Zeitung Heute : Da sind sie Profis

Seitdem es im Sport um Geld geht, gibt es auch Kriminalität

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Es geht um enorme Summen, keineswegs um Kavaliersdelikte: Um mehr als zehn Millionen Euro soll Boris Becker den Fiskus betrogen haben. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, Anfang der 90er Jahre nur zum Schein in der Steueroase Monaco residiert zu haben. Doch in Wirklichkeit wohnte Becker offenbar schon vorwiegend in München-Bogenhausen. Wenn die neuesten Informationen des „Spiegel“ stimmen, kassiert der deutsche Tennisheld deshalb demnächst eine zweijährige Bewährungsstrafe. Becker wäre dann vorbestraft, und beim nächsten Vergehen könnte es ziemlich einsam um ihn werden. Dann nämlich droht ihm ein äußerst unangenehmer Aufenthaltsort, einen, den ehedem schon Peter Graf, der Vater der anderen deutschen Tennislegende Stefanie, wegen ähnlich kreativer Steuerauffassung erleben durfte: Knast.

Die nächsten Verfahren in gleicher Sache kündigen sich an. Die Leverkusener Fußballabteilung des Bayer-Konzerns soll angeblich Trainer Christoph Daum und Spieler Jens Nowotny mit, wie es beschönigend heißt, „inoffiziellen Zahlungen“ ausgestattet haben. Der Straßenjargon sagt Schwarzgeld dazu. Nun, da die Vorwürfe just veröffentlicht sind, hagelt es von allen Seiten wortreiche Dementis. Ein Schlüsselreiz sind solche Reaktionen, kein ungewöhnlicher Akt.

Denn schon immer hat es im nationalen und internationalen Profisport, der nun seit gut 80 Jahren existiert, solche Fälle gegeben, ja sie gehören gewissermaßen zum System. Alles fing damit an, dass die Stars des Sports offiziell kein Geld verdienen durften. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) und mit ihm fast alle großen Sportfachverbände waren anfangs reine Amateurverbände, die den Sport allein aus hehren Motiven betreiben lassen wollten. Sobald aber Sportarten populär wurden und zahlende Zuschauer anzogen, war diese Ideologie nicht mehr durchzusetzen. Denn mit den Zuschauern verdienten nun Sportverbände, Vereine, Stadionbetreiber und Medien am Sport. Es war nur logisch, dass auch die Protagonisten des ganzen Spektakels, die Sportler, ihren Anteil verlangten.

Und sie bekamen diesen, wenn sie ihn Wert waren. Auch im Sport funktionierten also, und wenn diese Praktiken noch so illegal waren, die Gesetze des freien Marktes. Paavo Nurmi, der finnische Wunderläufer, forderte und bekam Ende der 20er Jahre bei Sportfesten rund 1000 Dollar, und er war gewissermaßen gezwungen, diese Antrittsprämie schwarz zu kassieren – denn sonst hätte er schlicht seinen Amateurstatus und damit seine Startberechtigung bei Olympischen Spielen verloren. Auch im Fußball war die Praxis verdeckter – und damit meist unversteuerter – Zahlungen normal. Vor allem in Deutschland, das im europäischen Fußball lange Zeit einen seltsamen Sonderweg des Amateurfußballs einschlug.

Während England (seit 1888), Österreich (1924), Ungarn (1925) und alle anderen großen europäischen Fußballnationen lange Zeit schon Profiligen unterhielten, ließ der Deutsche Fußball-Bund erst 1972 offiziell den Profifußball zu. Hintergrund dafür waren die großen Subventionen (etwa für Stadionbauten) für den Fußball von Bund, Ländern und Kommunen, die nur mit der Konstruktion des (hehren) Amateurfußballs zu argumentieren waren. Doch was offiziell erlaubt war, kümmerte die Stars des Fußballs wenig. Bereits in den 20er Jahren, als Fußball populär wurde in Deutschland, kassierten internationale Stars aus Österreich und Ungarn hohe Summen für ihre Tore in deutschen „Amateurligen". In dem berühmtesten Fall jener Zeit wurde der FC Schalke 04 anno 1930 für ein Jahr gesperrt, weil illegale Geldflüsse ans Licht gekommen waren. Schalkes Kassierer, schwer gepeinigt, ersäufte sich daraufhin in der Emscher. Erik Eggers

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