Zeitung Heute : Da ist viel Energie nötig

Mit den Regenfluten gewinnt die Diskussion um den Klimaschutz an Aktualität. Tatsache ist: Steigender Energieverbrauch heizt die Erde auf. Ob die Förderung regenerativer Energien eine wirkliche Wende bringen kann? Eine Bestandsaufnahme.

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Von Gideon Heimann

und Lutz Haverkamp

Der Regen hat die Politik erreicht. Angesichts der Überflutungen ganzer Städte und Regionen geht die Suche nach den Ursachen los. Fest steht: Das Klima der Erde ändert sich. Es wird wärmer und in der Folge in einigen Landstrichen immer mehr regnen, in anderen noch viel seltener als bislang schon. Eine weitgehend unumstrittene Ursache ist der stetig steigende Energieverbrauch der Menschen. Wie groß ihr Anteil an der Klimaerwärmung ist, lässt sich zurzeit noch nicht genau erkennen. Eines steht freilich fest: In dem Moment, da wir es wissen, ist es für eine Umkehr zu spät. Der Bremsweg ist schlicht zu lang.

Während Greenpeace die Regenstürme am Dienstag zum Anlass nahm, die großen Ölkonzerne aufzufordern, sich stärker beim Klimaschutz zu engagieren und in regenerative Energien zu investieren, sorgte die CDU/CSU schon vor Tagen für einigen Wirbel. Der ehemalige Bundesverkehrsminister Matthias Wissmann (CDU) kündigte an, die Union werde im Falle eines Wahlsiegs den Ausbau der erneuerbaren Energien drosseln.

Große Potenziale

Dagegen forderte sein Parteikollege und ehemalige Umweltminister Klaus Töpfer die Industrienationen auf, ihrer Verantwortung gerecht zu werden. Töpfer, derzeit Generaldirektor des UN-Umweltprogramms (UNEP), sieht vor allem beim Einsparen von Ressourcen und den alternativen Energien große Potenziale. Die rot-grüne Bundesregierung plant den Anteil alternativer Energien an der Deckung des Bedarfs von derzeit gut sieben Prozent innerhalb der nächsten Jahre zu verdoppeln.

Im Prinzip ist alles ganz einfach: Jeden Tag schickt uns die Sonne ein Vielfaches jener Energiemenge auf die Erde, die wir hier benötigen. In der Erdkruste ist es so heiß, dass wir allein daraus Wärme und Strom im Überfluss gewinnen könnten. Und was machen wir? Wir verbrennen fossile Energieträger, also Material, das sich über Jahrmillionen biologisch aus der Sonnenenergie gebildet hat. Substanzen, deren Lagerstätten irgendwann erschöpft sein werden und die neben anderen Schadstoffen einen ganz besonderen in die Luft entlassen: Kohlendioxid.

Aber wie kann man Energie gewinnen, ohne CO2 auszustoßen? Einen mit knapp 30 Prozent großen Anteil an der Stromproduktion hält die Atomwirtschaft. Aber viele Menschen sehen in ihr vor allem seit dem Reaktorunfall in Tschernobyl eine potenzielle Gefahr. Auch die Frage der Behandlung ihrer radioaktiven Abfälle ist nicht klar beantwortet. In Deutschland wurde die Kernenergie deshalb zum Auslaufmodell erklärt.

Und die „alternativen Energien“? Die Wasserkraft ist mit rund vier Prozent im Strommix am stärksten vertreten. Allerdings sind ihre Wachstumschancen arg begrenzt, denn sie ist bereits zu etwa 80 Prozent ausgeschöpft. Es gibt eben nur noch kleinere Flussläufe, an denen man Generatoren errichten könnte, und dann leidet die Natur dort.

Die Windkraft hat in den vergangenen beiden Jahren einen immensen Auftrieb erhalten. Ihr Anteil an der „alternativen“ Stromproduktion beträgt inzwischen etwa drei Prozent. Jedoch mehren sich die Klagen gegen die Windgeneratoren, denn sie rücken oft dicht an Anwohner heran. Dann verursachen sie bei schräg stehender Sonne störende Lichteffekte und nerven durch Lärm. Die besten, windigsten Stellen im Land sind schon besetzt, die Zukunft der Windkraft liegt „offshore“ in den Meeren. Dort aber steigen die Wartungs- und Leitungskosten stark.

Die Fotovoltaik – also die Gewinnung von Strom aus Sonnenlicht mit Hilfe von Halbleitern – nimmt zur Zeit unter den „Erneuerbaren“ einen Anteil im Promille-Bereich ein, gemessen am Stromverbrauch insgesamt ist sie irrelevant. Sie lebt von der Hoffnung, dass die Solarzellen möglichst schnell besser und billiger werden.

Noch in den Kinderschuhen steckt die Geothermie. Sie verursacht anfangs hohe Kosten, denn um an nennenswerte Temperaturen in der Erdkruste heranzukommen, muss viel Technik vergraben werden. Ihr Vorteil liegt darin, dass in großer Tiefe viel Energie auf kleinem Raum herauszuholen wäre.

Verfahren, die Sonne intensiv anzuzapfen, gibt es durchaus, aber dafür ist die Witterung in Deutschland nicht geeignet. Gelänge es über internationale Absprachen, „Sonnenfarmen“ in trockenen Gebieten mit hoher Einstrahlung zu installieren, ließe sich die Energie zum Beispiel durch Parabolrinnenkraftwerke einfangen und – nach einer Elektrolyse von Wasser – in Form von Wasserstoff zum Ort des Verbrauchs schaffen. Aber der Transport des Hydrogens ist sehr energieaufwändig, und die Möglichkeit der internationalen Zusammenarbeit auf diesem Gebiet dürfte arg begrenzt sein.

Soviel zu den Energiequellen, auf die wir unsere Versorgung in Zukunft stützen könnten. Und bis dahin? Sparen. Denn nur ein Teil der vom Verbraucher eingesetzten Energie kommt dem eigentlichen Zweck zugute. Manche Fachleute behaupten, es sei nur ein Zehntel – neun Zehntel würden also vergeudet. Andere kommen auf 50 Prozent – egal: das Sparpotenzial ist riesig.

Kein Kleinkram

Das beginnt übrigens schon „vor“ dem Verbraucher, bei der Stromgewinnung: Nur 6,3 Prozent der deutschen Kraftwerke arbeiten mit der effizienten Kraft-Wärme-Kopplung, bei der nicht nur Elektrizität, sondern auch Energie für die Fernwärme (oder für Kühltechnik) gewonnen wird. Gibt es gleichzeitig Abnehmer für beide Energieformen, dann steigt in modernsten Anlagen die Ausnutzung des eingesetzten Brennstoffs auf bis zu 80 Prozent. Bei herkömmlichen Werken sind es dagegen kaum 40 Prozent, dort geht der Rest als Abwärme in Kühltürme und Gewässer.

Im Haushalt reicht die Palette der Sparmöglichkeiten von der Beleuchtung über die Kühlung bis hin zu Waschmaschinen. Aber auch die ganz kleinen Stromfresser machen sich in der Summe bemerkbar: Ladegeräte, Netzteile, Stand-by-Schaltungen. Wer sie nur dann anschaltet, wenn er sie wirklich braucht, kann um die 300 Kilowattstunden pro Jahr sparen - machen das alle Bundesbürger, würde ein Großkraftwerk überflüssig.

Ein riesiges Energieleck tut sich freilich bei der Gebäudeheizung auf. Noch nicht modernisierte Altbauten verbrauchen leicht das Dreifache des wirklich Notwendigen, und selbst dann sind sie immer noch weit vom Stand eines „Null-Energie-Hauses“ entfernt. Der im Gebäudebestand mögliche Spareffekt wird auf 60 bis 70 Prozent geschätzt. Da geht es nicht um Kleinkram: Die Raumheizung macht rund die Hälfte des Energieverbrauchs eines Haushalts aus.

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