Zeitung Heute : Cueva Buena Vista Kindergeburtstag im Keller

Elisabeth Binder

VON TISCH ZU TISCH

Damals war ich im Paradies und fand nur einen Makel. Es dauerte alles immer so lange. Die Küche auf der Karibik-Insel Paradise Island war superb, aber wenn im Service karibisches Laissez-Faire mit sozialistischem Schlendrian zusammen kämen, dann wäre ich wahrscheinlich in meiner persönlichen Hölle angelangt. Man muss nicht nach Kuba fliegen, um das zu erleben. Ein kleiner Trip nach Friedrichshain reicht. Das Cueva Buena Vista hat eine enthusiastische Fan-Gemeinde, die mich seit langem drängte, es einmal anzuschauen.

Der obere Gastraum ist von extrem gebremstem Glamour. Nachdem wir auf dem einzigen freien Tisch die Bierdeckel zusammen gestapelt und den vollen Aschenbecher auf die Theke verfrachtet hatten, sah er ein kleines bisschen appetitlicher aus. Vielleicht sollte man an dieser Stelle schon verraten, dass das Essen nicht mal billig war, zu zweit bezahlten wir am Ende 73 Euro.

Wir brauchten eine Weile, um herauszufinden, dass eine Kellnerin plötzlich ausgefallen war. Immerhin kam das Vorgericht schon nach etwa 90 Minuten. Die Hölle hatte ich mir fast schlimmer vorgestellt. Es würde helfen, wenn sie die Drinks, wie auf Kuba üblich, mit Rum in wirkungsmächtigen Mengen anreicherten. Der Mojito hatte wenigstens viel frische Minze drin. Der Buena Vista Cocktail hingegen hatte eher weniger Promille als ein Glas Fanta, war zudem total zuckrig. Perfekt für einen Kindergeburtstag.

Immer wieder verschwanden Leute, einen Drink in der Hand, im Keller und kehrten nicht wieder. Ob da das Rum-Fass stand?

Die Kürbiscremesuppe (4 Euro) mit viel Knoblauch hatte diesen bodenständigen Geschmack eines deftigen Eintopfes. Dazu ein in zwei Dreiecke geteilter Toast aus der Supermarkt-Packung im etwas angetrockneten Stadium. Den gab es auch zum Salat mit Avocadowürfeln. Leider war der ovale, goldgerandete Teller viel zu klein für die Salatmenge, so dass ein Teil der Avocadowürfel auf die hölzerne Tischplatte fiel, über deren Sauberkeitsgrad ich mir keine Illusionen machte. Die Gurkenscheiben waren zu groß, die Tomaten zu matschig, an Dosenmaiskörnern kann man glücklicherweise nicht so viel falsch machen. Und das Dressing war ganz in Ordnung, so à la kubanische Sommerfrische.

Die offenen Weine aus Chile und Spanien (0,2 l 3,50 - 4,50 Euro) waren verglichen mit den Cocktails schon deshalb sehr gut, weil sie echten Alkohol enthielten, und den braucht man, um das hier vorherrschende Tempo bzw. Nicht-Tempo zu ertragen. Natürlich kann man spazierengehen und die Kellerhöhle besichtigen. Da gibt es ganz gemütliche Nischen, aber mehr für Kneipengänger als für Restaurantfans. Die Kerzen brennen blitzschnell nieder und hinterlassen auf dem Tisch einen Haufen warmen Wachs. So kann man sich auch auf Trab halten, indem man dafür sorgt, dass man immer was runterzukratzen hat. Außerdem fand dort unten ein Tanzkurs statt, und ein DJ baute hinter müllautofarbenen Minibirnen sein Equipment auf.

Derweil werden oben CDs getauscht, vielleicht auch noch andere Sachen; es schauen immer mal wieder Leute vorbei, aber nur kurz. Freunde begrüßen sich mit großer Herzlichkeit. Dies alles begucken sich aus der Perspektive handsignierter und mit Widmungen versehenen Wandbildern unter anderem Rolf Eden, Ibrahim Ferrer (aus dem Film „Buena Vista Social Club“) und Ron Williams, allesamt, wie es scheint, dankbarere Rezipienten des typisch kubanischen kulinarischen Stils als ich. Hinter der Bar steht ein, wenn nicht effizienter, so doch freundlicher, irgendwie charismatisch wirkender Boss und dirigiert das Ganze.

Und nach gut zwei Stunden kommt auch schon der Hauptgang. Er heißt „Plato Cueva Buena Vista“, besteht aus zwei dicken Scheiben gebeizten und trotzdem noch zähen Schweinefleisches aus dem Backofen, dazu gibt es dunkelgrauen Reis mit schwarzen Bohnen vermischt, Salat mit wenig oder keinem Dressing, einen hochstehenden Quader Maniokwurzel, der ein bisschen an mehlige Kartoffel erinnert und gebratene Kochbananenscheiben im Teigmantel. Letztere waren definitiv das Highlight auf dem Teller, der leider nicht erröten und uns zeigen konnte, dass er sich der mehligen Sauce, die man auf ihm abgelagert hatte, aufrichtig schämte (11 Euro). Etwas besser war das Thunfischfilet in fruchtigem Tomatenknoblauchrahm. Der weiße Reis war schick zum kleinen Küchlein hochgestylt und mit einer schwarzen Olive gekrönt, und das Thunfischfilet von sehr mittlerer Qualität, aber wenigstens nicht hart (13,50 Euro).

Zum Nachtisch gibt es verschiedene Eissorten, aber wer weiß, ob wir nicht immer noch da säßen, wenn wir uns dazu wirklich durchgerungen hätten. Als wir endlich wieder draußen waren, gerieten wir in einen Brüll-Wettbewerb von zwei rivalisierenden Teenager-Gruppen. Herauszufinden, wer lauter brüllen kann, scheint jetzt in zu sein. Das Paradies ist ganz schön weit weg.

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