählt haben. Oder genau das Gegenteil davon.

Die Frage nach der Magie der Couch, die Claudia Guderian immer wieder stellt, überrascht die Analytiker, ärgert einige, provoziert auf jeden Fall. Auch ihre Fotos haben etwas Magisches. Wohl komponiert, besitzen sie weit mehr als dokumentarischen Wert, vor allem im großen Format. Wer etwas von der Macht von Räumen (nicht nur in der Analyse) erleben will, muss sich nur mal diese Bilder ansehen.

Guderian hat das Geheimnis der Psychoanalyse nicht gelüftet. Sie hat einen Vorhang hoch gehoben, so dass der Betrachter eine Bühne vor sich sieht, ganz ohne Schauspieler. So kann jeder seinen eigenen Fantasien freien Lauf lassen, Menschen auf den Stuhl setzen, auf die Couch legen, sich Geschichten ausdenken. Wie Kino zum Selbermachen. Wie eine Analyse, wo lauter Bilder entstehen im Kopf. Das ist ja die Magie der Psychoanalyse, wie ein Therapeut erklärt: „Ein Zauber ist etwas, was mehr der Fantasie und den Bildern vorbehalten bleibt als dem Wissen und dem Reden.“

Claudia Guderian: Magie der Couch. Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 2004, 187 Seiten, 39,80 Euro. Wer noch tiefer gehen will: Die Dissertation der Autorin, „Die Couch in der Psychoanalyse“, ist ebenfalls bei Kohlhammer erschienen (28 Euro). In diversen Städten wurden die Fotos schon ausgestellt, im November sind sie im Londoner Freud-Museum zu sehen. Nur in Berlin waren sie noch nicht.

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