Zeitung Heute : Da braut sich was zusammen

Bio-Getränke werden immer beliebter. Doch nur drei Brauereien dominieren den wachsenden Markt.

Maß halten. Erstmals wird das Oktoberfest mit alternativem Strom beliefert. Die Zahl an Bio-Bieren ist noch überschaubar. Foto: dpa
Maß halten. Erstmals wird das Oktoberfest mit alternativem Strom beliefert. Die Zahl an Bio-Bieren ist noch überschaubar. Foto:...Foto: dpa

Drei überregional aktive Brauereien gibt es in Deutschland, die ausschließlich in Bio-Qualität produzieren. Hinter dem Platzhirschen Lammsbräu mit 63 000 Hektolitern pro Jahr folgen Pinkus Müller und das ähnlich produktionsstarke Riedenburger Brauhaus aus Niederbayern, das auch die Spezialitäten des Klosters Plankstetten herstellt.

Darüber hinaus gibt es zahlreiche regionale Brauereien, die oftmals neben konventionellen Sorten ein oder zwei Bio-Varianten anbieten.

Das verstärkte Angebot wird angenommen: 2011 griffen die Verbraucher wesentlich häufiger zu Bio-Getränken als im Vorjahr. Die gestiegene Nachfrage nach ökologisch erzeugtem Bier und Wein, vor allem aber nach Mineralwässern und Erfrischungsgetränken trieb den Umsatz um 9,5 Prozent nach oben, wie Christina Kötzle vom Marktforschungsunternehmen Biovista berichtet. Das Unternehmen wertet mithilfe der Kassenbons von rund 200 größeren Fachhandelsgeschäften aus, welche Produkte über die Ladentheke gehen. Demnach entfallen sechs Prozent der Gesamterlöse auf Getränke, die 2011 stärker zulegten als der Durchschnitt aller Warengruppen.

Die Ursache für den Trend erklärt sich Kötzle mit Blick auf die zunehmende Zahl von größeren Bio-Märkten mit angeschlossenem Parkplatz ganz pragmatisch: „Wir führen das darauf zurück, dass die Leute immer mehr die Möglichkeit haben, mit dem Auto vor den Laden vorzufahren und Getränkekisten einzuladen.“ Aber natürlich spiele auch das ausgeweitete Angebot eine Rolle, sowohl bei den Limonaden und Säften als auch bei den Bieren und Weinen.

Stefanie Neumann von der Bio-Supermarktkette Alnatura hat darüber hinaus noch eine andere Erklärung für die steigende Nachfrage: „Wir gehen davon aus, dass dieser allgemeine Trend bei Lebensmitteln auch auf Getränke zutrifft, also dass keine künstlichen Aromen drin sein sollen, keine Farbstoffe, keine chemischen Konservierungsstoffe.“ Deshalb hätten konventionelle Brauereien, die nur alle paar Wochen Bio-Bier abfüllten, im Naturkostfachhandel auch schlechte Chancen, berichtet Neumann. Schließlich gehe es um Glaubwürdigkeit, ökologisches Bewusstsein, faire Arbeitsbedingungen und einen ganzheitlichen Ansatz. „Wenn Coca-Cola sich entscheiden würde, eine Bio-Cola anzubieten, gibt es die vielleicht im Lebensmittelhandel. Aber nicht im Bioladen, wir legen Wert auf alteingesessene und überzeugte Hersteller.“

Entweder – oder: „Ein bisschen schwanger gibt es nicht“, betont auch Susanne Horn, die Generalbevollmächtigte der Brauerei Lammsbräu. Und das nicht nur wegen der Glaubwürdigkeit, sondern auch wegen der Gefahr von Verunreinigungen – nicht nur in den Lagern und Braukesseln. „Es gibt zum Beispiel keine Bio-Hefe zu kaufen“, erzählt Horn. Während Lammsbräu die Hefe selbst ziehe, nutzten konventionelle Brauereien auch für ihr Bio-Bier die wiederverwertbare Hefe aus früheren Suden. Horn lehnt dies ab, schließlich hätten die Mikroorganismen dann schon Schadstoffe aus konventionellen Chargen in ihren Zellen verstoffwechselt. Manchmal allerdings leidet auch Horn unter der eigenen Konsequenz. Etwa, wenn die Temperaturen im Besprechungszimmer schon am Morgen unangenehm in die Höhe klettern. Doch eine Klimaanlage kommt bei Lammsbräu nicht ins Haus – der CO2-Ausstoß sei bei der energie- und wasserintensiven Brauerei trotz aller Einsparungsmaßnahmen ohnehin zu hoch, erklärt Horn.

Bauer Erwin Ehemann hat bei seiner Arbeit auch an heißen Tagen oft einen kühlenden Wind im Gesicht. Er ist der Bio-Brauerei Lammsbräu, die er beliefert, nicht nur wegen der gemeinsamen Grundsätze verbunden – sondern auch, weil die Neumarkter Abnahmemenge und Preis auf fünf Jahre vertraglich garantierten. Viele konventionelle Bauern hingegen werden immer wieder mit der Forderung nach Preissenkungen konfrontiert. „Das beruhigt ungemein“, erklärt Ehemann. „Da hat man viel mehr Zeit, sich seiner Kultur zu widmen.“ Stolz zeigt er die Unterschiede zwischen seinem Weizenfeld und dem des konventionell wirtschaftenden Nachbarn. „Hier können sich Beikräuter entwickeln, und ganz viele Vögel wie Fasane, Wachteln und Lärchen leben von den kleinsamigen Unkräutern.“ Obwohl keine Bio-Richtlinie es fordert, hält Ehemann deshalb freiwillig einen halben Meter Zusatzabstand – auch wenn ihn das Ertrag kostet. So mancher dürfte den 59-Jährigen deshalb noch immer als Idealisten und vielleicht auch als Spinner betrachten. dpaPINKUS MÜLER]

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