Zeitung Heute : Dach Berlin aufs gestiegen 1 5 2 3 4

Platz in der Stadt wird knapp – die Zukunft liegt ganz oben: Hier wird therapiert, musiziert, Strom und Honig gewonnen, ja sogar Fisch gezüchtet.

Frida Thurm
Ein Container für Tomaten und Buntbarsche: hier wird im Kleinen ausprobiert, was bald auf einem Schöneberger Dach wachsen soll (Bild 2). Die Bienen von Erika Mayr leben in Kreuzberg, auf dem Dach des Clubs „Ritter Butzke“. Sie lieben die Berliner Linden (3). Ob Mini-Windräder die Städter mit Strom versorgen können, erforscht ein Team der HTW in Oberschöneweide (4).
Ein Container für Tomaten und Buntbarsche: hier wird im Kleinen ausprobiert, was bald auf einem Schöneberger Dach wachsen soll...

1. Konzert über der Spree

Achim Schneemann steht auf einem Fleckchen Kunstrasen und rappt. Die Sonne scheint ihm ins Gesicht, „We’ve got a lot of stress“, ruft er ins Mikro, „now it’s time to let go“ – Es ist Zeit, zu entspannen. Nur nicht nach links schauen. Gleich neben ihm geht es 20 Meter in die Tiefe – die Bühne, auf der sich fünf Musiker der Band Demograffics drängen, steht auf einem Dach an der Spree in Friedrichshain.

Dächer, davon sind die Macher des Internet-Musiksenders Tape.tv überzeugt, sind die letzten Ruheräume der Stadt. Deshalb haben sie ihnen eine eigene Video-Reihe gewidmet, die sie auf verschiedenen Häusern drehen: Sie heißt schlicht „Auf den Dächern“ und ist auch sonst eher reduziert, oft sind nur Gitarre und Stimme zu hören. Auch die Hip–Hopper von Demograffics sind nicht mit Mischpult gekommen, sondern haben Schlagzeug und Gitarre mitgebracht. „Das Dach hat etwas Besonderes“, sagt Fabian Heuser von Tape.tv. „Die Leute sind hier oben losgelöst.“

Das liegt nicht zuletzt an der Aussicht: Über Altbauten an der Stralauer Allee auf der einen und die Spree auf der anderen Seite erstreckt sich der Blick auf Berlin. Was hier oben fehlt, sind die Zuschauer – die bekommen die Aufnahmen erst später online auf Tape.tv zu sehen. Doch die Abgeschiedenheit auf dem Dach bedeutet auch: keine Nachbarn, die sich wegen der Musik beschweren, keine neugierigen Passanten, die die Aufnahmen stören. Ein paar Wolken ziehen vorbei, die Band spielt jazzige Töne. Bis das Keyboard quietscht. „Sorry, bei Kälte spinnt das manchmal“, sagt der Keyboarder. Schnitt, noch mal von vorn.

Das Dach als Bühne hat auch seine Tücken: Der Wind, der hier oben weht, terrorisiert Notenständer und Mikrofone, und an jedem Aufnahmetag gehen ein paar Lieder daneben, weil Flugzeugdüsen oder Martinshörner durch den Song schneiden. Außerdem sind nicht alle Bands schwindelfrei. Die Musiker von Jupiter Jones hielten ihr Set auffällig kurz. Auch Achim Schneemann schaut lieber nicht von seinem Kunstrasen-Podest in den Abgrund. „Da kommt schon der Schwindelfaktor“, sagt er. Dabei hieß das erste Album von Demograffics „Bird’s Eye View“ – Vogelperspektive. Aus genau der kommen auch die einzigen Zuschauer des Spektakels: ein paar Möwen, drei Enten und ein Reiher.

2. Eine Farm auf dem Dach

Vom Bahnhof Südkreuz bis zum Bauernhof sind es bald nur ein paar Minuten zu Fuß. Zumindest, wenn es nach den Plänen von Christian Echternacht und seiner Firma Efficient City Farming (EFC) geht. 86 000 Kilo Tomaten und 50 000 Kilo Fisch pro Jahr soll die Dachfarm produzieren, die sie auf und unter dem Dach der alten Malzfabrik in Schöneberg bauen wollen, auf insgesamt 7000 Quadratmetern.

Was noch in der Planungsphase steckt, wird im Kleinen schon getestet: Auf dem Hof der Malzfabrik steht ein Frachtcontainer mit einem Gewächshaus auf dem Dach. Oben wächst das Gemüse, unten gedeihen die Fische – in Symbiose. Dahinter steckt ein System namens Aquaponic: Die Pflanzen wachsen nicht in Erde, sondern direkt in einer Rinne mit nährstoffreichem Wasser, der Fischkot dient als Dünger. Die Pflanzen tun ihren Teil, indem sie das CO2 der Fischfarm in Sauerstoff umwandeln. Und das verdunstete Wasser kondensiert am Dach des Gewächshauses und wird wieder in den Kreislauf geleitet. So muss nur sehr wenig Wasser neu hinzugefügt werden – und das Fischfutter. Der Strom für Beleuchtung und Wasserpumpen kann laut Christian Echternacht mit einer kleinen Solaranlage erzeugt werden. „Die Containerfarm ist ein Beispiel, dass wir mitten in der Stadt Landwirtschaft betreiben können“, sagt er.

Die Anlage ist auf Buntbarsche und Tomaten ausgelegt, auch Kräuter und Salate gedeihen hier gut. Doch die Hydrokultur stößt an ihre Grenzen, wenn es um Karotten oder Kartoffeln geht – unterirdisch Wachsendes lässt sich hier nicht ziehen. Auf dem Dach der Malzfabrik sollen im kommenden Jahr erstmals die Tomaten reifen. Sie werden gemeinsam mit dem Fisch an Gastronomen geliefert und im eigenen Laden der Malzfabrik verkauft. Doch die Dachfarm soll nicht die einzige bleiben, Christian Echternacht will auch Supermärkte für seine Idee gewinnen: Die nennt sich dann „Stadtfarm“ und soll auf Parkplätzen oder Dächern der Läden gebaut werden – wo der Transportweg nur ein paar Höhenmeter weit ist.

3. Bienenstock mit Aussicht

Auf dem Dach des Aqua-Carrés in Kreuzberg summt eine Klimaanlage: 60 000 Bienen sind damit beschäftigt, die Temperatur in ihren Bienenstöcken konstant auf 37 Grad zu halten. Jetzt, da die Frühlingssonne auf die Dachpappe scheint, fächeln sie mit ihren Flügeln Frischluft herbei. Und sie schwärmen aus, um Pollen zu sammeln. Von Kirsche und Robinie, später von Linde und Götterbaum, 400 000 Bäume blühen in Berlin und viele Sträucher und Blumen.

Der Honig, den sie aus diesen Pollen machen, gehört Erika Mayr. Seit drei Jahren hält die Imkerin ihre Bienen auf dem fünfstöckigen Haus. Von der Welt unten, den Autos und Baustellen am Moritzplatz, ist hier oben wenig zu spüren – genau das gefällt der Imkerin: „Ich verlasse die Stadt und bin in meinem Bienenhimmel.“

Erika Mayr muss sich konzentrieren, wenn sie einen ihrer fünf Bienenstöcke öffnet. Sie trägt die weiße Imkerjacke, vor dem Gesicht einen Schleier aus feinem Netz, nimmt den Deckel ab und verschwindet für fünf Minuten ganz in der Welt ihrer Insekten. Drinnen sind Holzrahmen aufgereiht, in denen die Bienen ihre Waben bauen: Die hellen Sechsecke sind mit Honig gefüllt, in den dunklen liegen Eier und Larven. Es duftet harzig nach dem Kittwachs, mit dem die Arbeiterinnen Ritzen im Stock abdichten.

Honig aus der Großstadt ist nichts Exotisches mehr: Laut Imkerverband gibt es in Berlin 600 Imker. Probleme mit Schadstoffen im Honig gebe es nicht, erklärt Erika Mayr, denn die Bienen filtern den Nektar in ihrem Körper, in der „Honigblase“. Pestizide hingegen, die in der Landwirtschaft eingesetzt werden und den Bienen schaden, gibt es in der Stadt nicht. Ihr „Stadtbienenhonig“ trägt Neonschilder, ihn verkauft Mayr gleich unten in der Kantine des Aqua-Carrés.

Nicht nur die Imkerin genießt die Höhe, auch für die Bienen ist der Standort auf dem Dach ein Vorteil: Hier sind sie sicher vor Mäusen und Waschbären, die an ihren Honig wollen. Und vor fremden Imkern, von denen einige – man möchte es kaum glauben – Bienenvölker klauen. Der Wind, der hier oben weht, macht den Bienen schon eher zu schaffen: Sie brauchen viel Energie, um gegen ihn anzusteuern, wenn sie sich auf den Weg zu den Blüten machen. Bis zu drei Kilometer fliegen sie, und auf jeden Flug nehmen sie ein Tröpfchen Honig als Proviant mit. Wegen der großen Temperaturschwankungen auf dem Dach verbrauchen die Bienen die meiste Energie jedoch für ihre „Klimaanlage“, also fürs Heizen und Belüften per Körpereinsatz. Von den 300 Kilogramm Honig, die ein Volk pro Jahr produziert, bleiben Erika Mayr deshalb am Ende nur 20 Kilo zum Ernten, etwa halb so viel wie von einem Bienenstock am Boden. Die Bienen sind ihre Leidenschaft, ihren Lebensunterhalt verdient Erika Mayr jedoch auf dem Boden, als Landschaftsgärtnerin. „Ich gönn mir das hier oben“, sagt die 38-Jährige. Dafür verzichtet sie im Sommer auf Urlaub, denn die Bienen brauchen jede Woche Pflege.“ Erst im September bin ich wieder frei.“

4. Windenergie

Gemütlich ist es nicht gerade, auf diesem Dach in Oberschöneweide, der Wind zerrt an Haaren und Kleidern. Doch was den gemeinen Berliner Dachnutzer nervt, ist für die Wissenschaftler der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) die Grundlage ihrer Forschung. Mit Mini-Windrädern auf Hausdächern wollen sie Wind in Strom verwandeln. Dafür hat das Team um Professor Jochen Twele auf fünf Dächern sogenannte Kleinwindanlagen aufgestellt und beobachtet nun, wie sie sich verhalten – und wie der Wind in der Hauptstadt überhaupt weht. Das tut er, so viel steht fest, umso stärker, je höher man kommt. Das Dach der HTW in Oberschöneweide ist nur 31 Meter hoch, hat aber einen anderen Vorteil: Es liegt an der Spree, von wo aus der Wind ungebremst in die Anlage bläst.

Anders als ihre großen Verwandten haben die Kleinwindanlagen der HTW Blätter, die um eine vertikale Achse rotieren. Erste Erkenntnisse zeigen, dass diese den Stadtwind besser ausnutzen können: Auf dem Dach kommt der oft von schräg unten und ist turbulenter als auf freiem Feld, erklärt Jonathan Amme, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Projekts. Die Testanlagen erzeugen ein Kilowatt – das reicht für einen Wasserkocher. Auch in Zukunft sollen die Mini-Windräder eher dazu dienen, die Haushalte direkt zu versorgen, als Strom in das Netz einzuspeisen, sagt Amme. Die Nachfrage sei groß, doch noch rentiert sich ein Windrad auf dem Dach kaum – die einzelnen Anlagen sind zu teuer. Amme rechnet jedoch damit, dass die Produktionskosten in den kommenden Jahren sinken werden. Bis der Wind auf Berliner Dächern also nicht mehr nur stört, sondern nützt, dürften noch ein paar Jahre vergehen.

5. Therapie-Dachgarten

Der Garten war ihre Bedingung. Ein Klinikgarten, in dem die Patienten entspannen und therapeutisch arbeiten können, ohne den kam für Klara Wiegmann, damals Leiterin der gleichnamigen psychiatrischen Klinik, ein neuer Standort nicht infrage. Die alte Wiegmann-Klinik in Grunewald hatte einen eigenen Park. Für die Patienten, die mit Traumata und psychosomatischen Störungen hierher kamen, war das Unkrautjäten, Graben und Ernten in der Erde ein Teil ihrer Behandlung. Nur das Haus war zu klein geworden, 2005 stand der Umzug nach Westend an – doch was tun in einer Großstadt, wo die Gelände um Klinikgebäude zum großen Teil mit Asphalt bedeckt sind? So zog der Garten aufs Dach.

Hoch über dem Spandauer Damm blühen hier inzwischen Sträucher und sogar Bäumchen, dazwischen fließt ein Bach, von einer umrankten Laube aus lässt sich das Vogelhaus beobachten. „Der Garten vermittelt unseren Patienten Schutz“, sagt Rolf Mulac. Er ist seit 29 Jahren Ergotherapeut der Wiegmann-Klinik und nun auch Herr über das grüne Reich auf dem Dach. Die Patienten können hier oben aufatmen – Besucher und Klinikangestellte haben keinen Zutritt. Doch der Garten hat noch eine weitere Funktion: Alle Patienten verbringen neben ihrer regulären Therapie eine Arbeitsstunde pro Woche im Haus oder im Garten. Dabei gehe es nicht darum, die Menschen „arbeitsfähig“ zu machen, sagt Mulac, sondern darum, dass sie Verantwortung übernehmen. „Eine Rundumversorgung nutzt den Patienten wenig“, sagt er. „Therapie lebt davon, dass man nicht alles dem Arzt überlässt, sondern Dinge selbst erkennt und ändert.“ Auch deshalb können die Patienten den Garten mitgestalten. „Es ist schön zu sehen, wie manche Patienten, die zu Beginn am liebsten alles rausgerissen hätten, vom Garten inspiriert werden und merken, wie gut er ihnen tut“, sagt Mulac. Im hinteren Teil des Gartens stehen ein Apfelbäumchen und Johannisbeersträucher. Die Erde, in der sie wachsen, hat Rolf Mulac aus dem alten Klinikpark in Grunewald mitgebracht.

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