Zeitung Heute : Cullens tönende Torschau

Der Tagesspiegel

Der Herr General von Wrangel möge sich ja nicht unterstehen, mit seinen Truppen in Berlin einzuziehen, drohten die Aufständischen der Märzrevolution 1848. Wage er es doch, so werde man kurzerhand seine Frau aufknüpfen. Das hat den alten Soldaten, dessen Palais sich standesgemäß am Pariser Platz befand, nicht irritiert, nur als er an der Spitze seines Heeres durchs Brandenburger Tor einzog, beugte er sich doch zu seinem Adjutanten rüber, und er klang ein wenig besorgt: „Ob se ihr jetzt wohl uffhängen?“

Gräbt man sich in Berlin an Orten von einiger Bedeutung durch die Geschichte, so stößt man auf zahllose solcher Fundstücke: Anekdoten, historisches Schnitzelwerk von mehr oder weniger hohem Unterhaltungswert, und auch Sternstunden, wenn auch nicht gleich der ganzen Menschheit, so aber doch eines speziellen Teils. Und das Brandenburger Tor ist nun mal der für die Welt wohl symbolträchtigste Winkel in der Stadt, an dessen Beispiel sich die Berliner Geschichte durch die Jahrhunderte nachvollziehen lässt.

Dickleibige Bücher sind darüber schon verfasst worden, jetzt wurden dem Stapel der Publikationen zwei Silberlinge hinzugefügt: das als Doppel-CD (oder -MC) von Michael S. Cullen vorgelegte Hörbuch „Das Brandenburger Tor und die Quadriga“, erschienen im Hertzfrequenz Hoerverlag in St. Augustin.

Dort hatte Cullen im Frühjahr letzten Jahres ebenfalls eine Doppel-CD über den Reichstag vorgestellt, die in Kooperation mit dem Deutschen Rundfunkarchiv zustande gekommen war. Die vergleichsweise kurze Geschichte des Parlamentsgebäudes konnte in zahlreichen, historisch wertvollen Tondokumenten gespiegelt werden, eine Möglichkeit, die beim 1791 eröffneten Tor für über ein Jahrhundert natürlich entfiel. SFB und Rundfunkarchiv haben auch diesmal mitgewirkt, dennoch überrascht es, dass die gewiss zahlreich vorliegenden Tondokumente aus dem 20. Jahrhundert doch nur sehr sparsam eingesetzt wurden und von der Doppel-CD vor allem die sonore Stimme des Sprechers Otto Sander im Ohr hängen bleibt.

Der Reiz des Hörbuches liegt daher weniger in der Form als im Inhalt. Natürlich weiß der Durchschnittsberliner einiges von seinem Tor, oder er sollte es zumindest. Aber auch dem historisch Interessierten bietet Cullen jede Menge Neues über das Bauwerk und seinen kupfernen Dachschmuck.

Wer weiß schon noch um die Probleme bei der Proportionierung der Quadriga? Die Modelle, die schon weit fortgeschritten waren, schienen der Akademie der Künste plötzlich zu mickrig. In gleicher Größe wurden daher Gemälde geschaffen und oben auf dem Tor postiert. Die Folge: Neu anfangen, aber bitte ein Sechstel größer. Später geriet dann die Göttin im Vergleich zu den Rössern zu üppig, darüber sah man großzügig hinweg.

Und auch die Ausstattung der ersten Torwache ist ein Detail, das selbst Spezialisten kaum geläufig sein dürfte: drei Tische, vier neue Schemel, zwei gebrauchte, ein Spind für die Unteroffiziere und vier Schlüssel. Alles nicht sehr glamourös, aber doch passend zur glanzlosen Eröffnung des Tores am 6. August 1791.

Cullens Hörbuch wimmelt von solchen Geschichten, er verliert darüber aber nie den Faden, spinnt ihn sogar räumlich über Berlin und zeitlich über die Torgeschichte hinaus weiter. So findet sogar der Große Kurfürst und sein Edikt von Potsdam zugunsten der Hugenotten Erwähnung. In 21 Kurzkapitel aufgeteilt, schildert Cullens Werk also zugleich Tor-, Stadt- und Landesgeschichte. Und zeigt zugleich, dass manches sich in Berlin nie verändert: Das Tor als Verkehrshindernis – ein endloses Kapitel. Nur im Detail haben sich die Probleme geändert. Torflügel, die von allzu heftigen Winden der Wache aus den Händen gerissen werden könnten, gibt es zum Glück schon lange nicht mehr. In der Vergangenheit allerdings kam darüber manche Kutsche zu Schaden. Andreas Conrad

Michael S. Cullen: Das Brandenburger Tor und die Quadriga. Hertzfrequenz Hoerverlag. St. Augustin. 145 Minuten, 22,95 Euro.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben