Zeitung Heute : Da müssen sie handeln

Harald Maass[Peking]

Wenn sich Wirtschaftsgroßmächte wie Japan und China streiten, spüren das die internationalen Märkte. Der japanische Nikkei-Index gab am Montag um mehr als drei Prozent nach. Händler sahen die erneuten antijapanischen Demonstrationen in China als einen der Gründe für die zunehmende wirtschaftliche Unsicherheit in Japan.

Japan und China, Nummer zwei und Nummer sechs der Weltwirtschaft, sind ökonomisch eng miteinander verflochten. Die Volksrepublik überholte im vergangenen Jahr erstmals die USA als wichtigsten Handelpartner der Japaner. Umgekehrt ist Japan für China der drittgrößte Wirtschaftspartner. Die Geschäfte laufen prima: 2004 schnellte der gemeinsame Handel um 25 Prozent auf 167 Milliarden US-Dollar in die Höhe. Dieses Jahr rechnet man mit einem neuen Rekord von 200 Milliarden Dollar.

Der Grund dafür ist, dass sich die Hightechnation Japan und das Schwellenland China wirtschaftlich optimal ergänzen: Japanische Großfirmen wie Sony, Toyota und Nikon nutzen China als billigen Produktionsstandort und Absatzmarkt für Konsumgüter. Umgekehrt profitiert China von den Investitionen und dem Know-how des hoch entwickelten Nachbarn. Allein im vergangenen Jahr investierten japanische Unternehmen fünf Milliarden Euro in neue Fabriken in der Volksrepublik.

Entsprechend nervös sind Japans Wirtschaftsbosse über die anhaltenden antijapanischen Proteste bei den Nachbarn. Zehntausende Chinesen zogen an diesem Wochenende durch Schanghai und andere chinesische Städte, um erneut gegen die Verharmlosung von Kriegsverbrechen in japanischen Schulbüchern zu protestieren. Japans Firmen machen sich mittlerweile Sorge um ihre Mitarbeiter: In Schanghai mussten sich an diesem Wochenende japanische Familien in ihren Häusern verschanzen, während Demonstranten auf der Straße Steine gegen japanische Geschäfte schmissen. Im Internet rufen patriotische chinesische Gruppen dazu auf, keine Produkte mehr bei der Asahi-Brauerei, Mitsubishi Motors und von Toyota zu kaufen. Bisher folgen jedoch nur wenige Chinesen den Boykottaufrufen.

Größerer wirtschaftlicher Schaden würde entstehen, wenn der Streit länger anhält und der Handel darüber ins Stocken gerät. Die Folgen würde man nicht nur in Asien, sondern auch in Europa spüren. Deutsche und andere Firmen müssten sich überlegen, wie sicher ihre Investitionen in China sind.

Wahrscheinlich ist eine solche Eskalation allerdings nicht. Peking und Tokio sind zwar politische Konkurrenten, im Wettstreit um die Führungsrolle in Asien. Auch konkurrieren sie um den Zugang zu Rohstoffen und Erdöl, zum Beispiel in Sibirien. Grundsätzlich aber wollen beide Seiten jedoch den Handel weiter ausbauen. Um die Wogen zu glätten, schickte Tokio Außenminister Nobutaka Machimura zu Gesprächen nach China. Peking lässt die Demonstranten bisher gewähren, weil sie der Führung politisch ins Konzept passen: China will damit einen ständigen Sitz für Japan im UN-Sicherheitsrat verhindern. Sollte jedoch das Wirtschaftswachstum in Gefahr geraten, wird Peking die Demonstrationen schnell abklingen lassen.

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