Zeitung Heute : da oben, die da unten Wir

Hoch über La Paz liegt El Alto, die Stadt der armen Indios. Von hier aus wurde der letzte Präsident aus dem Amt gejagt. Der nächste könnte einer von ihnen sein.

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Von Sandro Benini In einem kahlen Gewerkschaftslokal in der oberhalb von La Paz gelegenen Elendsstadt El Alto sitzt schweigend eine Gruppe Bäuerinnen. Sie sind gekleidet in der traditionellen Tracht der bolivianischen Ureinwohnerinnen: mehrere übereinander getragene farbige Röcke, Halstücher aus Vikunjahaar, schwarze Melonen als Kopfbedeckung. Auf der Bühne spricht eine junge Indiofrau langsam und mit heller Stimme ins Mikrofon. „Schwestern, der Neoliberalismus ist gescheitert. Wir brauchen ein neues Modell, und dieses Modell heißt Sozialismus. Die Armut muss ein Ende haben. Die Ausbeutung muss ein Ende haben. Dieses ganze kapitalistische System muss ein Ende haben. Nicht nur hier in Bolivien. In ganz Lateinamerika.“ Ein Gemurmel der Zustimmung geht durch das Publikum.

Im Vorraum stehen ein paar Journalisten herum, ab und zu wirft einer einen beiläufigen Blick in den Saal. Ihre Aufmerksamkeit gilt Männern, die seit einer halben Stunde mit dem Handy am Ohr auf und ab gehen. „In spätestens 15 Minuten wird Don Evo zu den Bäuerinnen sprechen“, sagt der Herr in Anzug und Krawatte. Doch dann korrigiert ihn der andere, ein übergewichtiger Mann in grünem Wollpullover und abgewetzten Jeans. Evo Morales, der aussichtsreichste bolivianische Präsidentschaftskandidat, kommt heute nicht mehr. „Son of a bitch“ sagt leise ein amerikanischer Journalist. Vor einem Monat habe er ein einstündiges Gespräch mit Don Evo vereinbart, vor drei Tagen sei er aus New York hergeflogen. „Nach fünf Minuten hat Morales das Interview für beendet erklärt.“ Und nun ist auch die letzte Gelegenheit vertan, ihn nachträglich um etwas mehr Ausführlichkeit zu bitten.

El Alto ist für das in einem gigantischen Talkessel gelegene La Paz eine ständige Drohung von oben. Lehmig und verstaubt dehnt sich die 800000 Einwohner zählende, zu 90 Prozent von Indios besiedelte Trabantenstadt in die Hochebene aus, eine auf 4000 Metern über dem Meer gelegene Ansammlung wuchernden Elends: rötliche Baracken, Müllberge, unasphaltierte Straßen, Ramschmärkte, kleine Läden, bettelnde Kinder. El Alto ist ein längst überfülltes Auffangbecken für Tausende, die der Armut auf dem Land entfliehen wollen. Tagsüber herrscht stechende Helle, nachts knochendurchdringende Kälte.

Da der internationale Flughafen in El Alto liegt und nur einige wenige Straßen die steilen Hänge nach La Paz hinunter führen, ist es für Aufständische ein Leichtes, die Stadt von der Außenwelt abzuriegeln, deren Versorgung mit Benzin und Lebensmitteln zu unterbinden und Touristen zu zwingen, ihr Gepäck vom Flughafen eigenhändig ins Hotel zu tragen. Die letzten beiden bolivianischen Präsidenten sind durch Volksaufstände aus dem Amt geputscht worden, die in El Alto ihren Brandherd hatten, und stets war Evo Morales entscheidend an der Heraufbeschwörung der Proteststürme beteiligt.

Juan Evo Morales Ayma, geboren 1959, ist Präsident der Partei „Movimento al Socialismo“ (Bewegung zum Sozialismus, abgekürzt MAS) und Angehöriger der nach den Quechua zweitgrößten Eingeborenenethnie Boliviens, den Aymara. Spätestens seit er bei den Wahlen im Jahre 2002 beinahe selbst Präsident geworden wäre, ist er der Schrecken der traditionellen bolivianischen Machtelite und der amerikanischen Regierung. Fidel Castro, Hugo Chávez, Nestor Kirchner, Lula, Tabaré Vázquez – und nach den für kommenden Dezember vorgesehenen bolivianischen Parlaments- und Präsidentschaftswahlen nun auch Evo Morales? Jener Evo Morales, der sich in den 90er Jahren als Vorsitzender der Kokabauern-Gewerkschaft den amerikanischen Plänen zur Vernichtung der Pflanze widersetzte, indem er deren Bedeutung für die traditionelle indianische Kultur betonte? Der mit Slogans wie „Sollen sich die Amerikaner doch zuerst ihre Nasen ausreißen!“, politisch Furore machte, obwohl Bolivien, dreimal so groß wie Deutschland bei neun Millionen Einwohnern, nach Kolumbien und Peru der drittgrößte Kokainproduzent der Welt ist?

Bolivien, ein Land in den Fängen der Armut und am Abgrund der Unregierbarkeit. Die politische und wirtschaftliche Macht liegt bei einer schmalen Elite von Weißen und Mestizen, die das für Lateinamerika typische Netz der Vetternwirtschaft und Korruption über die staatlichen Institutionen gelegt hat. Mehr als zwei Drittel der zu rund 70 Prozent aus Eingeborenen bestehenden Bevölkerung sind arm, Bolivien hält damit den lateinamerikanischen Negativrekord.

In letzter Zeit hat der Streit um die Nutzung des Erdgases das Land mehrmals in bürgerkriegsähnliche Wirren gestürzt. Im Jahre 2003 wollte der damalige Präsident Gonzalo Sánchez de Lozada den Rohstoff über Chile in die USA und nach Mexiko exportieren. Der steinreiche Politiker war bei einem großen Teil der Bevölkerung ohnehin verhasst, denn er hatte sich als unnachgiebiger Liberalisierer und Privatisierer herausgestellt, mit seinem Plan stocherte er gleich in zwei nationalen Wunden herum: Der vor allem von den Indios ohnehin als undurchsichtig und räuberisch wahrgenommene Staat hatte schon in der Vergangenheit Boliviens Silber- und Zinnschätze ins Ausland verkauft, ohne dass für die breite Bevölkerung etwas vom Gewinn abgefallen wäre. Schlimmer noch war jedoch der von Lozada vorgesehene Transportweg des Gases: Über das Territorium des Erzfeindes Chile, das Bolivien nach einem zwischen 1879 und 1883 ausgetragenen Krieg den Zugang zum pazifischen Ozean abgeschnitten hatte.

Evo Morales und seine Partei forderten die Verstaatlichung der Erdgasindustrie, eine Bewegung aus Arbeitern, Bauern, Arbeitslosen und Studenten streikte und entfachte einen öffentlichen Tumult, dessen gewaltsame Niederschlagung durch das Militär im Oktober 2003 fast 80 Menschenleben kostete. Lozada stürzte und floh nach Miami, sein Nachfolger Carlos Mesa ereilte im Juni dieses Jahres nach neuen Protesten dasselbe Schicksal. Gegenwärtig wird Bolivien von einem Übergangspräsidenten regiert, dessen Nachfolger laut sämtlichen Umfragen Evo Morales heißen wird. Einzig der Konservative Jorge Quiroga könnte den Präsidenten der „Bewegung zum Sozialismus“ noch abfangen – wobei es möglich ist, dass der Urnengang wegen eines gegenwärtig tobenden Streites um die Verteilung der Abgeordnetensitze auf nächstes Jahr verschoben wird.

Der Wahlkampf scheint die Entourage des populären Indio-Politikers in ein heilloses Kompetenz- und Terminchaos gestürzt zu haben. Bei einem Anruf in Morales’ Büro sagt seine Sekretärin: „Am besten, Sie kommen gleich hier vorbei. Vielleicht wird Sie Don Evo empfangen. Vielleicht aber auch nicht.“ Eine Stunde später in einem düsteren Nebentrakt des bolivianischen Parlamentsgebäudes in La Paz: Im Vorzimmer des linken Präsidentschaftskandidaten herrscht ein Kommen und Gehen von Parlamentariern, Journalisten, Gewerkschaftern und Bauernvertretern. Dann ist die menschgewordene Hoffnung der bolivianischen Armen und Eingeborenen plötzlich da: groß, schlaksig, in Trainingsjacke, weiten Jeans und Turnschuhen.

Evo Morales strahlt zugleich jungenhafte Scheu und Widerwillen aus. Die hastige Sprechweise und die leise Stimme treiben seine Ausführungen häufig an den Rand der Unverständlichkeit, wiederholte Blicke auf die Uhr signalisieren, dass er dem von diesem Interview verursachten Missbehagen so schnell wie möglich ein Ende setzen will. Mehrmals nimmt er während des Gesprächs Handyanrufe entgegen – aber er ist bekannt dafür, dies auch bei Diskussionsrunden im Fernsehen zu tun.

Morales ist ein Bewunderer von Fidel Castro und Hugo Chavez und hat in der Vergangenheit den Kapitalismus als das „größte aller Übel bezeichnet“. Doch um die urbane Mittelschicht nicht allzu sehr zu verstören, gibt er sich während des Wahlkampfes relativ milde. „Wir Eingeborene Boliviens haben nicht nur andere Gesichter. Wir werden auch eine andere Politik betreiben. Sozialismus bedeutet für mich nicht, alle Produktionsmittel zu enteignen und das Privateigentum zu beseitigen. Es genügt mir, wenn der Staat die Bodenschätze besitzt, statt sie an multinationale Konzerne zu verhökern.“

Forderte Morales früher die Einstellung des Schuldendienstes gegenüber internationalem Währungsfond und Weltbank, so begnügt er sich nun mit Neuverhandlungen – denn „wir Eingeborene sind nicht Schuldner, sondern Gläubiger. Mit welcher Moral wollen jene, die während 500 Jahren unsere natürlichen Ressourcen geplündert haben, Geld von uns verlangen? Wir schulden niemandem etwas.“ Die spanischstämmige Elite des Landes habe von einer Regierung unter seiner Führung nichts zu befürchten. „Wir werden uns an niemandem rächen und niemanden unterdrücken, auch wenn Weiße wie Sie uns nahezu ausgerottet haben. Unsere Ideale heißen Selbstbestimmung, Gerechtigkeit und Solidarität.“

Zum Abschied überreicht Morales eine Visitenkarte, auf der ein Kokablatt abgebildet ist. Darunter steht: „Symbol der Einheit und der Verteidigung unserer nationalen Würde.“

Der 25-jährige Aymara-Indio Gilberto Suska, der in El Alto im Eisenwarengeschäft seines Vaters arbeitet, hat an den letzten beiden Aufständen mitgewirkt. Mit glitzernden Augen erzählt er, wie er inmitten einer Gruppe Revoltierender nach La Paz hinunterzog, um weißen Angehörigen des Bürgertums – diesen „Handlangern der transnationalen Konzerne, diesen Wachhunden des US-Imperialismus“ – die Krawatte abzuschneiden oder sie zu zwingen, die Schuhe auszuziehen und barfuß weiterzugehen. Bereitwillig gibt er zu, dass die Organisatoren der Proteste widerwillige Bewohner von El Alto durch die Androhung von Geldbußen oder Peitschenhieben dazu zwangen, sich ebenfalls zu beteiligen. „Die Revolutionäre sperrten die Zugangsstraßen nach La Paz ab, und wehe dem Taxi- oder Autofahrer, der versuchte, trotzdem hinunterzukommen. Diese Verräter wurden verprügelt und einige mussten zusehen, wie wir ihr Auto abfackelten.“ Suska hat keinen Zweifel, dass es bei einem Wahlsieg eines Kandidaten, welcher der Protestbewegung in El Alto nicht genehm wäre, zu neuen Unruhen käme: „Der wäre binnen sechs Monaten wieder weg.“

Doch das große Vorbild der Revolutionäre von El Alto ist nicht Evo Morales, sondern die zweite Figur der an den weißen Machtpfeilern des Staates rüttelnden Eingeborenenbewegung: Felipe Quispe, der früher in einer Guerillatruppe kämpfte, neun Jahre im Gefängnis saß und heute den „Movimento Indígeno Pachakuti“ anführt. Bei den letzten Wahlen hat die Partei rund sechs Prozent der Stimmen erhalten. Quispe, von seinen Anhängern „Condor“ genannt und von seinen Gegnern als „Pol Pot der Anden“ geschmäht, leitet in einem kahlen Gewerkschaftslokal in El Alto Sitzungen, und dies seit fünf Uhr morgens. Trotz seiner dicken Daunenjacke sitzt der 65-Jährige fröstelnd am Tisch. Quispe fordert die Wiederauferstehung des legendären Inkareiches Collasuyo, eines Staates, der neben Bolivien auch Teile von Argentinien, Brasilien, Peru und Chile umfassen soll. Er preist das kommunitäre Wirtschafts- und Gesellschaftssystem der Eingeborenen als einzige Alternative zum Neoliberalismus, und wenn sich sein Traum nicht demokratisch verwirklichen lasse, dann bleibe nur eines: „Unsere Geduld neigt sich dem Ende zu. Wir sind ein stolzes Volk, und wir werden nicht davor zurückschrecken, Gewalt anzuwenden.“

Die Kraft der Eingeborenenbewegung liegt darin, dass sie die in Lateinamerika weit verbreitete Ablehnung einer als „neoliberal“ gebrandmarkten Wirtschaftspolitik mit der Forderung verbindet, die Ausgrenzung der eingeborenen Bevölkerungsmehrheit müsse endlich aufhören. Dass diese ein Leben in Armut und Ausgrenzung führt, ist unbestritten. Unterschiedliche Antworten gibt es hingegen auf die Frage nach Gründen und Schuldigen. „Um in Bolivien Macht auszuüben, braucht es Geld und Beziehungen, und davon sind die Indios seit der Unterwerfung durch die spanischen Kolonisatoren ausgeschlossen“, sagt der bolivianische Soziologe und Militärexperte Juan Ramon Quintana. „Für die Elite war es bisher einfach, die verarmten Ureinwohner durch Versprechen und kleine Begünstigungen dazu zu bewegen, gegen ihre eigenen Interessen und für die traditionellen Parteien zu stimmen.“ Der Soziologe kennt Evo Morales persönlich und hält ihn durchaus für fähig, die allgegenwärtige Korruption einzudämmen. „Morales hat einen ziemlich ruppigen, autoritären Charakter. Aber ich bin überzeugt: Er ist absolut unbestechlich.“

Die zweite, politisch weniger korrekte Erklärung für die Misere der Eingeborenen vertritt der Philosoph H. C. F Mansilla, der in Berlin studiert hat und hervorragend Deutsch spricht. Er ist überzeugt, dass die Lebensphilosophie vieler Indios mit einem modernen, auf Selbstverantwortung und Eigeninitiative beruhenden System unvereinbar ist. „Die romantischen Vorstellungen der Europäer über die bolivianischen Eingeborenen sind rührend. Indianische Gemeinschaften sind hierarchisch und autoritär, es herrscht eine Tradition kollektivistischen Zwangs. Das war schon im Inkareich so: Die Gemeinschaft ist alles, der Einzelne zählt wenig. Individuelle Leistungen und abweichende Ideen sind verdächtig.“ Sind die Indios an ihrer jahrhundertealten verzweifelten Lage also selber schuld? „Natürlich wurden die Eingeborenen unterdrückt. Aber dies ist nur die halbe Wahrheit. Und halbe Wahrheiten führen bestenfalls zu halben Lösungen“, sagt Mansilla.

Die Tragik der Eingeborenenbewegung Boliviens besteht darin, dass sie ihren berechtigten Anspruch auf ein besseres Leben mit einer indigenen Erweckungsmythologie verbindet, die durch ihre marxistischen und nationalistischen Einsprengsel seltsam rückwärtsgewandt wirkt. Im Land mit den meisten Staatsstreichen Lateinamerikas (es sind mehr als 180 seit der Unabhängigkeit) sind gewaltsame Protestaktionen längst zu einem Mittel der politischen Kultur geworden. Bei seiner Rücktrittsrede sagte Expräsident Carlos Mesa im vergangenen Juni, Bolivien stehe am Rande des Bürgerkrieges. Für den Fall, dass der Streit um die Verteilung der Abgeordneten nicht beigelegt und die Wahl verschoben wird, hat Evo Morales einen neuen Volksaufstand angekündigt. Die gegenwärtige Ruhe in El Alto ist trügerisch. Die Drohung von oben bleibt bestehen.

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