D-Day-Gedenken in der Normandie : Der längste Tag

Es dürfte das letzte Gedenken dieser Art gewesen sein. Nur ganz wenige Veteranen der Landung in der Normandie sind noch am Leben. Ein Rückblick auf den 70. Jahrestag des D-Day.

Veteranen während der Feierlichkeiten in der Normandie, von Soldaten mit Sonnenschirmen geschützt
Veteranen während der Feierlichkeiten in der NormandieFoto: dpa

Ein Gedenken an den Tag der alliierten Landung in der Normandie wie an diesem 6. Juni 2014 unter dem strahlend blauen Himmel Ostfrankreichs wird es kaum noch einmal geben. Viele der Veteranen, denen die deutsche Bundeskanzlerin unter dem Beifall des Publikums die Hand schüttelte, sind in einem so ehrwürdigen Alter, dass man bezweifeln muss, dass sie auch noch am 75. Jahrestag des D-Days, 2019, an die Orte der Erinnerung werden reisen können.

Merkel nutzte die Gelegenheit zur Gesichtswahrung - für Putins Gesicht

Dieses Gedenken vereint Freunde und Feinde von einst in der Hoffnung, dass es kriegerische Konflikte wie den Zweiten Weltkrieg nie wieder geben möge. Wer in die Gesichter der alten Männer blickte, der Überlebenden der Invasion in der Normandie, der spürte, dass dies eine inbrünstige Hoffnung ist. Gerhard Schröder war vor zehn Jahren der erste deutsche Regierungschef, der die Einladung der Vertreter der Siegermächte angenommen hatte, an den Gedenkfeiern teilzunehmen. Im 19. Jahrhundert dachte man vor den Heldendenkmälern Europas an den nächsten Krieg, an Revanche für Niederlagen und an neue Siege. Heute gibt es nur noch die Versöhnung über den Gräbern. Vielleicht war der D-Day in der Normandie gerade deshalb der geeignete Ort und der passende Rahmen, den russischen Präsidenten auf vielfältige Weise gleichzeitig sowohl in den Kreis jener zu integrieren, die Nazideutschland besiegt haben, als ihm auch in vorsichtiger Distanz zu signalisieren, dass er sich mit seiner Ukrainepolitik aus dem Kreis der zivilen Mächte selbst ausgeschlossen hat.

Angela Merkel hat die Chance der Begegnungen in Deauville und Ouistreham erkennbar genutzt, um Wladimir Putin eine gesichtswahrende Rückkehr zu seinen westlichen Gesprächspartnern der vergangenen Jahre zu ermöglichen. Immer wieder band sie ihn augenfällig in Gespräche ein und förderte auch die direkte Begegnung mit dem neuen ukrainischen Staatschef Petro Poroschenko. Die russische Bekundung, das Ergebnis der ukrainischen Wahlen respektieren zu wollen, wurde so öffentlich durch reale Gesten untermauert und bezeugt.

Die Konfrontation ähnelt beunruhigend der im Kalten Krieg

Dennoch verzichtete die Kanzlerin nicht darauf, ihre Distanzierung zu Putins Vorgehen deutlich zu machen. Das Vieraugengespräch vor dem offiziellen Festakt verlief offenbar gewollt in frostiger Atmosphäre. Mimik und Gesten Angela Merkels sollten keinen Zweifel an ihrer Einstellung lassen. Von dieser Begegnung durfte es kein Foto geben, das als freundliches Einvernehmen hätte gedeutet werden können, so viel war sicher. Das erhoffte direkte Gespräch zwischen US-Präsident Barack Obama und Wladimir Putin hatte mehr informellen, beiläufigen Charakter. Die Bedeutung dieses Kontaktes kann trotzdem nicht hoch genug eingeschätzt werden. Putins Griff nach der Ukraine hatte eine Situation heraufbeschworen, die der direkten Konfrontation der Supermächte im Kalten Krieg beunruhigend ähnelte.

Vor 70 Jahren begann Europas Rettung

Der Tag der Invasion, der D-Day, ging als „der längste Tag“ in die Geschichte ein. Weil es viel mehr als die 24 Stunden eines Tages dauerte, bis sich die anglo- amerikanischen Landungstruppen an der französischen Ärmelkanalküste festsetzen konnten. Weil der D-Day nur der Auftakt eines Monate währenden Landkrieges bis zur deutschen Kapitulation war. Der längste Tag ist es geblieben und wird es wohl auch in aller Zukunft bleiben. Vor 70 Jahren war es der Tag, an dem die Rettung Europas begann. Wird der 6. Juni 2014 als Tag in die Geschichte eingehen, an dem Einheit und Freiheit Europas ein zweites Mal gerettet werden konnten?

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