Zeitung Heute : Da ist was faul

Hans Monath

Nach der Veröffentlichung des Familienberichts wird Müttern in Deutschland vorgeworfen, sie seien zu faul. Ist der Vorwurf tatsächlich berechtigt?


Selten ist ein äußerst vielschichtiges soziales Problem auf einen dümmeren Vorwurf reduziert worden. Vor allem Boulevardmedien schlachteten am Tag nach der Präsentation des 7. Familienberichts der Bundesregierung ein nebensächliches Detail aus dem Gutachten aus – und manche erweckten sogar den falschen Eindruck, Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) persönlich werfe den deutschen Müttern Faulheit vor.

Stein des Anstoßes in dem fast 700 Seiten umfassenden Werk ist ein einzelner Satz, dem seine Autoren wohl kein großes Gewicht beigemessen hatten. Um die Lage der Familie in Deutschland besser zu verstehen, hatten die Wissenschaftler auf Vergleichsstudien zum Zeitaufwand für Kinderbetreuung, Erwerbs- und Hausarbeit in den Ländern Frankreich, Großbritannien, Norwegen, Finnland, Schweden und Deutschland zurückgegriffen. Dabei kamen sie unter anderem zu dem Schluss: „Die geringste Präsenz am Arbeitsmarkt findet sich bei deutschen Müttern, die diese gewonnene Zeit aber nicht in Hausarbeit investieren, sondern in persönliche Freizeit.“

Von publizistischen Krawallmachern bewusst verschwiegen wurde in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass ausweislich der Untersuchung deutsche Mütter mit Kindern im Alter von bis zu sechs Jahren mit mehr als sechs Stunden pro Tag mehr Zeit für Hausarbeit aufwenden als alle ihre Schicksalsgenossinnen in jedem der anderen fünf Länder.

Nicht skandalisiert wurde auch die Tatsache, dass deutsche Mütter viel seltener einer Erwerbsarbeit nachgehen als die Vergleichsgruppen – nicht etwa, weil sie nicht auch für gutes Geld arbeiten wollten. Der Grund ist vielmehr, dass hierzulande vor allem Betreuungsangebote für Kinder fehlen und speziell deutsche Stereotypen wie die von der „Rabenmutter“, die angeblich zugunsten ihres persönlichen Geltungsdrangs ihre Kinder vernachlässigt, auch modernen Frauen mit Kinderwunsch das Leben erschweren.

Der Leiter der Autorengruppe, der Berliner Soziologe Hans Bertram, hatte sich noch bei der Vorstellung des Berichts gegen Schuldzuweisungen gewandt: Es gebe über die Verwendung der durch Nichterwerbsarbeit gewonnenen Zeit gar keine Untersuchungen. Und auch Familienministerin Ursula von der Leyen gab sich alle Mühe, dem Eindruck entgegenzuwirken, der eine Satz aus dem – im Übrigen von ihr gar nicht zu verantwortenden – Gutachten sei als Vorwurf an deutsche Mütter zu verstehen.

So wenig wie die Autoren des Berichts will die Ministerin deutschen Frauen und Männern vorschreiben, ob sie ihre Leben mit oder ohne Kinder verbringen sollen. Allerdings unterstützten die Wissenschaftler entschieden jedes Bemühen, das Betreuungsangebot für Kinder auszubauen – um so Frauen die Entscheidung für das von den meisten gewünschte Kind zu erleichtern und die Wiederaufnahme eines Jobs nach der Geburt zu unterstützen. Die Wissenschaftler vermuten, dass „eine verbesserte Infrastruktur auch für deutsche Mütter die Möglichkeit schafft, beruflich zumindest so präsent am Arbeitsmarkt zu sein, wie dies in anderen europäischen Ländern üblich ist“. Für eine angebliche „Faulheit“ deutscher Mütter findet sich in dem Bericht jedenfalls nicht der geringste Beleg.

Am Beispiel Dänemark zeigt das Gutachten, was gute Politik und ein umfassendes Betreuungsangebot bewirken: Die Versorgungsquote bei der Kinderbetreuung liegt dort seit einigen Jahren bei knapp 60 Prozent. Drei Viertel der Paarfamilien in Dänemark sind Zweiverdiener-Haushalte, in der Hälfte dieser Haushalte wiederum arbeitet sowohl die Frau als auch der Mann Vollzeit. Und kaum eine dänische Frau gibt den Vollzeitjob auf, nur weil sie ein Kind bekommt.

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