Zeitung Heute : Damit Genuss nicht zur Sucht wird

„Kontrolliertes Trinken“ soll helfen, den Alkoholkonsum in den Griff zu bekommen

Adelheid Müller-Liessner

GESUNDHEIT 2004: WENN ABHÄNGIGKEIT DAS LEBEN VERGIFTET

Alkoholhaltige Getränke haben einen festen Platz in unserer Gesellschaft. Die allgemeine Erwartung ist, dass der „mündige Konsument“ mit Bier, Wein und Schnaps richtig umgehen, ihren Konsum vernünftig dosieren kann. Ein Gläschen in Ehren…

Dass diese Erwartung nicht von allen erfüllt wird, ist offensichtlich. Die Vorliebe Jugendlicher für die süßen „Alkopops“ hat es erst in jüngster Zeit wieder deutlich gemacht. Mindestens neun Millionen Bundesbürger zwischen 18 und 69 konsumieren Alkohol in riskanten oder eindeutig schädlichen Mengen. Alkohol gilt in kleinen Mengen als inspirierend: „Wenn man manchen großen Taten und Gedanken bis zu ihrer Quelle nachspüren könnte, so würde man finden, dass sie öfters gar nicht in die Welt gekommen sein würden, wenn die Bouteille verkorkt geblieben wäre“, schrieb der Aphoristiker Georg Christoph Lichtenberg. Leider führt häufig auch die Suche nach der Quelle für ein Verbrechen zu eben dieser entkorkten Flasche.

Die Anerkennung des Alkoholismus als Krankheit schuf die Voraussetzungen für wirkungsvolle Behandlungen. Als deren Knackpunkt gilt die dauerhafte Abstinenz, der der steinige Weg des Entzugs vorausgeht. „Da Abstinenz Voraussetzung für den Gesundungsprozess und Ausgangspunkt zur Sicherung einer Neuorientierung ist, sind Bereitschaft und Befähigung zur kompromisslosen Annahme eigener Alkoholabhängigkeit und der damit notwendigen Dauerabstinenz von entscheidender Bedeutung“, schreibt der Suchtexperte Lothar Schmidt, langjähriger Chefarzt am Jüdischen Krankenhaus. Viele bittere Erfahrungen mit Rückfällen sprechen dafür, dass es über das Therapieziel „Trockenheit“ kein Verhandeln geben kann.

Die Skepsis der Fachwelt war daher groß, als der Nürnberger Psychologieprofessor Joachim Körkel vor einigen Jahren sein Konzept des „Kontrollierten Trinkens“ vorstellte. Statt auf Abstinenz zielt es auf eine selbst gewählte Beschränkung der Alkoholmenge. Und ist damit ein direkter Angriff auf die Grundfeste der bisherigen Therapien des Alkoholismus. Inzwischen scheint sich eine friedliche Koexistenz der Methoden anzubahnen, mit denen Alkoholprobleme angegangen werden. Sie ist schon aus pragmatischen Gründen sinnvoll.

„In unsere Beratungsstelle kommen viele Menschen mit riskantem Trinkverhalten. Für sie gab es bisher kein passendes Angebot“, erzählt Sozialpädagogin Rosemarie Heger, Leiterin der Beratungsstelle „Die Gierkezeile“. Die Psychosoziale Beratungs- und Behandlungsstelle für Alkohol- und Medikamentenabhängige in Charlottenburg macht deshalb jetzt zum „kontrollierten Trinken“ ein neues Angebot. In zehn Sitzungen, an denen sechs bis acht Personen teilnehmen, werden in strukturierter Form Antworten auf die Fragen erarbeitet: Wie berechne ich meinen Alkoholkonsum? Wie gehe ich mit Risikosituationen um? Vor allem aber: Wie definiere ich mein persönliches Ziel? „Es ist ganz wichtig, dass die Teilnehmer ihre Ziele selbst festlegen“, sagt Rosemarie Heger. Zu den Spielregeln gehört außerdem, dass schon im Vorfeld festgelegt wird, wie sie aussehen. Welche Tage sollen zum Beispiel unbedingt „alkoholfrei“ bleiben, in welchen Räumen und Situationen und zu welchen Tageszeiten ist Alkohol tabu? Nach den zehn Gruppensitzungen können die Teilnehmer sich in Selbsthilfegruppen weiter gegenseitig motivieren und stützen.

Seriöse Suchtberater betonen, dass das Konzept nicht für Alkoholkranke, also körperlich Abhängige, sondern nur für Menschen mit „riskantem Alkoholkonsum“ tauglich ist. In einer intensiven Diagnosephase wird deshalb zunächst ermittelt, ob ein Interessent wirklich für das neue Programm in Frage kommt. Dazu gehören nicht nur ein bis zwei ausführliche Beratungsgespräche, sondern auch das Einholen von Laborbefunden beim Hausarzt.

Das „Kontrollierte Trinken“ ist, wie Rosemarie Heger betont, wahrscheinlich nur die „zweitbeste Lösung“. Doch die Hoffnung ist, dass mit dem Programm Zielgruppen erreicht werden, die im Betreuungsangebot bisher durch die Maschen fielen: Zum Beispiel Menschen, die in Beruf und Familie ganz gut „funktionieren“ und nicht weiter auffallen, die aber selbst merken, dass sie mit dem Alkohol ein Problem haben. Die aber andererseits von der Aussicht, in Zukunft ganz ohne alkoholische Getränke leben zu sollen, verschreckt werden. Das Programm soll dazu beitragen, dass sie sich ihrem Problem stellen – und es planvoll verringern. „Jede Verminderung des Konsums ist eine wünschenswerte Verbesserung“, sagt der Hamburger Mediziner Rainer Ullmann von der Deutschen Gesellschaft für Suchtmedizin mit Blick auf Alkohol, aber auch auf illegale Drogen.

Die 250 Euro für das Programm zum „Kontrollierten Trinken“, das auch von der Alkohol- und Medikamentenberatungsstelle Mitte / Tiergarten (BOA e.V.) angeboten wird, müssen die Teilnehmer selbst aufbringen. Es ist aber kein unrealistisches Ziel, die Summe wieder einzusparen.

Kontakte: „Die Gierkezeile“, Telefon: 030 / 34 80 09 32; BOA e. V., Telefon: 39 10 51 75 (Internet: www.boa.de); Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren e.V., Telefon: 023 81 / 901 50.

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