Zeitung Heute : Cyberspace und DDR

Der Tagesspiegel

Tom Peuckert verrät, was Sie nicht verpassen sollten

Die Leipziger Buchmesse steht vor der Tür. Wer mit der Mode geht, wird sich in diesen Tagen intensiv für Bücher interessieren. Auch das Kulturradio beweist gerade jetzt, dass es die schöne Literatur tief in sein elektronisches Herz geschlossen hat. Aus der Fülle lockender Angebote empfehlen wir ein Porträt des Schriftstellers Ingo Schulze. Schulze ist Autor des bemerkenswerten Buches „Simple Stories“ und gewiß einer der begabtesten Erzähler dieses Landes. Seine in Wahrheit gar nicht so simplen Geschichten rekonstruieren die Lebenswelt des Ostens in den Jahren des großen Umbruchs. In einem Stil, der vom hellen Realismus amerikanischer Epiker ebenso beeinflusst scheint wie von Kafkas symbolischer Dunkelheit. Alles geschieht auf der schmalen Grenze zwischen Bewusstsein und Traum. Unter dem programmatischen Titel „Nichts ist unmöglich“ versucht Autor Klaus-Michael Hinz das Geheimnis der poetischen Wirkung dieser Stories zu ergründen (SWR 2, 19. März, 21 Uhr, Kabel UKW 107,85 MHz).

Wer die kontroversen Rezensionen zu Christa Wolfs neuer Erzählung „Leibhaftig“ gelesen hat, und nicht genau weiß, ob ein eigenes Urteil den Anschaffungspreis des Buches wert ist, kann sich zunächst im Radio informieren. Christa Wolf höchstselbst liest aus ihrer literarischen Rückblende ins Jahr 1989. Als die Jüngeren im Osten sich befreit fühlten und viele Ältere ihre sorgsam ausbalancierten Nischenexistenzen verloren (Deutschlandradio, 21. März, 0 Uhr 05, UKW 89,6 MHz).

Die Avantgarde der Radiomacher aber trifft sich nicht auf der Buchmesse, sondern beim Medienkunstfestival „intermedium“ in Karlsruhe. Dort schwebt man in freier Assoziation durch die Datennetze, produziert vollkommen virtuell, handelt strikt interaktiv. Es geht um Identitäten im 21. Jahrhundert. Nichts ist gewiß, aber alles wird elektronischer, cyberspaciger, netzhafter. Eine Nacht voller interaktiver Hörspiele, Audio-Performances, hochtechnologischer Klangexperimente (SWR 2, 22. März, live ab 20 Uhr 05; ab 23 Uhr 05 auch beim Deutschlandradio).

Wer das Radio einmal von innen anfassen möchte, hat heute ab 14 Uhr Gelegenheit dazu. Radio Kultur präsentiert sich öffentlich in den schönen Räumen des Funkhauses an der Masurenallee. Beliebte Moderatoren suchen Körperkontakt mit ihrem Publikum, das Klangarchiv der Hörspielabteilung stellt sich vor, die Kirchenredaktion veranstaltet einen Bibelquiz. Wer die Genealogie der Propheten auswendig kennt, kann vielleicht mit einem Hauptgewinn nach Hause gehen.

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