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Sie hoffen auf Olympisches Gold und lernen fürs Diplom: Spitzensportler an der Freien Universität Berlin

Ortrun Huber

Auf den Fotos sieht alles ganz leicht aus. Ute Höpfner lacht in die Kamera. Das helle Haar zurückgebunden, ein strahlendes Lächeln, die Medaille um den Hals. Zuvor ein Schnappschuss auf dem Boot: klarer Himmel, tiefblaues Meer, die Gischt spritzt den Seglerinnen ins Gesicht. Urlaubsstimmung am Atlantik. Urlaubsstimmung? Ute Höpfner ist Spitzensportlerin. Zusammen mit ihren Segel-Kameradinnen Ulrike Schümann und Runa Kappel holte sie im vergangenen Juli im französischen La Rochelle die Vizeweltmeisterschaft in der Yngling-Klasse.

Doch Ute Höpfner ist auch Studentin. An der Freien Universität Berlin steuert die 26-Jährige ihr Diplom in Betriebswirtschaftslehre an. Ein Leben in zwei Welten. Wenn Ute Höpfner nicht gerade trainiert oder an einer Regatta teilnimmt, besucht sie Seminare oder lernt im Hotelzimmer für die nächsten Scheine: „Man steht mit einem Bein im Sport und mit dem anderen im Studium und muss aufpassen, dass das nicht zu sehr auseinanderdriftet“, sagt die Berlinerin.

Studieren und Trainieren – so wie Ute Höpfner versuchen an der Freien Universität Berlin derzeit acht Spitzensportlerinnen und Spitzensportler, Wettkämpfe und Klausuren unter einen Hut zu bringen. Sie studieren Tiermedizin oder Politikwissenschaft, Jura oder Geschichte, trainieren hart, um in ihrer Sportart zur Weltspitze zu gehören und nehmen an Olympischen Spielen teil. Dafür müssen sie zwei Herausforderungen meistern: „Ich wollte nach dem Abitur unbedingt weiter rudern, aber eben auch Biochemie an der Freien Universität belegen“, sagt Magdalena Schmude, die heute im achten Semester studiert. Im August erreichte die 23-Jährige bei der Ruder-Weltmeisterschaft im britischen Eton Platz 4 im Doppelvierer der Frauen. „Klar waren wir über den vierten Platz enttäuscht, eine Medaille hätte es schon werden können“, sagt die gebürtige Mainzerin. Doch die nächsten wichtigen Wettkämpfe stehen schon vor der Tür: 2007 Ruder-WM in München, 2008 Olympische Spiele in Peking. 14 bis 20 Stunden trainiert Magdalena Schmude pro Woche: Ausdauer- und Krafttraining und immer wieder Rudern – im Sommer auf dem Wasser, im Winter auf dem Ergometer. Dazu kommen häufig Trainingslager. Trotzdem hat die Sportlerin im achten Semester ihr Biochemie-Studium fest im Griff, studiert im selben Tempo wie ihre Kommilitonen. Organisation ist dabei alles: „Wenn die Termine von Praktika oder Klausuren feststehen, orientiere ich daran meinen Trainingsplan.“ Nur im Grundstudium musste Magdalena Schmude einmal ein Traininglager sausen lassen – die Universität ging vor. Denn von ihrem Sport kann die Ruderin nicht leben.

Für studierende Kader-Athleten ist es deshalb umso wichtiger, ihre akademische Ausbildung trotz der Doppelbelastung zu einem sicheren Abschluss zu führen. Hilfe bietet ihnen dabei Andreas Hülsen, einer von drei Laufbahnberatern am Olympiastützpunkt Berlin (OSP). Zusammen mit seinen Kolleginnen Cornelia Leukert und Sonja Serrau unterstützt der ausgebildete Sportfachwirt in Berlin derzeit 700 Bundeskader-Athleten bei der Vorbereitung ihrer beruflichen Laufbahn jenseits von Training und Wettkampf, darunter sind über 100 studierende Leistungssportler. Er berät die Athleten bei der Wahl des Studiengangs und der entsprechenden Universität. Und er klärt die Studierenden über Härtefall- und Sonderregelungen auf. „Nicht selten hat das intensive sportliche Engagement während der Schulzeit die Abiturnote gedrückt, sodass ein Numerus clausus zur unüberwindbaren Hürde wird“, erklärt Dr. Jochen Zinner, Leiter des Olympiastützpunkts Berlin, die Arbeit seiner Laufbahnberater.

Erleichtert wird die Arbeit von Andreas Hülsen durch Kooperationsvereinbarungen, die der OSP mit einigen Berliner Universitäten und Hochschulen abgeschlossen hat. Auch die Freie Universität könnte im Laufe der nächsten Monate ein solches Abkommen ratifizieren. Darin würden sich die beiden Partner zusichern, studierenden Athleten eine sportliche Karriere und gleichzeitig eine akademische Ausbildung zu ermöglichen. Dazu gehörte beispielsweise, dass jeder Spitzensportler während des Studiums einen festen Ansprechpartner aus dem Lehrkörper als Mentor zugewiesen bekommt, der den Athleten berät und in Konfliktfällen unterstützt. Damit die Sportler ihre Wettkämpfe, das Training und ihr Studium besser koordinieren können, dürften sie mit den jeweiligen Studiendekanen flexible Studienplanregelungen aushandeln. Zudem könnten individuelle Abgabe- und Prüfungstermine im Rahmen der Prüfungsordnung oder besondere Regelungen für Praktika und Anwesenheitszeiten vereinbart werden – stets in Absprache mit den Seminarleitern. „Wir wollen keine Extrawurst für unsere Sportler“, betont Andreas Hülsen, „nur eine gewisse Flexibilität im Studienplan.“ Alle studierenden Kader-Athleten, bekräftigt der Laufbahnberater, müssten genau dieselben Studienleistungen wie die anderen Studierenden erbringen. Kein Studium light: „Geschenkte“ Scheine oder verkürzte Praktika werde es nicht geben.

Dass der Sport an der Freien Universität Berlin generell mehr Raum erhalten soll, betont auch Präsident Dieter Lenzen und weist auf die Identitätsbildung durch den Sport hin: „Für unsere Studierenden kann Sport im akademischen Leben einen Erfahrungsraum bieten, der eine zusätzliche Identifikationsmöglichkeit mit der Freien Universität eröffnet. Ich wünsche mir, dass Studierende zu uns kommen und fragen, ob wir sie bei der Gründung eines Hochschulsportclubs in dieser oder jener Sportart unterstützen können. Auch internationale Studierende erwarten entsprechende Angebote, weil sie diese von ihren Herkunftsuniversitäten kennen.“

Zu ihren Kommilitonen haben die Kader-Athleten an der Freien Universität meist ein sehr gutes Verhältnis. Zum Lernen trifft sich Magdalena Schmude häufig mit ihren Studienkollegen, die sie auch unterstützen, wenn sie auf Wettkampfreise ist. „Wenn ich mal nicht da bin, gibt mir halt irgendjemand seine Mitschrift“, erzählt die angehende Biochemikerin. „Die meisten meiner Kommilitonen wundern sich eher, wie ich das Pensum von Sport und Studium überhaupt bewältige – aber das ist wohl eher eine Frage des Maßstabs.“

Ute Höpfner und Magdalena Schmude haben ihr Studium bislang weitgehend allein organisiert – gerade weil die Sportlerinnen es wichtig finden, keine Sonderbehandlung zu bekommen. Nichtsdestotrotz wären feste Ansprechpartner, wie sie eine Kooperationsvereinbarung vorsehen würde, hilfreich, sagen die beiden Athletinnen. Denn dann wären manche Fragen wahrscheinlich einfacher zu klären: So will Ute Höpfner in ein bis zwei Jahren ihr BWL-Studium mit dem Diplom abschließen – weiß aber nicht, ob das im Zuge der Umstellung der Wirtschaftswissenschaften auf Bachelor- und Master-Abschlüsse dann noch möglich sein wird. „Es gibt da zwar Übergangsregelungen, aber so genau kann mir das im Moment niemand sagen“, erklärt Ute Höpfner. Für die Zeit nach dem Diplom hat die gebürtige Berlinerin schon konkrete Pläne. Natürlich weitersegeln – und als Profi-Trainerin arbeiten. Denn schon jetzt verdient sich Ute Höpfner ihr eigenes Geld neben Studium und Training als Segel-Trainerin beim Berliner Yacht- Club.

Auch Magdalena Schmude hat für die Zukunft bereits feste Ziele. Im kommenden Jahr will die Ruderin erst einmal ihr Studium mit dem Diplom abschließen und sich dann auf die Olympischen Spiele 2008 vorbereiten. Nach Peking will die angehende Naturwissenschaftlerin dann auf jeden Fall die Doktorarbeit draufsatteln: „Mir macht die Arbeit in der Forschung sehr viel Spaß. Eine Stelle in der Wissenschaft könnte ich mir durchaus vorstellen.“ Bis dahin wird Magdalena Schmude aber noch viele Trainingskilometer auf dem Hohenzollernkanal zurücklegen – und neben Sport und Studium vielleicht noch einmal etwas ganz anderes tun: „Ich würde wahnsinnig gerne Cellospielen lernen.“

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