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Immer mehr Modefirmen kommen zu den Berliner Modemessen Bread & butter und Premium. Was bedeutet das für die Stadt?

Grit Thönnissen

Am 16. Juli steht Berlins Taxifahrern wohl das lukrativste Wochenende der Saison bevor. Über 40 000 Modeleute sind dann unterwegs zum Siemens Kabelwerk in Spandau und zum Potsdamer Platz. In Spandau findet die Modemesse Bread & butter mit über 500 Ausstellern statt, in Mitte die kleinere Veranstaltung Premium mit etwa 380 Modemarken. Von Adidas über Hugo Boss bis hin zur Edel-Designmarke Diane von Fürstenberg sind alle Klassen vertreten.

Die Hälfte der Besucher kommt aus dem Ausland, aus Italien, Japan oder den USA. Tagsüber werden Modeläden ihre Umsätze wahrscheinlich verdoppeln, nachts die Clubs überfüllt sein. Aber in erster Linie werden die Modefirmen, Einkäufer und Boutiquenbesitzer kommen, um Geschäfte zu machen. Seit im Januar 2003 die Modemessen zum ersten Mal Modemacher und Einkäufer nach Berlin einluden, ist die Stadt zu einem ernst zu nehmenden Standort für die internationale Modebranche geworden.

Dass der allgemeine Erregungszustand, den das Stichwort Berlin bei Modeleuten auslöst, in Zehlendorf oder Pankow gar nicht unbedingt wahrgenommen wird, mag daran liegen, dass es bei den Modemessen um Veranstaltungen geht, die mit dem Endverbraucher erst einmal nichts zu tun haben. Doch die Sogwirkung von Berlin ist nicht zu leugnen: „Berlin ist so heiß, da wollen wir dabei sein“, sagt Gerd Strehle, Chef der Marke Strenesse und Ehemann der Designerin Gabriele Strehle. Auf der Bread & butter wird die Modemarke ihre Linie Strenesse Blue ausstellen. Für Strehle war das Thema Modemessen eigentlich tot: „Aber plötzlich entsteht aus einer Idee so ein Feuer.“ Auch, wenn die Entwicklung langsamer ist, als Strehle vor sechs Jahren dachte, ist Berlin für Strenesse wichtig – vor allem, weil das internationale Echo so groß ist.

Das Münchner Couturehaus Rena Lange hat für die Premium sogar eine eigene kleine Kollektion entworfen. „Vor zwei Jahren hätten wir noch nicht mal darüber nachgedacht, in Berlin zu zeigen. Aber jetzt müssen wir einfach dabei sein“, sagt Kommunikationschefin Stephanie Fresle.

Gleiches gilt für Boss. Im vergangenen Jahr erregte die Marke mit einer bombastischen Modenschau im Postbahnhof am Ostbahnhof großes Aufsehen. „2003 war unser Berlin-Jahr. Auch unsere Kampagne wurde hier von Peter Lindbergh fotografiert“, sagt Philipp Wolff, Kommunikationsdirektor bei Boss. Das Metzinger Unternehmen ist im Juli zum ersten Mal seit vier Jahren überhaupt wieder auf einer Messe vertreten – mit den Linien Boss Orange und Boss Green, und zwar mit dem größten Messestand auf der Bread & butter. „Hugo Boss ist ein internationales Unternehmen, und Berlin strahlt Internationalität aus.“

Auch die Modeagentur Klauser, eine der größten in Deutschland, hat ein dauerhaftes Domizil in Berlin gefunden. Auf 1100 Quadratmetern werden zur nächsten Messe 30 Labels in der Wallstraße in Mitte gezeigt, dafür wurde der Showroom in Düsseldorf aufgegeben. In einem Showroom präsentieren Modefirmen die Kollektionen für die kommenden Saisons den Einkäufern. Um auf dem deutschen Markt präsent zu sein, war ein Showroom in Düsseldorf oder ein Auftritt auf der dort seit dem Krieg angesiedelten Modemesse cpd bislang für viele eine Selbstverständlichkeit. Doch immer mehr Firmen scheint es nach Berlin zu ziehen.

Dass sich Firmen und Vertriebsagenturen hier ansiedeln, Designer ihre Ateliers an die Spree verlegen und hier Showrooms eröffnen, kann zu einem erheblichen Teil den Organisatoren der beiden Modemessen zugeschrieben werden. Was als Experiment mit ungewissem Ausgang begann, ist zu einer langfristigen Investition in den Standort Berlin geworden.

Die Bread & butter (B&b) sieht auf jeden Fall goldenen Zeiten entgegen, denn Mitte Juli läuft sie unter dem Motto „Berlin Gold“. „Gold wie die zwanziger Jahre in Berlin“, erklärt Karl Heinz Müller, B&b-Organisator. „Da war hier ja auch eine Modemetropole.“ Berlin wieder als wichtige Modestadt zu positionieren, ist die feste Absicht der Macher. Aber nicht nur die Historie und der Mythos, auch die geografische Lage sind wichtige Argumente. „Seit der EU-Erweiterung steht uns der osteuropäische Markt offen, durch die Öffnung der Grenzen verschiebt sich Berlin in die Mitte Europas.“ Die Anmeldungen der Besucher von Polen über Estland bis Slowenien seien schon spürbar gestiegen.

Die Bread & butter ist inzwischen nicht mehr nur Nischenveranstaltung für Jeans, Sweatshirts und Turnschuhe. Der höherwertige Bereich wird wichtiger: „Ziel ist nicht, den verstaubten Zweireiher auszustellen“, sagt Pressechefin Danielle de Bie. „Die richtige Kombination ist alles. Mustang mit Escada Sport, Givenchy mit Diesel.“ Gerade Modemarken, die hochwertig arbeiten, müssten sich an Zielgruppen ausrichten, die sich individueller kleiden. Dafür sei Berlin genau die richtige Plattform.

Die B&b sieht sich als ernst zu nehmende wirtschaftliche Kraft in Berlin. Das demonstrieren die Organistoren nicht zuletzt mit der „Milk and Honey“, einer Messe für hochwertige Frauenbekleidung, die zum ersten Mal im kommenden September kurz vor den Prêt-à-porter-Schauen in Paris und Mailand stattfinden soll. Auch Schuhe und Accessoires sollen eine große Rolle spielen. Danielle de Bie: „Mode ist auf dem Weg, ein harter Wirtschaftsfaktor in Berlin zu werden, der Arbeitsplätze schafft.“

Anita Bachelin (früher Anic) und Norbert Tillmann, die Organisatoren der Premium, sehen das genauso: „Den weichen Wirtschaftsfaktor, also die Attraktivität des Standortes, haben wir doch schon längst.“ Jetzt müsse es darum gehen, Arbeitsplätze zu schaffen und leere Flächen zu vermieten. „Berlin kann sich zu einem ganz neuen Typus Modestadt entwickeln.“ Die Hoffnung, dass hier irgendwann wieder produziert wird, macht sich in der Modebranche sowieso keiner. Das globale Geschäft, in dem an einem Ende der Welt die Ware hergestellt und am anderen Ende verkauft wird, ist in der Modeindustrie längst Wirklichkeit.

Auch die Premium bringt Bewegung in den Messekalender. „To Shoe“ und „Femme plus“ heißen die beiden neuen Veranstaltungen, die zeitgleich mit der „Milk & Honey“ stattfinden werden. Norbert Tillmann weist darauf hin, dass mit der „To Shoe“ noch ein neues Segment nach Berlin komme: Hochwertige Schuhe, vom Stiefel bis zum Schläppchen. „Jetzt bräuchten wir die Stadtverwaltung. Wir würden uns mehr Hilfe dabei wünschen, den Standort für die Modeindustrie neu zu definieren.“

Tatsächlich geht die Berliner Wirtschaftsförderung aber mit dem Thema Mode „reaktiv“ um, wie Ina Kessler, zuständig für Musik und Multimedia, es ausdrückt. Inzwischen ist die Wirtschaftsförderung zwar von der Mode überzeugt; mehrere Unternehmen aus dem Ausland haben schon um Hilfe angefragt, neulich war die „Tawain-Textil-Foundation“ zu Besuch im Ludwig Erhard Haus. Aber um selbst aktiv zu werden, fehlen die Ressourcen. Außerdem sieht Kessler das Thema Mode kritisch: „Die Umsätze der Bekleidungsbranche sind rückläufig.“ Dass damit das Berliner Bruttosozialprodukt gehoben werden könne, bezweifelt sie im Gegensatz zu den Messeveranstaltern. Was Berlin durch die Modebranche bekomme, seien Kreativität, Internationalität, Idealismus, Toleranz – also weiche Standortfaktoren. Dass Mode zu einem harten Wirtschaftsfaktor werden könnte, hält sie für unrealistisch.

Also ist die Mode ein weicher Standortfaktor? Der Einzelhandel, wo Bekleidung das zweitwichtigste Segment nach Lebensmitteln ist, hat sich längst auf den Konsumenten von außerhalb konzentriert. Shoppingtouristen seien wichtig für Berliner Ladenbesitzer, sagt Gerd Seehaver, Präsident des Berliner Einzelhandelverbandes. Im teuren Shoppingparadies London hingen um die Weihnachtszeit Plakate, die fürs Einkaufen in Berlin warben – woraufhin es 25 Prozent mehr Buchungen in den hiesigen Hotels gab.

Berlin ist international attraktiv, das steht außer Zweifel. Dazu trägt nicht zuletzt die vielfältige Berliner Modeszene bei. Wer sagt, dass aus einem weichen kein harter Standortfaktor werden kann?

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