DANCEFLOOR-DIVAAérea Negrot : Man hat nie alle Dokumente

Es hat sich noch nicht wirklich herumgesprochen, aber Berlin hat einen neuen Popstar. Oder zumindest eine Musikerin, die das Potenzial dazu hat. Unter ihrem Künstlernamen Aérea Negrot, einer Verbeugung vor zwei legendären lateinamerikanischen Sängerinnen, hat eine 31-jährige Venezolanerin, die früher ein Mann war und seit 2004 in Berlin lebt, das eher fade Popjahr um eine späte Sensation bereichert. „Arabxilla“ ist der passend rätselhafte Titel des weitgehend in Heimarbeit eingespielten Debütalbums, auf dem sich das Talent der schillernden Dancefloor-Diva viel besser entfalten kann als beim Anfang 2011 erschienenen Zweitwerk der Diskoformation Hercules And Love Affair, wo Aérea erstmals in Erscheinung trat.

Denn während damals alle Gesangsbeiträge im virtuellen Schatten des unvergleichlichen Antony Hegarty standen, der Hercules’ Debüt zum Club-Klassiker veredelt hatte, kann sie nun das ganze Spektrum ihrer Stimme zeigen. Und die deckt ein weites Feld von Grace Jones über Marlene Dietrich bis Nina Hagen, vom Belcanto des früh verstorbenen Popsopranisten Klaus Nomi bis zum militanten Geraune eines Gabi Delgado von DAF ab. So entstehen famose, im bislang nicht kartografierten Niemandsland zwischen Tanzfläche und Kleinkunstbühne angesiedelte Ohrwürmer, in denen sie mit androgyner Tonfärbung und in polyglottem Englisch-Deutsch-Spanisch-Mix ihre Erfahrungen als Neuberlinerin reflektiert. Wie sie etwa aus dem unvermeidlichen Fehlen von irgendwelchen Dokumenten bei Ämtergängen den humorvollen Song „Deutsche werden“ macht, ist ganz große Pop-Kunst. Jörg Wunder

Arena Club, Fr 9.12., 23.59 Uhr, 10 €

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar