Zeitung Heute : Countdown des Grauens

Sie kommen aus aller Welt, um ihre Mannschaft zu unterstützen. Dafür haben die Fans einiges auf sich genommen. Dabei konnten sie nicht ahnen, dass ihnen das Schlimmste erst noch bevorsteht: das laute Vorprogramm der Fifa.

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Eine Pressekonferenz im Berliner Olympiastadion, das tägliche „Media Briefing“ des Fußball-Weltverbandes Fifa. Ausländische Journalisten fragen Wolfgang Niersbach, warum die Stadionunterhaltung vor den Spielen immer so nervig sei. Der Vizepräsident des „Organisationskomitees der Fifa Fussball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland“ antwortet: „Wir haben ein klares Infotainment-Programm. Aber natürlich verdienen es auch die Gesänge der Fans nicht, dass man sie kaputtmacht.“ Ist die Unterhaltungsshow vor den Spielen wirklich so schlimm? Ein Selbstversuch vor dem Match England gegen Trinidad & Tobago. Anstoß in Nürnberg: Donnerstag, 18 Uhr.

16.53 Uhr Von der Anzeigetafel winkt ein animierter Goleo. Laute Musik erschallt, dazu erleuchtet ein Schriftzug: Entertainment.

16.54 Uhr Ein Stadionsprecher brüllt ins Mikrofon: „Ladies and gentlemen, welcome to Frankenstadion in Nuremberg.“ Es folgt Techno.

16.56 Uhr „Wer jetzt nicht lebt, wird nichts erleben.“ Herbert Grönemeyer säuselt sich durch die Lautsprecher, beim Refrain wird er lauter: „Olé, olé“. Danach ist auf der Anzeigetafel die Telefonnummer zu sehen, unter der man den Song als Klingelton herunterladen kann.

17.00 Uhr Die Hostcity Nuremberg stellt sich vor. Mit Videos von Fachwerkhäusern und Büropalästen.

17.03 Uhr Jetzt sind die Fifa-Charity-Kampagnen dran: Unicef, SOS-Kinderdörfer. Dazwischen Musik: „All together now“.

17.09 Uhr Im Einspielfilm wedelt Michael Ballack Zigarettenrauch aus dem Stadion. Ein Aufruf folgt: „No smoking please“.

17.10 Uhr Wieder Goleo, wieder „All together now“. Die Mannschaften betreten das Feld. Jetzt sind auch mal Fans zu hören.

17.12 Uhr Bryan Adams singt alte Lieder. Danach ein Spot für Umweltschutz. Immer lautere Musik: „Olé, olé, olé, we are the champions, olé“.

17.21 Uhr Die Regler werden weiter hochgedreht. „It’s coming home, football’s coming home …“ Erstes Ohrendröhnen.

17.23 Uhr Trommelwirbel. Werbung für die WM-Internetseite www.fifaworldcup.com.

17.24 Uhr Jetzt geht die Werbung richtig los: Adidas, Avaya, Anheuser Busch, Continental, T-Mobile, Fujifilm, Gilette, Hyundai, Mastercard, McDonald’s, Philips, Toshiba, Yahoo. In jedem Spot der Fifa-Sponsoren fliegen Bälle durch die Luft, in jedem jubeln Fans über Tore. Und wo sind Emirates und Coca Cola?

17.32 Uhr Der echte Goleo ist am Spielfeldrand beim echten Stadionsprecher. Goleo ruft „Welcome!“ Niemand antwortet.

17.36 Uhr Alte Hits („I will survive“) gehen in alte Fanlieder über („Schalalaalalaalaalala“).

17.40 Uhr Die Mannschaftsaufstellungen werden verlesen. Jetzt sind wieder Fans zu hören.

17.45 Uhr Erneut Werbung. Das „Flag team“ wird begrüßt, „präsentiert von T-Com“.

17.47 Uhr Goleos Hit, danach noch einmal Ballack – „No smoking please“. Dabei könnte man eine Zigarette jetzt gut gebrauchen.

17.48 Uhr Robbie Williams aus der Konserve: „Let me entertain you“. Viele Fans tanzen, unterhalten kann man sich sowieso nicht. „All together now“.

17.51 Uhr Eine Minute Ruhe.

17.52 Uhr „Und nun begrüßen wir die Träger der beiden Nationalflaggen“, tönt es aus den Lautsprecherboxen. Die Fahnen der Mannschaften werden von Kindern aufs Feld getragen.

17.53 Uhr Die Fifa-Melodie. Die Fifa-Flaggen. Die Fangruppen versuchen, gegen den Lärm anzukommen.

17.55 Uhr Die Hymnen ertönen, endlich.

17.58 Uhr Seitenwahl.

18.00 Uhr Anstoß. Jubel.

Robert Ide

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