Zeitung Heute : Damit lässt sich was anstellen

Alfons Frese

Die Einigung im Tarifstreit bei VW gilt als Richtung weisend. Was muss passieren, damit dieses Beispiel Schule macht?

VW ist einzigartig. Und die Beziehung zwischen Vorstand und Belegschaft sowieso. Denn 98 Prozent aller VW-Mitarbeiter gehören zur IG Metall, Personalvorstand Peter Hartz inklusive. Weil die Gewerkschaft so stark ist, erreicht sie bei VW andere Tarifergebnisse als in einer Firma, in der jeder Dritte gewerkschaftlich organisiert ist. Doch abgesehen von der Verhandlungsmacht auf der einen oder anderen Seite gibt der Kompromiss von Hannover Hinweise auf Entwicklungen, die auch andere Unternehmen und Branchen betreffen.

Die Arbeitskosten müssen auf ein Niveau kommen, mit dem in Deutschland hergestellte Produkte weltweit wettbewerbsfähig sind. Die 28-monatige Nullrunde sowie der Einstieg in niedrigere Tarife, flexiblere Arbeitszeiten und weniger Überstundenzuschläge machen das offenbar für VW möglich. Die Arbeitnehmer können damit leben: Die schon Beschäftigten verschlechtern sich nur ein wenig und müssen sich bis 2011 kaum Sorgen um ihren Job machen; die demnächst neu Eingestellten werden froh sein, einen Job bei Volkswagen zu bekommen und akzeptieren deshalb den niedrigeren Tariflohn. Auf der anderen Seite kann VW – wie schon im Frühsommer Daimler-Chrysler – eine langfristige Jobgarantie abgeben, weil sich die Unternehmen an den sechs- bis siebenjährigen Lebenszyklen der Automodelle orientieren. Unabhängig von Marktschwankungen liegt in den Zyklen ein hohes Maß an Verlässlichkeit und Planbarkeit.

Das ist ein Spezifikum der Autoindustrie, weshalb Beschäftigungsgarantien andernorts eher bescheiden aussehen. In den Siemens-Werken Bocholt und Kamp-Lintfort verzichteten die Arbeitnehmer auf etwa 30 Prozent und sicherten dadurch ihre Jobs gerade mal für zwei Jahre. Vorbildlich weil vorausschauend widmet sich VW dem demografischen Problem. Für weniger Arbeit im Alter sammeln die Arbeitnehmer Stunden auf einem Konto, und Betriebsrat und Personalführung machen sich gemeinsam daran, die Bedingungen zu klären, unter denen auch Menschen über 60 noch arbeiten können. Ein Thema für alle Firmen.

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