Zeitung Heute : „Da brach der Rest der Heimat DDR zusammen“

Der Tagesspiegel

Von Bernd Schüler

Hohenschönhausen. „Ja, dann gehen wir einfach mal weiter.“ Unversehens läuft Mario Röllig los und eilt an vielen Zellentüren vorbei. Als wolle er etwas zurücklassen von dem, was er auf seinem Rundgang durch die Gedenkstätte in Hohenschönhausen berichtet. Nach dem sowjetischen Geheimdienst unterhielt die Stasi hier ein Gefängnis für politische Gefangene. Die Besucher folgen langsam. In der Kälte des miefigen Kellers erahnt man etwas von der Pein der Insassen. Die Beine werden schwer. Einfach weitergehen?

Auch für Mario Röllig ist es immer wieder ein schwerer Gang. Zurück an einen Ort, der ihn noch gefangen hält. Als 19-Jähriger war er hier inhaftiert, drei Monate lang. Wegen versuchter Republikflucht 1987. In seiner Geschichte der einzige Ausweg: Während eines Ungarn-Urlaubs lernt er seinen ersten Freund kennen, einen Bonner Politiker. Die Stasi wird aufmerksam, aber Mario Röllig will nicht IM werden. Er verliert seinen Kellner-Job am Flughafen Schönefeld und wird in die Spülküche einer Bahnhofsgaststätte versetzt. Ein Bauer, als Kopfgeldjäger angesetzt, verhindert seine Flucht über die grüne Grenze nach Jugoslawien. Zurückgebracht nach Berlin, folgt eine stundenlange Irrfahrt in einem Transporter, im Dunkeln, in Handschellen. Wo Mario Röllig dann genau aussteigt, erfährt er zehn Jahre später aus seiner Stasi-Akte. Was er in Hohenschönhausen erlebt, ist die Hölle.

So sagt er das heute, behutsam und doch eindringlich. Seine Geschichte zu erzählen, das ist Routine geworden. Fast elegant schildert er grausame Details der Haftbedingungen. Wie als erstes eine Leibesvisitation durchgeführt wurde, von einem Offizier, den man angstvoll-angewidert Major Arschkieker nannte. Manchmal, in der Stille nach flüssigen Sätzen, steht es ihm ins Gesicht geschrieben: das immer wieder Unfassbare. So wie damals. Dass man ihn so demütigen würde, hätte er nie gedacht. „Da brach der Rest der Heimat DDR zusammen“, sagt er.

Diesen Halt hat er wiedergefunden, Jahre später, im Westteil Berlins. Mario Röllig stand auf der Liste von Gefangenen, die freigekauft wurden. Irgendwann landet er in Wolfsburg, empfangen von der Bahnhofsmission – „der schönste Moment meines Lebens“, strahlt er. Die erste Nacht im Bettzeug mit Lenor-Duft – „wie anders der Westen riecht“, weiß er noch heute. Im Aufnahmelager Marienfelde bekommt er einen neuen Pass. Da hat er sich wie ein neuer Mensch gefühlt. Und auch so gelebt. Seine Wünsche hat er sich erfüllt: als Barmann im Kempinski und als Reisender in Amerika. Bei all dem rückt die Vergangenheit weit weg.

Doch plötzlich, im Jahr 1998, steht sie vor ihm. Mario Röllig arbeitet gerade im KaDeWe und erstarrt, als er einen Mann anschaut, der für 1500 DM Zigarren kaufen will. Sein Vernehmer aus dem Gefängnis. Der einzige Mensch, mit dem er während seiner isolierten Haft richtig geredet hat. Der, der alles und jedes wissen wollte und sei es das Trinkverhalten seiner Freunde. Der, der ihm erfundene Aussagen der Eltern vorlas, um ihn, den stets Aufmüpfigen, mürbe zu machen. Der, der ihm zum Abschied sagte: „Ich verspreche Ihnen, uns werden Sie nicht vergessen!“ Jetzt erkundigt sich dieser Mann nach seinem Befinden. Ob er sich nicht entschuldigen wolle, erwidert Röllig. „Für was“, fragt der andere zurück und geht. Mario Röllig stürzt ins Treppenhaus und schreit. Später erkennt er sich selbst nicht mehr wieder: Eigentlich eine Frohnatur, quälen ihn nun Depressionen. Seit dem Wiedersehen durchschießen immer wieder Haft-Erlebnisse die Gegenwart: Wenn er nachts aufwacht, zuckt er zusammen und fürchtet, nicht richtig zu liegen. Manche Wärter verlangten bei ihren Kontrollen, dass die Hände auf dem Bauch gefaltet sind.

Sein Vernehmer dürfte ruhiger schlafen. Mario Röllig erfuhr später, dass der Stasi-Mitarbeiter in einem angesehenen Unternehmen gut untergekommen ist. Ihm nachzusetzen, davon hat er Abstand genommen. Aber „die Wut über diese Leute“ treibt ihn um. Seine freundliche Stimme verdeckt nicht, dass er sie verachtet, „diese Leute“: die Täter, die reuelos zu Gewinnern der neuen Verhältnisse geworden sind.

Mario Röllig kennt viele Beispiele dafür. Er steht vor den Spezialruheverwahrräumen. „Hier wurde eingeschlossen, wer im Verhör Stärke zeigte“, und Tage lang in der Zwangsjacke dem eigenen Dreck überlassen. Zuständig für die Methode dieser Gummizellen war ein Psychiater, der heute, wenige Straßen weiter, als Therapeut praktiziert.

Mario Röllig prangert an, bei jeder Gelegenheit, mit innerer Genugtuung. Eigentlich hat er es ja gepackt, er hat Arbeit, als Optiker. „Aber was ist mit denen, die an den Folgen der Haft kaputtgegangen sind. Ohne eine Opfer-Rente zu erhalten. Während diese Leute wieder normales Geld verdienen“, sagt er und lacht verzweifelt. „Unglaublich“ für ihn auch das Gebaren der PDS. Was soll er halten von denen, die schreiben, die Haft in Hohenschönhausen sei „kein Zuckerschlecken“ gewesen? Was helfen würde? Mario Röllig kann nicht verzeihen, solange er mancherorts noch als Schädling verunglimpft wird. Sollen diese Leute doch zu ihrer Vergangenheit stehen, damit könnte er leben. Sollen sie doch mit dem Parteivermögen entschädigen, das wäre eine Geste. Überhaupt Gesten. Wer war denn schon hier?, beklagt er. Kein Schröder, kein Rau. Nur Steffel, das hat er zu schätzen gewusst. So wird er weiter Führungen machen. Das hilft ihm, die Ohnmacht zu bewältigen. Wo er gebeugt wurde, da richtet er sich auf. Die meisten Besucher hängen an seinen Lippen, besonders die CSU-Gruppen. Das ist doch nicht wahr, stören sich manche aus dem Osten an seinen Berichten. Die RAF-Leute hattens in Stammheim auch nicht besser, finden andere aus dem Westen.

Am Ende des Rundgangs wirkt er erleichtert. „Heute kann ich alles sagen, was damals verboten war, und das Gefängnis als freier Mensch verlassen.“ Er kann einfach gehen.

Führungen durch die Gedenkstätte Hohenschönhausen im ehemaligen zentralen Untersuchungsgefängnis des DDR-Staatssicherheitsdienstes (Genslerstraße 55) finden täglich um 11 und 13 Uhr statt, sonnabends und sonntags auch um 15 Uhr sowie nach telefonischer Vereinbarung unter 98608230.

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