Zeitung Heute : Da ist doch ’ne Frau im Spiel

Am 9. Juni wird mit der Begegnung Deutschland – Costa Rica die WM angepfiffen. Das wichtigste Ding dabei: der Ball. Barbara Heinrich hat ihn entwickelt.

Bernd Müllender

In den Abendstunden des 9. Dezember 2005 sitzt die Diplom-Ingenieurin Barbara Heinrich, 35, vor einer Großbildleinwand im fränkischen Herzogenaurach. Die Firma Adidas richtet auf dem weitläufigen Werksgelände ihre Jahresabschlussfeier aus; 1500 Mitarbeiter sind in die ehemaligen Panzerhallen der US-Army gekommen. Übertragen wird aus Leipzig die Show rund um die WM-Auslosung. Rund 300 Millionen Menschen weltweit zittern mit, wer gegen wen spielen muss. Für Heinrich ist „der Höhepunkt der Sendung etwas ganz anderes“.

Es ist der Moment, als der „Teamgeist“ aus der Höhe des Raumes in den Leipziger Messehallen geflogen kommt und Michael Ballack den Ball, ihren, Heinrichs Ball, den noch niemand gesehen hatte außerhalb des Adidas-Imperiums, locker und leicht und live auf seine Lackschuhe tropfen lässt und leichtfüßig mit ihm herumjongliert.

Applaus in Herzogenaurach. Es hat geklappt. „Ich war richtig aufgeregt“, sagt Heinrich heute. Sofort gab es „einiges Schulterklopfen nach all dem Herzklopfen. Diese Geheimniskrämerei war endlich vorbei. Immer musste man ja aufpassen, wem man was zeigt oder sagt.“

Barbara Heinrich ist die verantwortliche Projektentwicklerin des neuen WM-Balles. Sie hat die Pille für den Mann gemacht.

Natürlich ist die gebürtige Schwarzwälderin „ein bisschen stolz“. Und sie sage „im Scherzle auch schon mal: Das ist unser Baby.“ Barbara Heinrich ist eine vorsichtige, zurückhaltende Frau. Meist sagt sie wir und betont „das absolute Teamwork“ für ihren kleinen Ball. „Wir identifizieren uns alle damit.“

So eine Projektentwicklerin ist für vieles zuständig. Für Materialsichtung und Gespräche mit Pharmafirmen über die Chemikalien. Für das Designen des Panelshapes, das Aussuchen der Kleber und Farben – denn bitte: „Wir haben ja nicht irgendein Weiß.“ Sorgen machte anfangs die kleine Gold-Applikation; Metallfarben seien halt immer etwas schwierig. Ob das auch hält? Heinrich war mehrfach in Thailand, um mit dem Hersteller die genauen Produktionsabläufe abzusprechen. Da muss koordiniert werden, vieles ausverhandelt, Zeitabläufe optimiert.

Ein Stück Leder nähen und die Blase darunter vollpumpen – so machte man früher einen Ball. Heute ist des Fußballers Leder erstens längst aus Kunststoff und zweitens „sind beim Teamgeist die Nähte geschweißt, das ist neu.“ Drei Jahre habe es gedauert von den Vorideen bis zur Produktreife. Dafür bewirbt Adidas die Heinrich-Kugel als „revolutionäre Neuentwicklung“.

Bei den vielen Tests hat Heinrich nicht etwa selbst zugetreten: „Dafür ist mein Fuß nicht empfindlich genug. Ich habe auch nie selbst gespielt.“ Amateurspieler der Umgebung hätten sich an die ersten Prototypen gemacht, später auch Profis. Das waren wahrscheinlich richtige Geheimnisträger? „Ja. Die müssen auch was unterschreiben.“ Wichtig sei gewesen, sagt Heinrich, dass Farben und Design den Ball noch nicht verzierten, um das Feedback objektiver zu machen. Die hauseigenen Schussmaschinen lassen sich optisch nicht täuschen: „Sie bestätigen oder widerlegen die Meinung der Tester, wie sich der Ball verformt beim Tritt, wie seine Flugkurve ist und wie trefftreu.“

Teamgeists Flugtreue wurde bei den ersten Ligaeinsätzen gleich angezweifelt. „Der neue Adidas-Ball ist Scheiße“, befand ergreifend schlicht HSV-Torwart Sascha Kirschstein nach einem Fehlgriff. Der Ball flattere so unberechenbar. Das geht Heinrich gegen die Berufsehre: „Vielleicht hat der Herr Torwart ja einen kleinen Sehfehler?“ Vielleicht hatte die Schelte auch mit dem HSV-Ausstatter zu tun. Der heißt Puma.

Teamgeists Optik soll an einen Propeller denken lassen, an Dynamik und Schwung. Sagt Adidas. Carlos Bilardo, der ehemalige argentinische Nationaltrainer, sagt, ihm werde schwindelig, wenn er den neuen Ball nur ansehe. Eine brasilianische Zeitung fühlte sich sogar an Slipeinlagen erinnert. Konnte also nur eine Frau darauf kommen? Nein, sagt Barbara Heinrich, das Design hätten zwei Männer entworfen. Aber, muss sie zugeben, die Slipeinlage sei „durchaus eine spannende Assoziation. Und mit etwas Fantasie kann ich die auch teilen, leider, ja.“ Sie lacht.

Barbara Heinrich schlägt als assoziative Alternative eine Augenmaske vor, „so wie bei den Panzerknackern“. Teamgeist hat viele Talente: Wie wäre es mit weichen Löffelbisquits? Oder harten Schuheinlagen? Oder haben sogar, wie der „Spiegel“ mutmaßte, „Waldorf-Schüler den Ball unter Drogeneinfluss entworfen“?

Heinrich beteuert, definitiv keine Waldorf-Schülerin gewesen zu sein. „Und über die Schulbildung meiner Mitarbeiter weiß ich genauso wenig wie über ihren Drogenkonsum.“

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