Dalai Lama : Der Wohlfühlgeistliche

Wo er spricht, sind die Hallen voll, die Karten sofort ausverkauft. Jetzt versuchen die Parteien, etwas vom Glanz dieses Mannes abzubekommen. Viel mehr als über Tibet sagt der Besuch des Dalai Lama etwas über die Deutschen aus

Ruth Ciesinger[Bochum]
Dalai Lama
Der Dalai Lama in Bochum. -Foto: ddp

Oft, sehr oft, sei er schon in Deutschland gewesen, seit er Europa 1973 zum ersten Mal besucht hat. „Jetzt bin ich zum 33. Mal hier“, sagt er und es klingt, als wundere er sich selbst darüber, dass er in diesem Land so beliebt ist. Kaum ein anderes Land hat er so oft gesehen, in wenigen Ländern ist die Begeisterung und Sympathie so groß – und auch so bedingungslos. Der Dalai Lama ist in Deutschland populärer als der Papst.

Das geistliche Oberhaupt der Tibeter sitzt nun in seiner safran-farbenen Robe im Ratssaal des Bochumer Rathauses auf dem Podium. Gerade hat er sich ins Goldene Buch der Stadt eingetragen, die Oberbürgermeisterin strahlt. Es ist der offizielle Beginn einer Vortragsreise, die seit mehr als einem Jahr vorbereitet wird. Als die Organisatoren mit der Planung begannen, konnte man vieles noch nicht wissen. Dass Angela Merkel den Dalai Lama im Bundeskanzleramt empfangen würde, zum Beispiel, oder dass bei den März-Unruhen in Tibet mehrere Hundert Menschen sterben würden.

Nun sind die Erwartungen groß. Da sind einmal die vielen tausend Menschen, die innerhalb kürzester Zeit die Tickets für die Vorträge des Dalai Lama aufgekauft haben. Für den Auftritt in Mönchengladbach etwa sollen die Karten im Internet nach 40 Minuten ausverkauft gewesen sein. Da sind aber auch die Politiker der Großen Koalition in Berlin, die sich den Glanz des Dalai Lama zunutze machen wollen, um selbst etwas heller zu strahlen als der politische Gegner.

Als erstes spricht der Dalai Lama an diesem Morgen von Tibet, seinen Hoffnungen auf eine Rückkehr nach China, den chinesischen Intellektuellen, unter denen es inzwischen auch viel Frust gibt über die Zensur und den fehlenden Rechtsstaat. Dann aber wechselt er zu dem Thema, das ihn für viele Menschen so anziehend macht. „Jeder Mensch will glücklich sein“, sagt er und breitet die Hände aus, als wolle er das Glück gleich allen anbieten. Die Stimme klingt tief und voll aus dem zierlichen Körper des 72 Jahre alten Mannes. „Aber dafür brauchen sie inneren Frieden.“ Der komme nicht durch Reichtum, sondern durch die Gabe des Mitgefühls. Religion sei da wichtig, aber nicht ausschlaggebend.

Das klingt für einen, der mit zwei Jahren als die 14. Reinkarnation des geistigen Oberhauptes der Tibeter erkannt wurde und den viele für einen Gottkönig halten, doch ungewöhnlich. Fast, als sei Religion nur ein Mittel zum Zweck. Doch solche Fragen stellt an diesem Tag niemand. Vielleicht auch, weil der Dalai Lama viel zu sympathisch wirkt, um kritisch angegangen zu werden. Da spitzt er seinem Übersetzer über die Schulter und bedauert den „armen Mann“ dafür, dass er, der Dalai Lama, so viel rede. Er will, dass seine Zuhörer lachen, dass sie sich freuen, er macht Witze. Immer wieder. Und dann fragt er Oberbürgermeisterin Scholz, ob sich die Stadtverordneten von Bochum in ihrem schönen Saal eigentlich auch Kinofilme ansehen.

Zwar sagen selbst Bewunderer „seiner Heiligkeit“, dass manche seiner Aussagen vielleicht auch deshalb so gut ankommen, weil sie – außer es geht um Tibet – immer so allgemein sind, dass sich ohnehin niemand daran stören kann. Aber was der Dalai Lama zu Harmonie und Gleichheit aller sagt, trifft offenbar einen Nerv. Zum Beispiel bei der Architektin, die in der Zeitung am liebsten Angelika Bauer genannt werden will. Sie steht am Mittag mit ihrer Freundin vor der Bochumer Ruhr-Congress-Halle. Hier soll der Dalai Lama am Nachmittag auftreten.

Nach und nach strömen 3500 Menschen durch die großen Glastüren. Beide Frauen waren in Indien, als im Herbst die Karten für den Vortrag „Menschenrechte und Globalisierung“ verkauft wurden, Doch Freunde haben sie ihnen selbstverständlich besorgt. Kaum jemand sieht weniger wie ein Esoterik-Fan aus als Angelika Bauer in ihrer dunkelgrünen Barbour-Jacke und dem strengen dunklen Brillengestell. Weshalb sie denn den Dalai Lama sehen möchte? „Wegen seiner Ausstrahlung, seines Charismas“, sagt sie. Und: Weil der Dalai Lama nicht nur predige, sondern lebe, was er sagt.

Auch Reinhard Kreckel versteht nicht, was an der Begeisterung für Tibet falsch sein kann. „Mit Mythos hat das nichts zu tun“, sagt er. Der 49-jährige hat seine blonden Locken mit einem Band im Nacken gebändigt, um den Hals hat er sich einen gelben Seidenschal gelegt. Es ist ein tibetischer Kathak, ein Geschenk und Symbol für besondere Wertschätzung. Der Direktor der Akademie der Kulturen in Nordrhein-Westfalen hat auf einem Biertisch eine Unterschriftenliste ausgelegt, die von der chinesischen Regierung mehr kulturelle und religiöse Autonomie für Tibet fordert. Kreckel war selber schon mehrmals in Tibet, einmal hat er einen zehntägigen Workshop mit dem Dalai Lama mitgemacht. „Der Dalai Lama sagt einem, ,nimm’ dich selbst nicht so wichtig’, und das ist sehr befreiend.“

Wie das geht, hat der Dalai Lama zum Beispiel beim Pressegespräch im Bochumer Rathaus vorgemacht. Dort fragte ein Chinese nach der Tibetischen Jugendorganisation, von der viele Mitglieder den friedlichen Protest für gescheitert halten. Der Dalai Lama freute sich zunächst einmal sichtlich und gluckste dann durchaus ironisch: „Sehen sie, ich bin absolut gegen Gewalt und gegen die Unabhängigkeit Tibets. Aber wir sind auch demokratisch. Deshalb kann ich anderen Menschen nicht verbieten, eine andere Meinung zu haben. Aber das verstehen die Chinesen oft nicht.“

Der Konflikt zwischen Tibetern und Chinesen ist zumindest in Berlin aber derzeit etwas in den Hintergrund getreten. Gerade geht es eher darum, wer den Dalai Lama nun trifft, und vor allem, wer nicht. Die Treffen selbst sind zum Politikum geworden. Dabei hat der Dalai Lama schon oft Vorträge in Deutschland gehalten, ohne dass ihn ein einziger Minister empfangen hätte. Einerseits. Andererseits hat ihn schon 1990 Bundespräsident Richard von Weizsäcker empfangen. Doch seit Angela Merkel ihn im Herbst zum Gedankenaustausch eingeladen hat – seitdem ist der Besuchskalender des Dalai Lama auch innenpolitisch brisant.

Dabei wollen SPD und Union ja eigentlich das Gleiche: Mehr Menschenrechte in China und religiöse und kulturelle Freiheit für die Tibeter. Wer könnte da schon Nein sagen? Doch über den Weg dorthin wird inzwischen gestritten. Wohl auch deshalb, weil es beiden gilt, bei den deutschen Tibetfreunden den besseren Eindruck zu hinterlassen.

Im Moment scheint da ausgerechnet die SPD die schlechteren Karten zu haben. Weil der sozialdemokratische Außenminister Frank Walter Steinmeier den Dalai Lama jetzt nicht treffen wollte, er bei China ohnehin mehr auf stille Diplomatie setzt – und der Kanzlerin, die auch offene Worte und Symbole schätzt, im vergangenen Jahr Schaufensterpolitik und sogar Selbstbeweihräucherung vorgeworfen hat. Das Ergebnis: „Die SPD ist schon nicht so auf der Seite der Tibeter“, sagt ein junger Mann, der sich in Bochum gerade über die Unterschriftenliste von Reinhard Kreckel.

Dabei hatte zunächst nichts auf Verwerfungen hingewiesen. Denn ursprünglich sollte der Dalai Lama nur in Städte wie Bochum, Mönchengladbach und Nürnberg reisen, Berlin war weit weg und die Kanzlerin ohnehin in Lateinamerika. Doch dann schrieb Ruprecht Polenz, Angela Merkels früherer Generalsekretär und Chef des Auswärtigen Ausschusses, einen Brief an das Oberhaupt der Tibeter. Er würde sich sehr über ein Gespräch freuen, stand darin. Jetzt trifft der Dalai Lama am Montag die Sprecher der Fraktionen, redet bei einer Großkundgebung am Brandenburger Tor und Polenz sagt: „Ich hätte es schon begrüßt, wenn Außenminister Steinmeier den Dalai Lama empfangen hätte. Schließlich steht China doch jetzt selbst im Dialog mit seinen Gesandten.“ Manche von Polenz’ Unions-Kollegen haben für den Außenminister noch offenere Worte parat.

Und offenbar war es der Kanzlerin schon wichtig, dass wenigstens ein Regierungsmitglied den Dalai Lama trifft. Das wird jetzt Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul tun. Am Montag, im Berliner Hotel Adlon, auf neutralem Boden quasi. Abgesprochen hat sie das mit ihrem Parteifreund Steinmeier nicht.

Im Bochumer Ruhr-Congress ist diese politische Auseinandersetzung weit weg. Der große dunkle Saal ist bis auf den letzten roten Stuhl mit Menschen gefüllt. Eine junge Mutter hat ihr Baby mitgebracht. Als der Dalai Lama die Bühne betritt, stehen der ganze große Saal auf und klatscht. Bevor der Vortrag beginnt, warnt der Dalai Lama noch vor zu hohen Erwartungen, die würden sicher nicht erfüllt, Wunderkräfte habe er schon gar nicht. Dann spricht er über die Gleichheit der Menschen, dass nur Ausgeglichenheit auch Gesundheit ermöglicht, und dem Wunsch nach Frieden. Jedes mal, wenn er einen Gedanken beendet, und der Übersetzer anhebt, klatschen die Menschen. Von Deutschland wünsche er sich – nein, nicht mehr Einsatz für Tibet – sondern dass hier eine große Bewegung „für den Weltfrieden“ beginnt. Die Menschen applaudieren. Eine Frau hat Tränen in den Augen.

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