Zeitung Heute : Da lachen die Hühner

„Wir haben eh nie daran geglaubt“, sagen viele Bauern in der Osttürkei. Das Thema Vogelgrippe ist für sie vorbei, und mit dem Geflügel leben sie so eng zusammen wie zuvor

Susanne Güsten[Diyarbakir]

Kaide Ceker lockt ihre Hühner, und die kommen auch eilig zum Fressen gelaufen. Für das Federvieh in diesem kleinen Dorf am Ufer des Tigris in der türkischen Südostprovinz Diyarbakir scheint alles wieder in bester Ordnung zu sein. Wie eh und je staksen die Hühner zwischen den Kindern auf der ungepflasterten Dorfstraße herum, gackern in jedem Hof, und die Hähne krähen von den Dächern. Dabei wäre es ihnen fast an den Kragen gegangen, als vor zwei Monaten die Vogelgrippe im Land ausbrach. Kaide Ceker hatte damals Angst bekommen, wollte mit ihren Hühnern nichts mehr zu tun haben: „Wir haben sie alle fortgejagt.“ Dann wartete sie und wartete, und „als nichts passiert ist, haben wir sie zurückgeholt und wieder in ihre Ställe gesteckt“, sagt sie. „Ist ja schließlich unser Vieh.“ Die Hühner sind wieder da, und die Angst vor der Vogelgrippe ist weg.

Noch keine zwei Monate ist es her, dass in der Türkei vier Menschen an der Vogelgrippe starben. Die Opfer waren Kinder aus ostanatolischen Dörfern, die sich beim täglichen Umgang mit Hühnern infiziert hatten. In fast der Hälfte der 81 türkischen Provinzen wurde seither infiziertes Federvieh gefunden, hunderte Menschen wurden wegen Verdachts auf Vogelgrippe in den Krankenhäusern behandelt, mehr als zwei Millionen Hühner wurden gekeult. Doch seitdem die türkischen Behörden Ende Januar meldeten, es gebe keine neuen Ansteckungsfälle bei Menschen mehr, glauben viele, die Gefahr sei gebannt. Dass in einigen Regionen der Türkei nach wie vor kranke Tiere gefunden und massenweise Hühner geschlachtet werden, kümmert kaum jemanden – viele Menschen wissen das nicht einmal.

„Das mit der Vogelgrippe scheint ja jetzt vorbei zu sein“, sagt auch die Kleinbäuerin Ayse Ays in einem anderen Dorf tief im türkischen Südosten. Mehr als zwei Dutzend Hühner hält sie nach wie vor. Selbst auf dem Höhepunkt der Vogelgrippe im Januar ließ sich bei ihr kein Behördenvertreter blicken, um die Tiere abzuholen. Vorsichtshalber verzichtete die Familie Ays einen Monat lang darauf, Hühner zu schlachten und zu essen. Doch jetzt gibt es im Dorf wieder ab und zu einen Sonntagsbraten.

Nur wenige Bauern haben sich in ihrem Alltag auf die Vogelgrippe eingestellt und sich angewöhnt, Distanz zu ihren Hühnern zu halten. „Früher hab ich sie aufgehoben und gestreichelt, aber jetzt halte ich etwas Abstand“, sagt Feride Kandemir, die offen zugibt, Angst zu haben. „Gewarnt hat uns keiner. Nur vom Militärposten oben an der Straße ist der Befehl gekommen, wenn die Hühner krank werden, dann sollten wir das sofort melden.“

Die groß angekündigte Aufklärungskampagne der Regierung im fernen Ankara ist nicht bis in das dünn besiedelte und bitterarme Umland von Diyarbakir vorgedrungen. Selbst wenn es auf den Dörfern Zeitungen gäbe: Die Gefahrenhinweise und Verhaltenstipps in türkischer Sprache könnten nur wenige der kurdischen Dorfbewohner lesen. Türkisches Fernsehen schaut hier auch kaum jemand – alle schalten den kurdischen Satellitensender Roj TV ein, der aus Dänemark sendet und von der türkischen Regierung als Propagandainstrument der kurdischen PKK-Rebellen verdammt wird.

Informationsdefizite, fehlendes Risikobewusstsein und Sorglosigkeit – überforderte Behördenvertreter im Südosten wissen nicht, wie sie der nach wie vor lauernden Gefahr Herr werden sollen. Die Tierärztekammer in Diyarbakir etwa ist für fünf Provinzen in Südostanatolien zuständig und damit für hunderte teils entlegene Dörfer. Etwas ratlos sagt der Kammervorsitzende Nedim Yasli: „Wir warnen die Leute natürlich, dass sie kein Geflügel kaufen, verkaufen oder schlachten sollen.“ In der Stadt Diyarbakir sei dies auch durchsetzbar, aber: „Auf den Dörfern ist das ziemlich schwierig, das übersteigt unsere Kräfte.“ An Teichen und Seen der Gegend leben viele Wildvögel, die das Virus übertragen können. Trotzdem werden mancherorts schon wieder Enten gejagt.

Um die Vogelgrippe langfristig zu bekämpfen, will die türkische Regierung die private Hühnerhaltung in den Dörfern grundsätzlich verbieten; ein entsprechender Gesetzentwurf geht gerade durch die Parlamentsausschüsse. Doch Tierarzt Nedim Yasli ist auch hier skeptisch. „Entscheidend ist nicht das Gesetz, entscheidend ist die Umsetzung“, sagt der Kammervorsitzende. „Diese Menschen halten seit Jahren Hühner, Truthähne, Gänse und Enten in ihren Häusern und Gärten. Das Geflügel ist ihre Existenzgrundlage, das kann man ihnen nicht so einfach wegnehmen. Ein Verbot der individuellen Hühnerhaltung braucht jahrelange Vorbereitung, staatliche Hilfen, einen Plan – das von jetzt auf gleich zu verbieten, das halten wir für falsch.“

Während die Behörden noch über wirksame Schutzmaßnahmen nachdenken, machen vereinzelte Verdachtsfälle deutlich, dass die Vogelgrippe noch keinesfalls besiegt ist. Erst vor zwei Wochen wurden wieder mehrere Kinder aus einem Dorf bei Diyarbakir wegen Verdachts auf Vogelgrippe in die Universitätsklinik der Provinzhauptstadt eingeliefert.

Doch schon im nächsten Dorf schlagen Hühnerhalter wie die Kleinbäuerin Zeynep Capar alle Warnungen in den Wind: „Wir haben das eh nie geglaubt“, sagt sie über die Ausbreitung der Vogelgrippe und die Gefahr einer Übertragung auf den Menschen. „Wir haben einfach weiter unsere Hühner gehalten, Eier und Geflügel gegessen“, erzählt sie. Und ist auch noch stolz darauf: „Wie man sieht, ist es uns gut bekommen, wir sind kerngesund.“

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