CSU : Im Süden ein bisschen was Neues

Es wird jetzt Zeit, sagt eine Delegierte, über dem CSU-Parteitag liegt leichte Ungeduld. Gott mit dir, du Land der Bayern, ruft Stoiber. Doch dann sind die Neuen dran

Robert Birnbaum[München]

Der Delegierte Joachim Doppel hat dem Horst Seehofer gerade noch gefehlt. Der Delegierte Doppel aus Kronach bittet nämlich um Barmherzigkeit mit dem Kandidaten Seehofer. „Wir müssen heute als Parteitag dafür sorgen, dass wir Horst Seehofer, wenn es schon eine Silbermedaille sein soll, eine hervorragende geben“, ruft Doppel. Einige applaudieren, andere lachen. Seehofer verzieht keine Miene. Seehofer hat seit zwei Tagen schon praktisch keine Miene verzogen. Selbst bei seiner Bewerbungsrede bleiben seine Züge vergleichsweise unbeweglich. Der Mann, der auszog, mit einer fulminanten Ansprache den CSU-Parteitag auf seine Seite zu ziehen, macht nicht einmal den Versuch dazu. Und so kommt es, wie es kommen sollte. Am Samstag um 14 Uhr 30 springt Erwin Huber auf seinen Stuhl und winkt über den dichten Ring von Kameras hinweg in den Saal. Die CSU hat einen neuen Vorsitzenden. Huber geht auf das Podium. „Ich bitte alle, dass wir zusammen stehen und dass wir zusammenhalten“, sagt der kleine Niederbayer. Die Anspannung steht ihm immer noch im Gesicht.

Aber vielleicht ist das alles auch wirklich ein bisschen viel für eine Partei wie die CSU: Das Ende eines neunmonatigen Abschieds, ein frisch nominierter Ministerpräsidentenkandidat, drei Vorsitzendenkandidaten, darunter eine Gabriele Pauli, eine bestens gelaunte Kanzlerin. Allein der Abschied hat ja alle strapaziert. Am Freitag, als Edmund Stoiber seine Pflicht als Parteivorsitzender erfüllt und ins neue Parteiprogramm einführt, bekommt er schon zu spüren, was keiner laut aussprechen mag, leise aber viele. „Es wird jetzt Zeit“, sagt eine Delegierte. „Wir müssen wieder nach vorne kommen.“

Da sind sie nicht gewesen im letzten Dreivierteljahr. Besonders die Berliner unter den Bayern haben das Interregnum schmerzlich gespürt. „Wir sind doch nicht mehr durchgedrungen, mit nichts“, sagt ein altgedienter CSUler. Ob zum Beispiel der Wirtschaftsminister gegen den Mindestlohn ist oder nicht – es war allen anderen noch viel mehr egal als ihnen die Einwürfe des Michael Glos üblicherweise sind. Deshalb liegt eine gewisse Ungeduld über dem Parteitag.

Am Freitagabend haben sie dem Edmund trotzdem noch einmal ein Fest ausgerichtet, nach CSU-Art ganz dezent, höchstens 2000 Leute an langen Tischen in einer riesigen Messehalle. Ganz von hinten ertönt der bayerische Defiliermarsch. Die Blaskapelle aus Wolfratshausen zieht in den Saal, dahinter Stoiber mit seiner Frau Karin und mit Angela Merkel. Stoiber winkt in die applaudierende Menge, drückt hier und da eine bekannte Hand und strahlt. Täuscht das nur, oder braucht er diesmal besonders lange? Findet besonders viele bekannte Hände zu drücken? Strahlt ein wenig matt? So oft hat er das hier erlebt. Dies ist das letzte Mal. Das Fest fällt ansonsten leicht unentschieden aus, weil es offiziell die Feier des 66. Geburtstags des CSU-Vorsitzenden ist und amtlich kein Abschied.

Einerseits also sagen alte Weggefährten Servus, der frühere österreichische Bundeskanzler Wolfgang Schüssel etwa. Andererseits reihen sich die Bezirksvorsitzenden der CSU auf der Bühne auf, versuchen je einen Witz und überreichen Geschenke. Von Joachim Herrmann zum Beispiel gibt es drei Fußbälle, Marke „Teamgeist“. Stoiber wird interviewt – worauf er sich besonders freue? Mal drei Wochen Ski fahren, sagt Stoiber, fügt aber sicherheitshalber dazu: „…aber nicht am Stück!“ Und Angela Merkel hält eine Rede. Die wenigstens ist wirklich komisch. Die preußischen Tugenden des Oberbayern lobt Merkel zum Beispiel, Verlässlichkeit, Pflichtbewusstsein, Heimatverbundenheit, nur an einer, „da könntest du noch ein bisschen arbeiten: Pünktlichkeit“. Der Saal johlt. Oder der Schlenker auf Stoibers Treffen neulich mit dem Altkanzler Gerhard Schröder: „Da war ich doch ein bisschen enttäuscht, denn unser Frühstück in Wolfratshausen erschien mir doch ziemlich einzigartig!“ Der Saal kichert. Man würde jetzt gern Stoibers Miene sehen. Sie haben sich aneinander abgearbeitet, Merkel und er. Sie hat überdauert.

Günther Beckstein hat auch überdauert. Er hat seinerzeit, als Bezirkschef von Franken, dem Ministerpräsidenten Stoiber den Weg zum Parteivorsitz freigeschossen. Jetzt wird er sein Erbe in der Staatskanzlei. Und wer Beckstein am Samstagvormittag reden hört, spürt, dass Beckstein sehr entschlossen ist, dieses Erbe keineswegs nur übergangshalber zu verwalten. Neulich hat er mal erzählt, wie er schon einmal eine Großbehörde von Stoiber übernommen hat – das Innenministerium nämlich. Anfangs hätten seine Spitzenbeamten hinter seinem Rücken weiter bei Stoiber angerufen, wenn sie etwas durchsetzen wollten. „Aber als es zum ersten Mal um eine Beförderung ging“, hat Beckstein berichtet, „da mussten sie plötzlich zu mir. Das hat die Loyalität sehr gefördert.“

Man konnte die Geschichte ganz gut so verstehen, dass der Beckstein zwar ein freundlicher und schlitzohriger Typ ist, aber sich nichts vormachen lassen wird. Vor einiger Zeit hat er überdies schon öffentlich in Richtung Berlin wissen lassen, wie er die Eigenständigkeit der CSU im Zweifel auszulegen gewillt ist: „Gegen uns kann niemand etwas durchsetzen. Gar nichts.“

In seiner Nominierungsrede ist davon übrigens keine Rede. Das ist eine Landesvaterrede, in der das Wort „Kontinuität“ häufig vorkommt und das Wort „Zusammenhalt“ noch häufiger. Und so hätte denn auch der Nominierung des künftigen Ministerpräsidenten weiter nichts im Wege gestanden, wäre nicht wieder einmal die Gabriele Pauli ans Mikrofon getreten. In der Tagesordnung, sagt Pauli, stehe jetzt „Aussprache“, und sie habe eine Frage. Man habe ja schon viel mit ihr versucht. Als Königsmörderin habe man sie bezeichnet. In die Ecke des Rotlichts habe man sie stellen wollen. Man wisse gar nicht so recht, wie man mit ihr umgehen solle. Aber dass der „liebe Günther“ ihr geraten habe, sie solle zum Psychiater gehen – „ich möchte einfach eine Erklärung dazu!“

„Ja“, sagt der Tagungspräsident. „Wir kommen jetzt zur Nominierung des künftigen Ministerpräsidenten.“ Nein, ruft Pauli, sie habe eine Frage gestellt und wolle eine Antwort. Der Tagungspräsident wird amtlich. Die Aussprache sei mangels weiterer Wortmeldungen beendet, jetzt sei eine Abstimmung, und da dürfe niemand mehr reden. „Wir sind eine demokratische Partei“, sagt Pauli. Schon, sagt der Tagungspräsident, nur könne man keinen zwingen zu reden. Beckstein wird der Fürther Landrätin später ein persönliches Gespräch anbieten. „Du hast dich verrannt“, hat er ihr vor Wochen im Bezirksvorstand gesagt, und dass sie am besten eine Auszeit nähme.

Gabriele Pauli will keine Auszeit. Die Meinung über sie ist aber in der CSU inzwischen völlig einhellig. „Ich hatte anfangs gedacht, da ist eine mutige Frau“, sagt eine Delegierte. Doch was die „schöne Landrätin“ sich inzwischen an Eskapaden geleistet habe – „das schadet unserer, der Sache der Frauen mehr als alle Männer das je vermocht haben!“ Ehe auf sieben Jahre! Sie wird den Vorschlag später in ihrer Bewerbungsrede wiederholen, in sanftem Ton, dass es doch schön wäre, wenn sich ein Paar alle sieben Jahre wieder das Ja-Wort geben würde, und was die Leute eigentlich für Angst hätten, die dagegen seien? Huber übernimmt es in seiner Rede, darauf zu antworten. Ob also künftig die kleinen Kinder jedes Mal zittern sollten, ob die Eltern beisammen blieben?

Trotzdem geht der Parteitag milde um mit der selbsternannten Rebellin. Man lässt sie wortmelden. Man stimmt über ihre Anträge korrekt ab – „mit überwiegender Mehrheit bei einer Pro-Stimme abgelehnt“. Niemand wird laut.

Nur einmal brandet Hohngelächter auf. Das ist an der Stelle in ihrer Bewerbungsrede, in der Pauli der CSU vorwirft, dass sie sich viel zu sehr für die Medien inszeniere. Ausgerechnet die Frau muss das sagen! Pauli zeigt nämlich selbst alle Symptome einer akuten Prominenza. Dieses Virus nährt sich von Blitzlichtern und lässt die Befallene glauben, sie sei wichtig, weil sie nicht mal mehr ein Glas Wasser holen kann, ohne dass eine Mikrofonangel mit einem knallorangen ZDF-Windschutz über ihrem Kopf mitwandert für den Fall, dass sie etwas sagt. Am Freitag beantragt Pauli vom Saalmikrofon aus, im Grundsatzprogramm der CSU die Ehe nicht mehr ganz so wichtig zu nehmen. Der Antrag wird mit der üblichen Mehrheit – eine gegen alle – abgeschmettert. Pauli wendet sich vom Mikrofon ab, dem Fotografenhalbkreis zu. Sie stellt sich in Pose. Erst als jeder ein schönes Bild hat, geht sie zurück an ihren Platz. 24 Stimmen bekommt sie am Samstag für ihre Vorsitzenden-Kandidatur. Den Sitz im CSU-Vorstand hat sie verloren, das Landratsamt aufgegeben. Ob sie noch lange in der CSU ist, wer weiß? Aber die Zeit ist vorbei, wo ihr jemand eine Träne nachweinen würde.

Die Zeit der Rebellion ist jetzt sowieso erst einmal vorbei in der CSU. Seehofer hat in seiner Bewerbungsrede viel von Kontinuität gesprochen, Huber auch. Seehofer hat nur ganz zart daran erinnert, dass ein künftiger CSU-Vorsitzender es in Berlin mit einer „sehr, sehr starken Kanzlerin“ zu tun bekommen wird, was die Stimmung aber auch nicht mehr zu seinen Gunsten gewendet hat. Er bekommt aber respektable 40 Prozent der Stimmen. Dafür wird er später mit Superergebnis als Parteivize bestätigt. „Ich denke immer in langen Zeiträumen“, kommentiert er seine Niederlage. Das klingt mal wieder ein Stückchen überlegener, als er aussieht. Seehofer hat seit geraumer Zeit seine Bewerbung nur noch aufrecht gehalten, weil ein Rückzug vermutlich sein Ende bedeutet hätte. Dass er jetzt weit unter seinen Möglichkeiten als Volksredner auftritt, ist die Rücknahme der Kandidatur auf dem kalten Wege.

Die CSU aber hat eine große Sehnsucht nach Ordnung gepackt und nach klaren, überschaubaren Verhältnissen nach all den Wirren des zurückliegenden Jahres. Erwin Huber muss darum auch weiter nichts tun, als in seiner Rede sehr viel vom Zusammenhalt und vom Teamgeist und von der großartigen Basis zu sprechen. Dass er einmal Stoibers engster Getreuer war, zeitweise der meistgehasste Mann Bayerns als Exekutor einschneidender Reformen – vergessen. Als er gewählt ist, hält Huber eine kurze Dankrede. Und er nimmt eine erste Amtshandlung vor. Der neue Vorsitzende schlägt vor, seinen Vorgänger zum Ehrenvorsitzenden zu ernennen. Der Parteitag nimmt den Vorschlag an.

Schließlich hat Stoiber zum Schluss ja sogar noch ein bisschen Abbitte geleistet. Bei seinen Opfern – Barbara Stamm und Alfred Sauter, die beiden von ihm geschassten Minister, bittet er um Verzeihung. Bei der Partei – „jedes Amt hat seine Zeit“, sagt Stoiber in seinem letzten Rechenschaftsbericht; mancher, auch er, habe das manchmal vergessen. Und wenn er jetzt gehe, dann biete er den Nachfolgern an, ihnen mit Rat zur Seite zu stehen – „wenn sie es wünschen!“ Ganz zum Schluss, da sind ihm fast die Tränen gekommen. „Ich habe in all den Jahren immer mein Amt, meine Partei im Sinn gehabt“, sagt Stoiber. Die Familie, die sei zu kurz gekommen. Dann guckt er seine Frau an. „Du wirst immer meine First Lady sein.“ Karin Stoibers Lippen zittern verdächtig. „Gott mit dir, du Land der Bayern“, ruft Stoiber. Riesenapplaus. Nur der Delegierte Georg Pfister muss noch etwas sagen. „Ich wünsche dir einen ruhigen Lebensabend, denn du hast fast deine ganze Kraft, ich hab’s dir angesehen, für dein Amt aufgebraucht.“

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