Crash-Kurs Börse : Kommt jetzt die Weltwirtschaftskrise?

Rezession, Hypothekenkrise, Aktientief – Was bedeutet das eigentlich und welche Folgen hat das Börsengeschehen für die Menschen in Deutschland?

Henrik Mortsiefer

Weltweit brechen die Aktienmärkte ein. Wie sollten sich Kleinaktionäre jetzt verhalten?



Wer mit Aktien und Fondsanteilen für seine Rente privat vorsorgt, also langfristig orientiert ist, sollte Ruhe bewahren. „Bitte nicht in Panik ausbrechen“, sagte Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) am Dienstag. Wer in diesen Tagen hektisch verkauft, gerät in den Strudel fallender Kurse. Auch langfristig angelegte Sparpläne auf Aktien und Fonds sollten nicht storniert werden, denn hier profitieren Anleger bei sinkenden Kursen auf lange Sicht von niedrigeren Durchschnittskosten. Allerdings gilt auch jetzt: Einzelaktien und Fonds sollten immer mit automatischen Verlustgrenzen versehen werden. Bei diesen Stopp-loss-Kursen werden die Papiere automatisch verkauft, größere Verluste also vermieden. Experten empfehlen, bei Standardwerten (zum Beispiel Dax-Aktien) ein Limit von bis zu 15 Prozent unterhalb des aktuellen Kurses, bei Wachstumswerten (zum Beispiel Tec-Dax-Aktien) von bis zu 25 Prozent. Im Zweifel empfiehlt sich eine Beratung bei der Hausbank.


Lohnt sich nach dem kräftigen Kursrutsch schon wieder der Einstieg?

Vorsicht ist geboten, weil selbst Experten rätseln, wie es weitergeht. Nur Mutige wagen jetzt Aktienkäufe. Wer den deutschen Großbanken glaubt, die für Ende 2008 im Schnitt einen Dax-Stand von 8400 Punkten vorhersagen, kann langsam wieder zukaufen – mit entsprechender Absicherung. Das Risiko weiterer Verluste ist aber groß. Experten sprechen von einer Bullenfalle: Nach einer kurzen Erholung fallen die Kurse umso tiefer.


Auch die Aktien großer Versicherungskonzerne sind abgerutscht. Hat der Crash Folgen für Lebens- und Rentenversicherungen?

„Es ist nicht davon auszugehen, dass es durch diese Aktienmarktschwankungen zu größeren Veränderungen kommt“, sagte der Sprecher der Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), Peter Schwark, am Dienstag. Auch sogenannte Riester-Produkte blieben vergleichsweise sicher. Zwar investierten die Versicherer für die kapitalbildenden Lebensversicherungen auch an Aktienmärkten. „Das ist aber sehr begrenzt.“ In der Regel liege die Aktienquote der deutschen Lebensversicherer bei zehn bis zwölf Prozent. Auf die Überschussbeteiligung für das laufende Jahr habe der Kursrutsch ohnehin keine Auswirkung, die meisten Versicherer hätten ihre Überschussbeteiligungen schon deklariert. Schwark zufolge können die Versicherten im Durchschnitt mit einer Gesamtverzinsung ihrer Lebensversicherung von „ungefähr fünf Prozent“ rechnen, geringfügig mehr als im vergangenen Jahr. Auch im nächsten Jahr sei nicht mit drastischen Reaktionen zu rechnen. Verbraucherschützer geben jedoch zu bedenken, dass nur der Garantiezins sicher ist. Er wird auf die eingezahlten Beiträge abzüglich der Verwaltungsgebühren und Provisionen gezahlt und beträgt aktuell 2,25 Prozent.


Müssen sich auch Sparer, die ihr Geld in festverzinslichen Papieren, auf Tagesgeldkonten oder in Rentenfonds gesteckt haben, Sorgen machen?

Giro-, Tagesgeld- oder Festgeldkonten sind krisenfest, weil der Einlagesicherungsfonds als freiwilliges Sicherungssystem der Banken Kundengelder selbst im Falle einer Bankenpleite schützt. Bei vielen Auslandsbanken reicht der Schutz allerdings nur bis zu einer Einlage von höchstens 20 000 Euro. Rentenfonds haben als „sichere Häfen“ in den letzten Tagen mit Kursgewinnen von den Börsenturbulenzen profitiert. Weiter sinkende Zinsen – die US-Notenbank reduzierte den Leitzins am Dienstag um 0,75 Prozentpunkte auf 3,5 Prozent – könnten Zinsanlagen künftig allerdings unattraktiver machen.


Bekommen Verbraucher jetzt schwieriger einen Kredit?

Von einer Kreditklemme ist bislang wenig zu spüren. Auch bei Bauspardarlehen gibt es keine Probleme, weil Immobilien in Deutschland anders als in den USA mit 20 bis 30 Prozent Eigenkapital finanziert werden und Zinsbindungen langfristiger sind. Die Geschäftsbanken haben allerdings große Probleme bei der Geldversorgung untereinander. Dies ist eine Folge der US-Immobilienkrise, die auf dem Geldmarkt – wo sich Banken kurzfristig Geld leihen – zu dramatischen Engpässen geführt hat.


Wie wirkt sich der Aktiencrash auf die deutschen Unternehmen aus?

Obwohl die Börsenwerte der am Kapitalmarkt notierten Unternehmen in den vergangenen Tagen zum Teil dramatisch gesunken sind, wirkt sich der Kurseinbruch eher mittel- bis langfristig negativ aus. So wird es bei einer anhaltenden Aktienflaute für Firmen schwieriger, sich am Kapitalmarkt über die Ausgabe von Aktien zu finanzieren. Aktien werden zudem als Zahlungsmittel (bei Fusionen und Übernahmen), Anreizinstrument (für Manager) und Beteiligungsform (für Mitarbeiter) unattraktiver. In erster Linie könnte sich aber eine Krise der US-Wirtschaft negativ bei deutschen Exporteuren bemerkbar machen. Der Exportanteil am deutschen Bruttoinlandsprodukt liegt bei über 40 Prozent, zwei von fünf Euro werden also im Ausland verdient. Auch die Vorsicht der Banken bei der Kreditvergabe bekommen die Firmen zu spüren. Investitionen könnten deshalb zurückgestellt werden, die Gewinne der Unternehmen wachsen nicht mehr so stark wie zuvor oder gehen sogar zurück.


Kostet der Kurseinbruch Arbeitsplätze?

Nicht unmittelbar. Die deutsche Exportwirtschaft ist aber ein wichtiger Arbeitgeber: Fast neun Millionen, also knapp ein Viertel der Arbeitsplätze, hängen von ihr ab. Kommt es zur Rezession, treten die Firmen kürzer – auch beim Personal.


Greifen ausländische Staatsfonds jetzt nach preiswerten Aktien, um sich in die deutsche Wirtschaft einzukaufen?

Am Montag und Dienstag zogen sich vor allem ausländische Investoren vom deutschen Aktienmarkt zurück. Das spricht eher gegen eine Einkaufswelle. In den USA haben Staatsfonds aus Asien und Arabien schlechte Erfahrungen gemacht. So verlor die China Investment Corporation seit dem Einstieg beim Finanzinvestor Blackstone viele Millionen Dollar. Auch die jüngsten Finanzspritzen für Großbanken zahlten sich nicht aus – deren Aktien fielen weiter. Rund 30 Milliarden Dollar haben die „Investoren aus dem Osten“ bisher in die von der Hypothekenkrise gebeutelten Merrill Lynch, Morgan Stanley, Bear Stearns, Citigroup und UBS investiert. Dieser Trend dürfte – Krise hin, Krise her – anhalten.


Kommt es jetzt zur Rezession in den USA oder sogar zu einer Weltwirtschaftskrise?

Die Ökonomen streiten darüber. Pessimisten glauben, dass die US-Immobilienkrise zusammen mit dem schwächeren Wirtschaftswachstum und den einbrechenden Börsen ein gefährliches Gemisch ergibt, das die US-Wirtschaft – und in der Folge die Wirtschaftsräume in Europa und Asien – in eine Rezession stürzen könnte. Optimisten glauben hingegen, dass sich die Börsen wieder fangen werden und der Abschwung in den USA weniger dramatisch ausfällt. Ihr Argument: Die Notenbanken werden – um den Preis einer höheren Inflation – die Märkte mit billigem Geld fluten und die Vertrauenskrise unter den Banken durch weitere Zinssenkungen beenden.

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