COUNTRY & WESTERNWillie Nelson : Engel in Bodennähe

Bestimmt wird es eines Tages einen Film über das Leben von Willie Nelson geben. Der könnte dann etwa „Angel Flying Too Close To The Ground“ heißen, nach einem seiner erfolgreichsten Lieder: ein Titel, der einiges über diese wild mäandernde Biografie verraten würde. Zwar fehlt Nelson, der aus halbwegs soliden kleinbürgerlichen Verhältnissen stammt, die existenziell bedrängte Kindheit und Adolenszenz von mit oscarprämierten Biopics gewürdigten Kollegen wie Ray Charles oder Johnny Cash. Dafür hat er es im höheren Alter umso mehr krachen lassen.

Als ausgesprochener Späteinsteiger ins Berufsleben – Nelson war vierzig, als nach diversen Gelegenheitsjobs und einer zermürbenden Phase als Auftragsschreiber seine Solokarriere in Schwung kam – hatte sich seine sturköpfige Lebensphilosophie so weit verfestigt, dass er auf Autoritäten, gleich welcher Provenienz, allergisch reagierte. Kein Wunder also, dass er sich begeistert den „Texas Outlaws“ um Waylon Jennings und Kris Kristofferson anschloss, die den weichgespülten Nashville-Country mit einem naturalistischen Songwriter-Ansatz konterkarierten. Dem großen Erfolg, den Nelson in den siebziger und achtziger Jahren mit ambitionierten Alben wie „Red Headed Stranger“ und einfühlsamen Interpretationen des American Songbooks landete, folgte der Bankrott, nachdem die US-Steuerbehörden sein komplettes Vermögen gepfändet hatten. Und die Wiederauferstehung als knorriger Altersrebell der Country-Szene, dessen exzessiver Marihuanakonsum mit 77 Jahren immer noch so bemerkenswert ist wie sein wunderbar knödelnder Baritongesang. Jörg Wunder

Tempodrom, Do 17.6., 20 Uhr, 48-65 €

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