Zeitung Heute : Cyberterrorismus: Die schlimmsten Angriffe bleiben anfangs unbemerkt

Burkhard Schröder

Angesichts der Milzbrand-Anschläge in den USA ist offenbar nichts mehr undenkbar. Selbst Szenarien, dass Cyberterroristen durch gezielte Anschläge auf die Kommunikationsinfrastruktur Rettungs- und Katastrophenschutz-Aktionen behindern könnten, werden in den Vereinigten Staaten als zusätzliche Gefahrenquelle behandelt. Auch hierzulande werden solche Fragen diskutiert. Das neueste "Anti-Terrorpaket" der Bundesregierung, das Ende Oktober zur Beratung ansteht, wird sich mit den "Möglichkeiten zum Angriff auf die Informations- und Kommunikatonssysteme" beschäftigen.

Angriffe auf Computersysteme, der so genannten "Information Warfare", sind ein neues Phänomen. Neu ist auch, dass nicht nur Militärs sich der Mittel des Cyberwars bedienen, sondern jeder Hacker über die gleichen Mittel verfügt. Man kann sich in der nahen Zukunft eine Gruppe jugendlicher Computer-Spezialisten, etwa in Pakistan, vorstellen, die mit islamischen Extremisten sympathisieren und versuchen, virtuelle Attacken auf die Computer der USA zu starten. Doch ist dieses Szenario realistisch?

Ein möglicher Krieg im Cyberspace - Attacken gegen die Computersysteme anderer Staaten - zielt weniger auf die Hardware. US-amerikanische Militärs, vor allem das "Airforce Information Warfare Center", haben schon vor mehreren Jahren Systeme getestet, um mit Hilfe elektromagnetischer Impulse die digitale Kommunikation und die Rechner möglicher Gegner lahmzulegen. Angeblich sind diese Methoden im Golf-Krieg gegen den Irak genutzt worden. Diese Methoden bedürfen jedoch eines immensen technischen Aufwands.

Viel gefährlicher ist eine Software-Attacke. Falls eine Regierung auf ihren Rechnern kommerzielle Programme nutzt, kann sie sich nicht sicher sein, ob keine Modifikationen oder gar "Trojanische Pferde" eingebaut sind. Die meisten Regierungen, etwa China, bedienen sich daher für sensible Bereiche selbst programmierter Software. Ein Szenario, in dem jugendliche Hacker von außen die Stromversorgung ganzer Städte abschalten, die sensible Elektronik von Flugzeugen stören oder in Atomkraftwerke eindringen, gehört zwar zum Standard-Repertoire vieler Kriminalfilme, in Wahrheit jedoch ins Reich der Fantasie.

Schlimmere Folgen hätte es, wenn es Cyberterroristen gelänge, Daten auszuspionieren, ohne Spuren zu hinterlassen. Im Normalfall sind sensible Systeme, etwa Rechner, die Informationen über militärische Daten enthalten, nicht an das Internet angeschlossen. Die Schwachpunkte liegen an den Schnittstellen, an denen die Netzrechner mit internen Netzen kommunizieren. Hat ein Hacker aber einen an das Internet angeschlossenen Rechner kurzfristig übernommen, kann er sich über die Interna des Systems infomieren. Zum Beispiel darüber, welcher Rechner wie mit anderen verbunden ist. So lassen sich weitere Attacken vorbereiten.

Die frei zugängliche Website uptime.netcraft.com einer englischen Firma gibt Auskunft darüber, welche Betriebssysteme zum Beispiel die Bundesregierung nutzt: ausnahmlos Server mit Microsoft-Produkten, deren Sicherheitslücken bekannt sind und in der Hacker-Szene ausführlich kommentiert und diskutiert werden. Das gilt auch für Berliner Firmen. Wie hier ein Angriff möglich wäre, zeigen Websites wie defaced.alldas.de, ein Online-Archiv für gehackte Homepages von Firmen weltweit, mit detaillierten Informationen über die ausgenutzten Schwachstellen der jeweiligen Systeme.

Der wirkliche Cyberwar findet nicht zwischen militärischen, sondern zwischen privaten Gegnern statt, etwa zwischen Unternehmen, die wechselseitig ihre Geheimnisse ausspionieren. Das Bundeswirtschaftsministerium fördert daher schon seit langem die Entwicklung von Software, die die Kommunikation verschlüsselt und das Verhalten der Surfer anonymisiert. Diese Methoden können auch Kriminelle nutzen. Das gilt für kryptografische Verfahren ebenso wie für Anonymisierungs-Software. Aber das zu verhindern, wäre vergleichbar mit der Absicht, Zahnpasta wieder in die Tube zurück zu drücken.

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