Zeitung Heute : Dank und Liebe

Der Tagesspiegel

Von Ekkehard Schwerk

Dem Zug aus Wien waren schon alle entstiegen und hatten sich eilig zerstreut. Nur zwei alte Menschen blieben bei ihren Koffern, Taschen und Tüten auf dem Bahnsteig stehen, eine Frau und ein Mann. Sie warteten auf Abholung. Die alte Frau trug ein dunkelblaues Kopftuch mit dunkelrotem Rosenmuster. Ihr Gesicht war gebräunt und gefurcht. Der alte Mann mit eisgrauem Stoppelbart trug ein schwarzes Pelzkäppi und eine Joppe, die deutlich über seinem Leib spannte.

Nun kam einer ihnen entgegen geeilt, der zwar auch schon bei einigen Jahren, aber jünger war als jene. Vielleicht der Sohn? Der Alte ging langsam auf ihn zu. Beide Männer umarmten sich, küssten sich auf die Wangen, der Jüngere sodann die Rechte des Alten, die dieser ihm entgegen hielt. Der Zärtlichkeitsaustausch wiederholte sich bei der alten Frau.

Es war nicht nur Zärtlichkeit. Es war mehr. Wir sahen auf dem Bahnsteig eine Liebesbezeugung und Ehrerbietung. Das sind keine Gegensätze, wie ja auch Liebe und Dank zusammengehören. Das sind auch nicht nur uns fremde Gebräuche unter Menschen in ländlichen Ländern – in der Türkei ebenso wie in Polen. Das ist ganz schlicht gesagt schön. Gesicht und Hände sind die untrüglichen Bilder einer Persönlichkeit über jedes Alter hin.

Das hat nun nichts mit dem um sich greifenden Luft-Bussi-Bussi oder affektiertem Handgeschmatze einer gewissen Möchtegern-Gesellschaft gemein. Auf dem Bahnsteig wurden wir Zeugen, wie zwei alte Menschen in einer fremden Stadt ankamen und dennoch erwarten durften, dass ihr jüngerer Angehöriger sie mit Liebe und Ehrfurcht erwartete, es auch in für beide gewohnter Weise kundtat.

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