Zeitung Heute : Cyberwar: Strom weg, Konto weg, Telefon tot

Markus Ehrenberg

Um die Bundesrepublik zu zwingen, ihre militärischen Kontingente aus dem Kosovo zurückzuziehen, hackt sich eine "mafiose, international operierende Gruppe" in die Rechner des Stromversorgungsunternehmens einer deutschen Großstadt ein, legt für mehrere Stunden das gesamte Stromnetz lahm. Polizei und Sicherheitsexperten reparieren fieberhaft, aber in der Folge bricht das wirtschaftliche und öffentliche Leben zusammen. Speziell programmierte Computer blockieren durch Dauerwahl das Telefonnetz. Die Flugsicherung fällt aus. Schließlich lässt ein eingeschleuster Saboteur die Rechner einer Großbank abstürzen. Nichts geht mehr. Deutschland im Ausnahmezustand, lebenswichtige Infrastrukturen in der Hand von ein paar Cyberkriminellen.

Der Cyberwar. James-Bond-Fantasie, Medienhype oder ernst zu nehmende Gefahr? Kaum ein Tag vergeht ohne eine Meldung zu diesem Thema, zuletzt zur USA-China-Krise (siehe Bericht). Obiges Szenario mit dem Angriff auf eine deutsche Großstadt stammt aus einem "enthüllten Strategiepapier", das der "Spiegel" abgedruckt hat. Urheber des Papiers: der "Arbeitskreis Schutz von Infrastrukturen" (AKSIS), eine Interessenvereinigung von 80 Unternehmen, Verbänden und Dienstleistern, darunter Siemens, Lufthansa, Telekom, Deutsche Bank und der Deutsche Bahn, die sich zum Ziel gesetzt hat, etwaigen Cyberterror zu vermeiden.

Kritische Infrastruktur

Mit im Boot, die Bundesministerien des Innern (BMI), der Verteidung und für Wirtschaft. "Wir unterstützen dieses Planspiel", sagt BMI-Sprecher Rainer Lingenthal. Man wolle die Sache mit der Cyberwar-Gefahr aber nicht zu hoch hängen. Die Bundesregierung sei in dieser Richtung ja schon aktiv, mit dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) und der Task Force "Sicheres Internet". Auf den Websiten des BSI finden sich Hinweise zum Schutz vor Viren und Anfrage-Bombardements, so genannten Denial-of-Service-Attacken. Darüber hinaus untersucht die Arbeitsgruppe Kritische Infrastrukturen (Kritis) Schwachstellen, mit deren Hilfe Angreifer in Bankensysteme eindringen, diese blockieren und großen volkswirtschaftliche Schäden anrichten könnten; also das, was die mafiose Gruppe in dem AKSIS-Strategiepapier plant. Außerdem gibt es einen IT-Direktor auf der Hardthöhe (siehe Interview).

Nicht immer steckt gleich die Mafia dahinter, aber wie notwendig das verstärkte Zusammenspiel von Politik, Militär und Wirtschaft gegen Netzattacken zu sein scheint, hat spätestens der E-Mail-Virus "I love you" gezeigt, der vor zwei Jahren weltweit mehrere Millionen Computer lahm legte und für einen Schaden in zweistelliger Millionenhöhe sorgte. Und die virtuellen Attacken auf Firmen und Regierungen häufen sich. Im vergangenen Jahr wurde beispielsweise das Internet-Portal Yahoo durch Web-Attacken im großen Stil lahm gelegt.

Doch Umsatzeinbrüche und Kundenmisstrauen sind Peanuts, verglichen mit dem Cyberterror auf staatlicher Ebene. "Schlimmer als Pearl Harbour" könnten Angriffe aus dem Cyberspace die amerikanische Nation treffen, predigen in den USA einflussreiche Sicherheitsexperten. In einem Planspiel "Cyberwar 2002", das das Online-Magazin Wired veröffentlichte, werden die USA beinahe dem Erdboden gleich gemacht.

Ausgangspunkt hier: eine Gruppe, die sich "People for a Free World" nennt. Die Bewegung hackt sich in Nachrichtenseiten ein und verbreitet dort ein Ultimatum. Alle amerikanischen Streitkräfte sollen aus dem Ausland zurückgezogen werden. Auch hier fällt in der Folge der Strom aus, im gesamten Westen der USA. Flugzeuge kollidieren, die Elektronik des Pentagons wird teilweise zerstört. Schließlich werden die Cyberterroristen in einem kleinen asiatischen Land ausfindig gemacht und von einem Einsatzkommando gefasst. Vorher bekommen China und Russland aufgrund getürkter Rechner und Lagemeldungen aber noch den Krieg erklärt.

Man mag dieses Szenario für ebenso übertrieben halten wie das eingangs beschriebene deutsche Planspiel. In den USA tut man das nicht. Dort wird die Forderung nach einem virtuellen Schutzschild immer lauter, der die wichtigsten Computer des Landes gegen Angriffe von Hackern und Spionen schützt. Zum Beispiel mit Hilfe eines speziellen Netzwerks, das über binäre "Abfangjäger" verdächtige Datenpakete ausmacht. Dass für einen virtuellen Schutzschild sogar 50 Milliarden Dollar veranschlagt seien, wurde inzwischen dementiert. Sicher ist, dass die Bush-Regierung eine Aufrüstung bei der Cyberverteidigung im Auge hat. Das Motto: "Cyberwar is coming!"

Auch in Europa wird sie beschworen, die Anfälligkeit von Telekommunikation, Dienstleistern und Versorgern durch Netzangriffe, wenn gleich nicht immer mit militärischem Hintergrund. Das niederländische Verkehrsministerium hat in einer Studie nachgewiesen, dass eine gut platzierte Virenbombe das gesamte Internet des Landes außer Gefecht setzen könnte. Und der britische Außenminister Robin Cook warnte davor, dass "Computerangriffe die Nation stärker schädigen können als ein militärischer Angriff".

Mafia-Ausbilder im Internet

In der Bundesregierung hält man die Maßnahmen der Bush-Administration für nicht ganz angemessen. "Die amerikanischen Dimensionen kann man mit unseren Verhältnissen gar nicht vergleichen. In den USA gibt es eine viel höhere Bedrohungsempfindung", sagt BMI-Sprecher Lingenthal. "Und es ist eine Illusion, zu glauben, der Staat könne ein Internet-Schutzschild über das ganze Land legen, und darunter ist man sicher." Für ihr Internet-Controlling müssten die Unternehmen schon auch selbst sorgen. Mit Security-Checks, Verschlüsselungstechniken, Virenscannern oder besseren Firewalls. Tatsächlich laufen die kritischen Rechner bei Polizei, Militär, Versorgungsunternehmen, Banken und großen Firmen in strikt nach außen abgeschirmten Netzen, sind Angelegenheit der jeweiligen Betreiber.

Das sieht die deutsche Industrie ein bisschen anders. Ob Strom fließt oder der Versorger gehackt wird, ginge schließlich jeden etwas an. "Und es gab keine Phase der Menschheit, wo Hochtechnologien nicht auch zur staatlichen Bedrohung eingesetzt wurden. Wenn es schon Leuten gelingt, den Entwicklungscode bei Microsoft-Windows von außen einzulesen, ahnt man, was da möglich ist. Die Mafia bildet ihre Leute ja schon für das Internet aus. Das ist alles eine Frage der kriminellen Energie", prophezeit Reiner Hutter, Sprecher der Industrieanlagen-Betriebsgesellschaft (IABG) und des Zentrums für Europäische Strategieforschung in Ottobrunn, das den Arbeitskreis AKSIS ins Leben gerufen hat. Den Worst Case wolle man gar nicht erst abwarten. Wirtschaft und Politik seien gleichermaßen gefordert.

Immerhin: Wie in dieser Woche bekannt wurde, plant auch die Bundesregierung eine Art Internet-Feuerwehr, ein nationales Frühwarnsystem gegen Angriffe aus dem Internet, welches Bundesbehörden, Industriekonzerne und Infrastrukturunternehmen durch Informationsaustausch schützen soll. Mehr Sicherheit im Internet - das Schröder-Kabinett scheint die Cyberwar-Gefahr ernster zu nehmen, beschränkt seine Fürsorge nicht nur aufs Zuschauen beim virtuell gespielten Terrorangriff auf eine deutsche Großstadt. Handelt es sich dabei um Berlin? Möglich, dass auch im neuen Kanzleramt der Strom ausfällt, nach einem Hackerangriff und dem Ausfall des Bewag-Rechners - alles natürlich nur simuliert, im Computer von AKSIS. Im September soll es so weit sein.

Vielleicht ist diese Gefahr aber auch gar nicht realistisch. Vielleicht dient das allgemeine, "bange Warten" auf den Cyberwar kommerziellen Interessen von Sicherheitsfirmen und Aufrüstungsbegehren der Militärstrategen, wie es das Online-Magazin Telepolis vermutet. Vielleicht ist es übertrieben, dass ein virtueller Angriff auf einen Stromversorger, eine kleinere Unterbrechung, zum Zusammenbruch der Infrastruktur führt - nur, weil das Internet so viele gegenseitige Verbindungen hat. Vielleicht ist das alles nur ein Frage des ganz privaten Leichtsinns. Zu Hause, im Büro, am PC. Wie war das noch mit dem "I love you"-Virus?

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