Zeitung Heute : Dancing Queen

Der Tagesspiegel

Von Thomas Loy

Martina steht wie man so sagt mit beiden Beinen im Leben. Sie würde auf Sternendeuter nicht einen müden Cent setzen. Doch an ein Ereignis der Zukunft glaubt sie felsenfest und unerschütterlich. Annafrid, Björn, Benny und Agnetha, auch Abba genannt, werden nochmal zusammen auftreten.

Dass vor zwei Jahren ein paar Musikmogule eine Milliarde Dollar für diesen Event der Superlative geboten haben - und scheiterten, lässt sie keineswegs zweifeln - dieses Milliarden-Angebot hält sie schlicht für einen PR-Gag. Nein, Martina Rehmer aus Pankow war es wegen widriger welthistorischer Umstände einfach nicht vergönnt, einem Abba-Konzert beizuwohnen. Als bekennender, ehrlicher und seriöser Fan seit 30 Jahren hätte sie aber ein Anrecht darauf. Also muss es irgendwann klappen.

Zum Trost geht sie heute in die Kalkscheune. Da läuft die Abba-wird-30-Party mit dem bekennenden, nahezu hysterischen Abba-Fan und DJ Skorp aus Stuttgart. Der bringt seine Original-Abba-Devotionalien mit (Goldene Schallplatte, Abendkleid von Annafrid, jede Menge Fotos) die parallel zur Party in einer Ausstellung gezeigt werden. Erwartet werden auch Gäste im Benny- oder Agnetha-Look. Abgefahrene Verkleide-Aktionen macht Martina als seriöser Fan aber nicht mit. Sie ist sich auch nicht sicher, ob es in der Kalkscheune wirklich zu einer kollektiven Abbamania kommt. Berlin sei ein „schwieriges Pflaster“ für Abba-Fans. Es gibt einfach zu wenige, die sich entsprechend geoutet haben. Der nächste Fanklub liegt weit weg im Sächsischen und wird nicht 30, sondern 10 Jahre alt: Abba Remember. Früher, in den Seventies, musste man sich für seine Abba-Schwäche noch richtig schämen.

Martina ist übrigens auch DJ, sogar hauptberuflich und zertifiziert als „Schallplattenunterhalterin“, allerdings nicht wie Skorp oder Marusha, sondern seriöser, buchbar für Familienfeste, Betriebsfeiern, Hochzeiten - was eben so anfällt ( www.djmartina.de ). Martina legt eine „bunte Mischung“ auf, also Hits aus einem Vierteljahrhundert. Mit Abba-Songs ist sie vorsichtig. Wenn gewünscht, gerne, aber jemandem aufdrängen möchte sie ihre Leidenschaft auf keinen Fall. An den Reglern steht sie „seit Waterloo“ - mit dem Song gewann Abba 1974 den Schlager-Grand-Prix.

Als Abba-Fan im Sozialismus war natürlich alles ein bisschen schwieriger früher.

Beim Platten-Import bot eine Tante aus dem Westen ihre Dienste an, Autogramme besorgte ein Freund. Einmal fehlten in einem Westpaket ein paar Platten. Dafür lag ein Zettel bei: „Tonträger entfernt, da nicht sozialistischem Kulturgut entsprechend.“ Zwei Abba-Alben brachte das DDR-Label Amiga selbst heraus, auf einer fehlte allerdings der Kapitalismus fördernde Song Money, money, money. War nicht weiter schlimm, denn Martina stand eher auf die weichen, gefühlvollen Titel wie The Winner takes it all. Da konnte Agnetha immer so herzzerreißend die Augen niederschlagen. The Winner hält Platz 3 ihrer persönlichen Abba-Top-Ten. Davor kommen Tropical Love Land und The Day before you came.

Auch der Abba-Film lief in den DDR-Kinos, erinnert sich Martina, und der Jugendsender DT 64 brachte ein Feature über die Gruppe, natürlich mit kritischen Untertönen wider die kommerzielle Musikvermarktung. Einmal sei Abba sogar im Friedrichstadtpalast in der Sendung „Ein Kessel Buntes“ aufgetreten, nur wusste sie nichts davon. Dann kamen die 80er. Die Band löste sich auf und geriet langsam in Vergessenheit - auch bei Martina - bis das Abba-Revival-Fieber Anfang der 90er Jahre um sich griff. Wenn Martina Dancing Queen auflegte, fingen plötzlich 16-jährige Mädchen an zu kreischen.

Apropos: 30 Jahre Abba bezieht sich auf die erste Single: People need love. Abba-Remember-Clubchefin Manuela Sachs weiß, dass es die Band länger gibt. Der erste Auftritt sei 1971 gewesen, in einem Restaurant bei Göteborg, „wohl eine Art Klamauk". Vor kurzem habe sie mit Björn darüber gesprochen. Einzelheiten waren ihm nicht zu entlocken. „Es muss schrecklich gewesen sein.“

Weitere Abba-Party: 26.3. im Estrel-Hotel mit „Björn again“ aus Australien. Infos im Internet: www.abba-remember.com

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