Zeitung Heute : Daheim im Grünen Gewölbe Der Mann, der über Dresdens Schätze wacht

Meike Kirsch[Dresden]

Die Alarmanlage wird schrillen. Hoch und laut. Sie wird die Wachleute in Aufregung versetzen. Albero Bubach – gemütlich rundes, leicht rotes Gesicht – ist sich sicher: Alarm alle paar Minuten. Denn der Andrang wird gewaltig sein, Schlangen vor dem Eingang, Menschenmassen im Gebäude, nie vorher gesehen. Bubach gehen die Superlative aus, er atmet flach.

Nur noch zwei Tage, bis Dresden seine Hauptattraktionen zurückerhält: das Funkeln und Glitzern des berühmten Grünen Gewölbes, der prächtigsten Schatzsammlung Europas. Es ist ein Nachhause-Kommen nach fast 60 Jahren. 1945 noch rechtzeitig vor den Bombenangriffen aus der Stadt gebracht, von der Roten Armee beschlagnahmt, seit 1958 in den Räumen des Dresdner Albertinums nur provisorisch und seit acht Monaten gar nicht ausgestellt, sind die Kostbarkeiten ab Mittwoch wieder im restaurierten Dresdener Schloss zu sehen. Westflügel. Erste Etage.

Wie Stars auf der Bühne stehen die meisten schon jetzt in ihren modernen Vitrinen, hinter doppelt entspiegeltem Glas. Scheiben scheint es nicht zu geben. Gold, Edelsteine und winzigste Details locken. Sind in den kleinen Kirschkern wirklich 186 Gesichter geschnitzt? Unwillkürlich geht man näher ran. Knall. „Mit dem Kopf gegen Glas, das wird oft passieren“, sagt Albero Bubach. Und jeder Kontakt löst sofort Alarm aus.

Bubach baut seine Leiter neben einer eleganten Elfenbeinfregatte mit hauchdünnen Segeln auf. Die Ausleuchtung gefällt ihm noch nicht. „Grünstich. Da sieht Elfenbein verschimmelt aus.“ Er gibt dem Elektriker ein Zeichen: noch einen Strahler bitte und auch braungetönte Plastikscheiben. 48 Jahre ist Bubach alt, 22 Jahre davon arbeitet er schon als Depotverwalter in Dresden. Sein Reich sind zwei klimatisierte Räume irgendwo im Schloss. Hier lagern Sammelstücke, die im Moment nicht ausgestellt werden. Elfenbeindrechseleien dicht an dicht, Straußeneier, kostbare Bronzen, Goldbroschen.

Sobald Bubach die weißen Handschuhe überzieht, zittern seine Hände nie – auch dann nicht, wenn er ein zerbrechliches Etwas im Gegenwert von 100 Mittelklasseautos in ihnen hält. Das Prunkstück der Ausstellung, Bubach erwähnt es nebenbei, kostete August den Starken vor 300 Jahren schon ein Vermögen: 58485 Reichstaler für einen Hofstaat in Miniatur, dafür hätte der sammelwütige Kurfürst, der sich das Grüne Gewölbe einrichtete, auch ein Landgut haben können.

Etwa 1000 Scheinwerfer hat die Ausstellung, pro Scheinwerfer im Durchschnitt fünf Mal auf die Leiter – macht bei einer drei-Meter-Leiter fast zwei Achttausender. Bubach schwitzt aus Solidarität mit dem Elektriker gleich mit. Sein dunkles Hemd wird am Rücken immer nasser.

„Keine Panik, alle Probleme sind lösbar.“ Dieser Satz ist so etwas wie Bubachs Philosophie geworden. Nervosität hat er sich abgewöhnt. Dass statt zehn Wochen zum Vitrinen-Einräumen nur vier blieben, weil die Handwerker nicht fertig wurden? Dass die Luft jetzt kurz vor ernst noch immer nach Reinigungsbenzin und Schweiß riecht? Macht nichts. Bisher haben sie alle Probleme gemeistert. Bubach holt seinen kleinen Block aus der Tasche, hakt ruhig ab. Er weiß: Am Mittwoch wird alles bereit sein für den Härtetest. Freier Eintritt. Sollen sie doch kommen und Alarm auslösen, die Massen!

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