Zeitung Heute : "Cube": Der Würfel ist gefallen

Jan-Arne Sohns

Ein silbrig glänzender Würfel mit einer Seitenlänge von knapp 20 Zentimetern, der in einem transparenten Gehäuse zu schweben scheint: Keine Ecke, keine Kante, an der das Auge sich festhaken könnte, bietet die abgerundete Hülle. "Das Glatte", so formulierte Roland Barthes einmal, sei "immer ein Attribut der Perfektion, weil sein Gegenteil die technische und menschliche Operation der Bearbeitung verrät." Nähme man den französischen Semiotiker beim Wort, der transparente Power Mac G4 Cube, den Apple-Firmengründer Steve Jobs dieser Tage präsentierte, wäre "der beste Bote der Übernatur".

Der von Jonathan Ive entworfene Kunststoff-Würfel ist der vorläufige Endpunkt einer Entwicklung, die von der Firma Apple maßgeblich vorangetrieben wurde: vom "Rechner" zum "Computer", vom bloßen Arbeitsgerät zum Designobjekt und Lifestyle-Möbelstück. Die docking stations für den Zugang zum Internet und zur größer werdenden Telearbeiter-Gemeinde, sind im heimischen Wohn- und Arbeitszimmer untergebracht.

Als Barthes in den fünfziger Jahren die "Mythen des Alltags" beschrieb, konnte er Computer kaum im Sinn haben: Erst in den 80er Jahren hielten sie Einzug in den Alltag. An vorderster Front auch damals schon: "der Mac", auf dem Markt seit 1984. Das weiße, in Handbüchern heute als Design-Klassiker abgehandelte Kasten-Gehäuse wurde von Hartmut Esslingers Firma Frogdesign entworfen. Von noch größerer Bedeutung war damals freilich die neuartige grafische Benutzeroberfläche. Fortan musste man kein Informatiker mehr sein, um mit dem Computer arbeiten zu können. Nachdem der Stern von Apple dann Mitte der 90er Jahre zu verblassen schien, katapultierte sich die Firma über das Design auf den Markt zurück: Der farbenfrohe, eiförmige iMac verkaufte sich in zwei Jahren weltweit 3,7 Millionen Mal. Plötzlich war es schick, einen Computer zu besitzen. Apple bewirbt seine "neue Kollektion" der iMacs "in den Farben der Saison: Indigo, Ruby, Sage, Graphite oder Snow."

Nun also, neben der neuen iMac-Kollektion, der G4 Cube. Rund 3800 Mark soll er kosten. Seine Würfelform verheißt - daran erinnert zur Zeit auch der Kinofilm "Cube" - Berechenbarkeit, strenge Regelmäßigkeit, mathematische Genauigkeit. Im Cube wird der Computer zum Symbol seiner selbst, seine Form veräußerlicht gerade jene Eigenschaften, die frühere Rechner so unmenschlich erscheinen ließen. Der gläserne Würfel bezeichnet den Abschluss einer Emanzipation: der schrittweisen Aneignung der Maschine durch die Sphäre des Menschlichen.

Der nächste Schritt, die Einverleibung des Automaten durch den Menschen, erfolgt durch seine Eingliederung in den intimsten menschlichen Bereich: die Wohnung. Für Ausstatter und Architekten sind "non-territoriale" oder "Satelliten"-Büros schon seit einiger Zeit Gegenstand fachlicher Debatten. Nach einer EU-Studie arbeiteten im Oktober 1999 in Deutschland bereits mehr als 2,1 Millionen Menschen an Telearbeitsplätzen. Jährlich werden es 20 Prozent mehr. Grund genug für den Einrichtungs-Riesen Ikea - schnell im Erkennen von Trends und noch schneller darin, diese Gewinn bringend zu popularisieren - dem Thema Heimarbeit in seinem letzten Katalog erstmals ein eigenes Kapitel zu widmen. Das Vorwort zeigt, worum es geht: um die Einverleibung der Arbeit und der dafür notwendigen Apparate in den Bereich des Intimen, Wohnlichen, Behaglichen; um das Aufgehen des Büros in der Wohnung. Die Möbelfirma will dabei helfen, "sich zu Hause einen ganz persönlichen Arbeitsplatz zu schaffen." Freilich "ohne dabei Ihr Zuhause in ein Büro zu verwandeln. Schließlich wohnen Sie ja da." In behaglich schummrigem Licht sieht man den Esszimmer- und zugleich Arbeitstisch eines jungen Paares. Ein bauchiges Rotweinglas korrespondiert mit dem ebenso bauchig ausgestülpten, grünen iMac-Ei am anderen Ende des länglichen Tisches. Der Gegensatz von Computer-Arbeitsatmosphäre und Behaglichkeit ist in Gemütlichkeit aufgelöst. Das Motto der Kampagne, "Spaß an der Arbeit - Freude am Leben", verleiht der Überzeugung Ausdruck, die Ikea-Gründer Ingvar Kamprad in einer Presseerklärung formuliert: "Der Bedarf an Einrichtungsgegenständen für Heimarbeitsplatz und Büro wird größer, und wir sind der Meinung, dass die Grenzen fließender werden."

Ob der brandneue G4 Cube-Mac noch als Dekoration im nächsten Ikea-Katalog Berücksichtigung finden kann, ist dann im Herbst zu erfahren. "Living is my business, and business is good", könnte dann der Slogan lauten.

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