Zeitung Heute : Da kommt was geflogen

Stefan Jacobs Christian Tretbar

Durch den Klimawandel sind die Temperaturen in den vergangenen Jahren gestiegen – das beeinflusst auch den Pollenflug. Welche Folgen hat das für Allergiker?


Spätestens am Sonntag hat die Pollensaison so richtig begonnen. Die Meteorologen der Freien Universität (FU) können die Daten dank ihrer Pollenfalle auf dem Hausdach so genau bestimmen: Die Maschine „atmet“ Außenluft ein und bläst sie über ein Klebeband. Am Donnerstag hingen die ersten fünf Birkenpollen daran, am Sonntag waren es schon 135. Bei solchen Konzentrationen sind Allergiker bereits heftig geplagt.

Dass die Pollensaison nach dem milden Winter besonders früh beginnen würde, war absehbar. Nur leider ist sie deshalb nicht früher überstanden: Binnen 24 Jahren ist der Beginn der Birkenblüte in Berlin um zehn Tage nach vorn gerückt. Weil die Blütezeit aber nur zwei Tage früher endet, müssen Allergiker acht Tage länger leiden.

Mancher Pollenkalender wird also neu geschrieben werden müssen – oder er sollte, wie Mediziner meinen, weggeworfen werden, denn längst nicht alle Pollen lösen Allergien aus. Wissenschaftler halten sieben Arten für stark allergen: Die ab dem Spätwinter blühende Haselnuss, dann Erle und Birke, später Gräser und Getreide, Beifuß und neuerdings Ambrosia. Letztere verlängert die Saison nicht nur bis in den Oktober, sondern ist auch einmalig aggressiv: Zehn der mikroskopisch kleinen Pollen pro Kubikmeter Luft reichen, um Nase, Augen, Rachen und Schleimhäute zu reizen, was im schlimmsten Fall zu Asthma führen kann. Als Trost bleibt nur, dass die aus Amerika über Südeuropa eingeschleppte Ambrosia bei uns noch wenig verbreitet ist. Der Weg der Ambrosia nach Norden folgt offenbar der allgemeinen Erwärmung. Denn auch im kühleren Schweden ist die Pflanze entdeckt worden.

Allergiker könnten durch geschickte Urlaubsplanung manchen Pollen entfliehen, weil viele Pflanzen in Skandinavien rund einen Monat später blühen als im Süden, sagt der Allergologe Michael Silbermann. Warum immer mehr Menschen überhaupt an Allergien leiden – rund 30 Prozent seien es inzwischen –, ist noch immer nicht ganz klar. Die Ernährung scheint ebenso eine Rolle zu spielen wie übertriebene Hygiene, die das Immunsystem von Kindern durcheinander bringt. 80 Prozent der Allergien beginnen im Kindesalter, sagt Silbermann und fügt hinzu: „Die Zahlen werden auch volkswirtschaftlich interessant.“ Denn schlecht behandelte Heuschnupfen-Patienten, deren Erkrankung zu einem allergischen Asthma führen kann, müssten sich an bis zu 20 Tagen im Jahr krank melden. Gut behandelte dagegen gar nicht. Die Arzneimittelkosten für die Behandlung allergischer Erkrankungen belaufen sich pro Patient und pro Tag auf etwa 1,50 Euro. Kommt eine Asthma-Erkrankung hinzu, steigen die Kosten auf bis zu sechs Euro am Tag.

Die Verordnung rezeptfreier Anti-Allergika, Medikamente die während der Pollensaison zur Linderung der Beschwerden eingenommen werden, geht zwar zurück. Dafür steigt die Zahl der rezeptpflichtigen Mittel. Die Mehrkosten belaufen sich auf 45 Millionen Euro im Jahr 2005. Insgesamt nahm die Zahl der verordneten Tagesrationen von 126 Millionen (2004) auf 119 Millionen (2005) ab. Aktuelle Zahlen gibt es noch nicht. Überhaupt ist die Datenerhebung mangelhaft, weil es wenig verlässliche Zahlen auch über ökonomische Folgen der Erkrankungen gibt. Für Michael Silbermann ein echtes Problem: „Wir brauchen aktuellere Zahlen und mehr Grundlagenforschung, denn wir wissen zu wenig über die Ursachen von Allergien.“

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