Zeitung Heute : Da braut sich was zusammen Warum Pater Anselm aus Kloster Andechs floh

Mirko Weber[Andechs]

Es ist schon länger her, da kommt ein langhaariger Wanderer am bayerischen Kloster Andechs vorbei, wo die Benediktiner beten und Bier brauen. Der Wanderer hat einen Hund bei sich und bittet um etwas Essen – für Mensch und Tier. Doch der Klosterbruder an der Pforte erregt sich furchtbar über die gottlose Gammelei und will erbost die Tür zusperren, da spielt der Bettler die letzte Karte aus: „Wenn ich jetzt aber der Herr Jesus wär’?“, nuschelt der Mann aus seinem Bart heraus, und es ist augenblicklich so, als habe der Blitz in Andechs eingeschlagen. Mit einem Zehnmarkschein in der Hand wird der ungebetene Gast eiligst entlassen.

Der Blitz hat in den letzten Wochen in Andechs gleich mehrere Male eingeschlagen, zuletzt an diesem Montag. Da erklärte Prior Anselm Bilgri, er habe genug von all den Streitigkeiten, jetzt sei Schluss, Andechs werde ihn nie wieder sehen, er wolle fortan als Unternehmensberater arbeiten.

Zusammengebraut hat sich die Geschichte, als es vor einem Dreivierteljahr um die Nachfolge für den überaus beliebten Abt Odilo ging. Zur allgemeinen Überraschung wählten die Mönche den gerade 34 Jahre alten Johannes Eckert. Eigentlich hatten alle mit besagtem Anselm Bilgri gerechnet, einem gewitzten Endfünfziger. Der hatte lange Jahre erfinderisch vorgeführt, wie man mehr tun kann als bloß arbeiten, die Hände falten und nebenbei den Gewinn vom Bierschaum abschöpfen. Bilgri war überall. Unter seiner Regie eröffnete die Wirthauskette „Andechser“ überall im Land, das Kloster verhökerte Käse, Brot und Schnupftabak oder gab zumindest seinen guten Namen dafür lizenzhalber her. Nebenbei bot man Kurse für gestresste Manager an. Bilgri talkte regelmäßig im Fernsehen, machte Andechs zur Aktiengesellschaft, ließ einen Stall zum Theater umbauen, hob die Carl-Orff-Festspiele aus der Taufe und fasste schließlich gar die Umwidmung der klostereigenen Weiden in einen Golfplatz ins Auge.

Der damalige Abt Odilo sah den Umtrieben seines Priors oft wohlwollend, manchmal aber auch ein wenig besorgt zu. Wenn Bruder Anselm in der Münchner „Abendzeitung“ zu oft als Teilnehmer bei Bussi-Partys abgelichtet wurde, sprach der Chef schon einmal ein ernstes Wort mit ihm. Zu einem Machtwort kam es nicht. Und dann entschieden sich die Mönche zur Entgeisterung von Bilgri für Johannes Eckert. Kurz darauf war Anselm auf und davon nach Griechenland, um dort ein Sabbatjahr zu verbringen.

Das alles, könnte man meinen, sei Dramatik genug gewesen. Aber nun platzte noch eine andere Geschichte herein, und die ist mittlerweile vor Gericht gelandet. In ihrem Mittelpunkt steht der engste Vertraute von Prior Anselm, Jürgen Schott, „Geschäftsführer der Kloster Andechs Kultur- und Veranstaltungs GmbH“. Ende Juni durchsuchte die Staatsanwaltschaft München II Schotts Wohnung. Tätig wurde die Justiz auf eine Anzeige des Andechser Mutterklosters Sankt Bonifaz in München. Die Brüder werfen Schott eine Reise nach Mallorca, einen Hotelaufenthalt, Autoleasing und Opernkarten- und CD-Käufe auf Kosten des Klosters vor. Keine großen Beträge also, „Kinkerlitzchen“, wie Anselm Bilgri sagte. Die Vorwürfe seien Blödsinn, im Übrigen habe er alle Belege selbst abgezeichnet.

In Wirklichkeit ging es bei diesem Theater weniger um Schott, sondern um einen Richtungsstreit in Andechs: Soll das Kloster noch weltlicher werden, als es mit seinem ganzen volksfestartigen Drumherum schon ist? Abt Johannes Eckert ist jedenfalls nicht dazu gewählt worden, um die Andechser Internetpräsenz zu verbessern oder den Hektoliterausstoß zu verdoppeln, sondern um wieder wahr werden zu lassen, was Abt Odilo als das vordringliche Ziel der Benediktiner definiert hat: „Die Klostermauern sind ein Sinnbild für die Konzentration auf eine Sache.“

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