Zeitung Heute : Cranach besuchen

Plümper

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Beifuß, Natternkopf, Nachtnelke, Königskerze – der Rentner und sein Künstlerfreund kennen viele Ruderalpflanzen. Das sind Pflanzen, die auf Schutthalden wachsen. Wir sitzen auf einer Bank. Vor uns Ruderalpflanzen, Schuttpflanzen auf dem früheren Munitionsdepot der Amerikaner in der Nähe des Grunewaldsees. Ein großer Hund legt speichelnd seinen Kopf auf mein Knie und fixiert mein Pausenbrot. Sein Frauchen hilft nicht. Wieso heißen, denke ich, ausgewachsene Frauen, wenn sie von einem Hund geführt werden, eigentlich Frauchen? Ruderalpflanzen auf Waffenstarre, ein sabbernder Hund vor meiner Stulle, das kann man wohl respektlose Natur nennen.

Etwas weiter liegt das einzige Renaissanceschloss Berlins am schilfumkränzten Seeufer, das Jagdschloss Grunewald. Herrschaftlich bauten Kurfürstens damals nicht. Der Hof hier ist eher anheimelnd und ländlich statt protzig. Wir sind lange nicht mehr hier gewesen. Wahrscheinlich liegt es an den Hunden.

Drinnen aber sind wir sind allein mit den Aufsehern. Das schöne Schloss ist ein Museum im Dornröschenschlaf. Wir finden einen märchenhafter Reichtum an Bildern, besonders viele von Lucas Cranach. Der Künstlerfreund klärt mich auf: Cranach war ein geschäftstüchtiger Mann, war Apotheker und Hofmaler des sächsischen Kurfürsten, Bürgermeister in Wittenberg und betrieb eine Bilderwerkstatt. Seine Porträts der Reformatoren und ihrer Schirmherren sind hier zu sehen.

Den dickköpfigen Luther sehen wir und seinen schmalgesichtigen gelehrten Freund Melanchthon. Politisch korrekt war Cranach wohl eher nicht. Den Kardinal Albrecht von Brandenburg, den Gegner Luthers, malte er als Heiligen. Möglicherweise hatte Albrecht auch einen Hund und Cranach Angst. Die sabbern draußen wieder am See rum. Und der Künstlerfreund sagt tatsächlich: Ach, wie niedlich! Manchmal sind Künstler schwer verständlich.

Jagdschloss Grunewald, 15. Mai bis 17. Oktober, täglich außer Montag, 10 bis 17 Uhr.

Vom 18. Oktober bis 14. Mai, sonn- und feiertags, nur mit Führung (11, 13, 15 Uhr).

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