Zeitung Heute : Dämme brechen lassen

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

NAME

Es fing nicht harmlos, sondern mit einem wohnungstechnischen Donnerschlag an, einem Umzug innerhalb den eigenen vier Wände. Bei Zwillingen, so dachten wir vor einem Jahr, da lohnen sich keine halben Sachen. Also wurde eine riesige Bücherwand innerhalb der Wohnung transloziert und ein Arbeits- zum Kinderzimmer umfunktioniert. Was waren wir stolz auf Bettchen, Schränkchen, Wickelkommode, die Einzug hielten, allesamt in adrettem Weiß. Na, und dann erst mit Jan und Josefine, die in ihren ersten Monaten nur eines der beiden Gitterbetten benötigten und darin allerliebst nebeneinander schlummerten.

Schon damals bemerkten wir ein gewisses Glitzern in den Augen mancher Besucher, wenn sie anschließend unsere offenen Bücherregale, die am Boden lagernde Plattensammlung, die offen liegenden Lautsprecherkabel betrachteten.

Wir ahnten wir warum. Seit wenigen Wochen wissen wir es. Seitdem befindet sich die gesamte Wohnung im Zustand des Dauerumzugs. Nicht dass bei uns überall Kartons herumstehen würden zum Schutz irgendwelcher Kostbarkeiten. Nein, Jan und Josefine bevorzugen die Salami-Taktik, nehmen sich den einen Tag mal jenes Regal vor, den anderen diese dilettantisch verbarrikadierte Ecke. Ich will nicht übertreiben, nein, sie ziehen nicht marodierend durch die Räume.

Aber wie sie sich jedes Mal in konzertierter Aktion und Sekunden schnell an ihre Ziele heranrobben, wirken sie wie eine Kleinsteinheit von Nahkämpfern.

Dabei ist es wunderbar, wie sie die Welt entdecken: Schiller, Goethe in den attraktiven gelben Reclam-Heftchen, Wörterbücher, Videokassetten, ganz zu schweigen von den Schönheiten der Küchenschränke oder der haptischen wie geschmacklichen Sensation schlichter Blumenerde. Natürlich wollen wir ihnen nicht die Wege zu neuer Erkenntnis verbauen. Aber schließlich wohnen wir auch noch hier. Als erstes wurden die Kabel unter zentimeterbreite Klebestreifen gelegt – die nun ihrerseits die Kinderfinger reizen. Dann wurden die Türen mit Schaumgummistoppern gesichert. Als nächstes die wichtigsten Schränke und Schubladen mit Haftriegeln versehen, die leichthändig nicht nur Jan und Josefine, sondern selbstvergessen auch wir wieder aus ihrer Fassung rissen.

Hätten wir nur gleich zu den geschraubten Modellen gegriffen. An denen zerren allerdings nicht nur Kinder, sondern gelegentlich auch Erwachsene erfolglos herum. Die Weltliteratur wurde dagegen auf sanfte Art gesichert – im Tausch gegen Kuscheltiere und Bilderbücher.

Ein erfrischender Wechsel. So erleben wir das Brechen häuslicher Dämme durch doppelten Anprall, die tägliche Zersetzung geläufigen Einrichtungsgeschmacks.

Und lernen mit Jan und Josefine die Welt neu kennen, die Welt unserer Wohnung.

Der Bücherumzug vor einem Jahr: ein Pappenstiel. Nicola Kuhn

Verschraubbare Schrank- und Schubladensicherungen gibt es bei Ikea in der Kinderabteilung. Zur Orientierung: Über dem Regal prangt das Plakat eines Jungen mit riesigem Heftpflaster.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!