Zeitung Heute : „Da ziehen keine Fanatiker die Strippen“

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Die Lage ist doch die, dass die Initialzündung zum Aufstand in Ägypten von der Jugend ausging, von denen, die ein Leben lang schon unter dem Druck des Regimes, Not und Unfreiheit leiden. Die Oppositionsparteien sind doch erst viel später auf den Zug gesprungen, auch die Muslimbruderschaft – die sich jetzt eindeutig auf die Person el Baradei festgelegt hat. Zu glauben, dass da im Hintergrund religiöse Fanatiker die Strippen ziehen, offenbart eine enorme Unwissenheit über die ägyptische Gesellschaft.

Der Verdacht ist, dass die islamistischen Fanatiker sich nur verborgen halten.

Solche Ansichten sind einfach nur peinlich für die, die sie äußern. In Ägypten sind Millionen auf der Straße – alles Konspirateure? Es genügt ja, die Plakate zu lesen, die die Demonstranten tragen. Da werden Sie keinen Slogan sehen, der religiösen Fanatismus verrät. Die Leute haben eine große Sehnsucht nach Freiheit, echten Wahlen, Umsetzung von Bürgerrechten und riskieren immer noch ihr Leben.

Sie selbst sind deutscher Vertreter in der Islamischen Konferenz, haben in Kairo studiert und sind einmal im Jahr dort. Wie schätzen Sie die Muslimbruderschaft ein?

In meinen Augen ist das eher eine Sammlungsbewegung als eine feste Geheimorganisation. Sie sind vom Regime verboten und bei den letzten Wahlen um ihre Sitze gebracht worden. Wir können aber nicht im Jahre 2011 Klischees und das damalige Gedankengut aus den 50er Jahren der Bruderschaft kolportieren, und so tun, als hätte sich seit damals nichts geändert. Die Muslimbrüder haben sich verändert und werden sich in einer freien Gesellschaft und im demokratischen und freien Wettbewerb verändern müssen, wenn sie seriöse Antworten auf die gewaltigen Probleme eines Landes geben wollen, das politisch und wirtschaftlich am Boden liegt. Eine in meinen Augen abzulehnende Politisierung des Islams wird dabei kein wirkungsvolles Rezept sein.

Kann Europa da helfen?

Ich war diese Woche erschrocken, wie wenig das getan wird. Da gehen vermutlich bezahlte Schlägertruppen auf friedliche Demonstranten los und die Schlagzeilen sprechen von „Straßenkämpfen“. Und die Politik meint, sie könne nur appellieren. Nein: Sie kann Hilfen für das Regime auf den Prüfstand stellen und den ägyptischen Bürgern versichern, dass man hinter ihnen steht. Der Westen hat eine große Chance, Kredit wieder zurückzugewinnen und keine Doppelmoral an den Tag zu legen. Was wir uns auf die Fahnen geschrieben haben, im Irak, Afghanistan, Demokratie in die arabische Welt zu tragen: Jetzt bietet sich eine Chance dafür.

Aiman Mazyek ist Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland. Mit ihm sprach Andrea Dernbach.

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