Zeitung Heute : „Dann eröffnete Picasso den Krieg gegen mich“

Françoise Gilot war mit dem größten Maler der Gegenwart liiert. Dann verließ sie ihn. Und machte selbst Karriere. Sie sagt: Meine Arbeit ist ein Lied gegen die Angst.

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Die Malerin Françoise Gilot, 82, aus Neuillysur-Seine ist eine wichtige Vertreterin des abstrakten Expressionismus. Ihr Werk umfasst 1500 Bilder sowie 5000 Zeichnungen und Grafiken. 1943 lernte sie in Paris Pablo Picasso kennen – ihre Beziehung hielt zehn Jahre. Das Paar bekam zwei Kinder, Claude und Paloma. Als sie Picasso verließ, beschimpfte er sie mit dem Satz: „Geh doch in die Wüste!“. In den 60er Jahren schrieb sie ihre Autobiografie „Leben mit Picasso“, die sich über eine Million Mal verkaufte. 1989 erschien ihr Buch über die Künstlerfreunde Picasso und Matisse.

Interview: Simone Bergmann; Foto: Wolfgang Thieme/Dpa Madame Gilot, Ihr Name wird fast immer nur in einem Atemzug mit dem Ihres Ex-Mannes Pablo Picasso genannt. Können wir zunächst über die Männer Ihres Lebens sprechen?

Ich denke, meine Beziehung zu Picasso hat alle Welt interessiert, weil ich eine außergewöhnliche Frau war.

Und weil er Pablo Picasso hieß.

Ich hatte einfach mehr Persönlichkeit als all die anderen Frauen, die um ihn herum waren. Unsere Beziehung wäre auch wichtig gewesen, wenn sie nur einen Tag gedauert hätte. Picasso hatte ja eine unglaubliche Ausstrahlung, und wurde von vielen Menschen wie ein Halbgott verehrt. Da ich die Frau an seiner Seite war, wurde ich für sie automatisch zu einer Ikone. Das war nicht immer angenehm für mich, aber was sich im Leben nicht vermeiden lässt, muss man akzeptieren.

Warum glauben Sie, hat sich Picasso in Sie verliebt? Sie waren jung und schön und…

Nein, so war das nicht, das glaube ich nicht. Ein Künstler wie Picasso ist sehr isoliert. Und trotz seines Erfolges war auch er das. Mit mir hatte er eine Frau gefunden, mit der er reden konnte. Mir ging es übrigens genauso. Ich hatte endlich jemanden gefunden, der mich verstand. Dass er 40 Jahre älter war, war für mich damals überhaupt kein Problem.

Sie waren 21 Jahre alt, und Picasso 61, als Sie sich kennen lernten.

Ja, das stimmt.

Von 1943 bis 1953 haben Sie mit ihm zusammengelebt. An seiner Seite haben Sie viele berühmte Männer dieser Zeit kennen gelernt: Die Maler Matisse, Miró, Chagall und Dichter wie Paul Eluard, André Breton und Apollinaire. Fühlten Sie sich durch diese großen alten Männer nicht eingeschüchtert?

Sicherlich wäre es für mich sehr viel schwieriger gewesen, wenn ich damals genauso alt wie sie gewesen wäre. Aber wissen Sie, da ich nicht mehr zu ihrer Generation gehörte, waren die Begegnungen für mich kein Problem. Schließlich stand ich am Anfang meiner Karriere und sie am Ende.

Fühlten Sie sich durch ihre Berühmtheit herausgefordert?

Nein, ich habe meine Arbeit gemacht, und die betraf nur mich. Ich bin ja nie Mitglied ihrer Gruppe oder Bewegung gewesen. Ich habe diese großen Männer natürlich immer beobachtet, umgekehrt taten sie das selbstverständlich nicht. Das ist schon ein großer Unterschied.

Ihr Galerist Daniel-Henry Kahnweiler, der auch der Galerist von Picasso war, hat den Vertrag mit Ihnen gekündigt, als Sie sich von Picasso trennten.

Nachdem ich ihn verlassen hatte, eröffnete Picasso den Krieg gegen mich. Es sind dann sehr viele negative Dinge passiert, die mir und meiner Karriere geschadet haben.

Sie haben sich gerächt und eine bitterböse Abrechnung geschrieben, Ihr Buch mit dem Titel „Leben mit Picasso“.

Ein Leben besteht nun einmal aus Interaktionen, die sich mal positiv, aber auch negativ auswirken können. Es sind uns auch sehr positive Dinge widerfahren: Ich habe zwei Kinder, die ich sehr liebe. Und seine aggressive Reaktion hat mich dazu gezwungen, einen völlig neuen Weg einzuschlagen.

Nach dem Bruch mit Picasso haben Sie 1955 zum ersten Mal geheiratet, einen gleichaltrigen Mann, Luc Simon, auch ein Maler.

Wenn man als Paar zusammenlebt, dann ist es eigentlich egal, ob man verheiratet ist oder nicht. Entscheidend ist, dass man sich liebt. Luc Simon kannte ich schon, bevor ich Picasso zum ersten Mal begegnet bin. Auch in der Zeit mit Picasso sind er und ich Freunde geblieben. Ein Jahr nach der Trennung mit Picasso haben wir uns dann ineinander verliebt. Mit ihm habe ich ein drittes Kind, meine Tochter Aurelia.

Warum ist diese Ehe gescheitert?

Was das Malen betrifft, so haben wir höchst unterschiedliche Auffassungen vertreten. Er malte gegenständlich und ich abstrakt. Nein, mit der Kunst hatte unsere Beziehung nichts zu tun. Ich hätte mich auch in ihn verliebt, wenn er Arzt gewesen wäre. Man verliebt sich ja schließlich nicht in den Beruf des Geliebten, sondern in den Menschen. Andererseits: In einen ganz normalen Mann, der von mir erwartet hätte, dass jeden Abend die Suppe auf dem Tisch steht, hätte ich mich auch nicht verlieben können.

Kann man sich im Leben überhaupt vor Enttäuschungen schützen?

Wenn man ein intensives und vitales Leben führen will, dann kann man sich vor Verletzungen nicht schützen. Dazu braucht es Mut, und man muss auf unangenehme Ereignisse gefasst sein. Anders geht es nicht. Wenn man seine Ruhe haben will, dann bleibt man besser in seiner Ecke hocken. Ich habe lieber mit einem Menschen gelebt, der schwierig war, als mit jemandem, der durchschnittlich und langweilig war.

1961 sind Sie nach Amerika ausgewandert und haben sich dort als Malerin etabliert – und sich in den Entdecker des Impfstoffes gegen Kinderlähmung, den Wissenschaftler Jonas Salk, verliebt. Nach den Künstlern endlich ein bürgerlicher Mann?

Oh nein, Jonas Salk war überhaupt kein konventioneller Mann. In ihrer Egozentrik können Wissenschaftler die Künstler noch weit übertreffen. Ich war 47 und Salk 55 Jahre alt, als wir 1970 heirateten. Er hatte auch schon eine Ehe hinter sich. Wir hatten beschlossen, dass wir die Hälfte des Jahres zusammen und die andere Hälfte getrennt leben wollten. Er hatte so genügend Zeit für seine Forschung, und ich konnte an meinen Ausstellungen arbeiten. Die Ehe dauerte 25 Jahre und endete mit seinem Tod 1995.

Die ersten 40 Jahre Ihres Lebens haben Sie in Europa verbracht und die zweite Hälfte in Amerika. Sind Sie inzwischen eine amerikanische Künstlerin?

Das ist sehr lustig, dass Sie mich das fragen. In Amerika denkt jeder von mir, dass ich eine amerikanische Malerin bin, und in Frankreich denken sie, dass ich eine französische Künstlerin bin. Ich habe zwar meine Karriere in Amerika gemacht, aber was meine eigene Kultur betrifft, bin ich natürlich europäisch geprägt.

Sind viele Amerikaner nicht ziemlich ignorant, was Kunst angeht?

Aber woher denn? Da ich mehrere Jahre an einer Universität in Kalifornien unterrichtet habe, kann ich das beurteilen. Amerikanische Studenten sind zwar, was ihre Kenntnisse über die Kulturgeschichte betrifft, wesentlich ungebildeter als die europäischen. Aber dafür sind sie offener und mutiger, was ihre eigene Kreativität anbelangt. Sie können frischer auf neue Dinge reagieren. Das ist oft auch naiv, dennoch ist diese Fähigkeit nicht zu unterschätzen.

Wie hat Sie Ihre Entscheidung, in Amerika zu leben, verändert?

Nach Amerika zu gehen, war die beste Entscheidung meines Lebens. Sie hat mir geholfen, mich von den negativen Zwängen und Vorschriften meiner eigenen Kultur zu lösen. Für mich war das der totale Befreiungsschlag. Dadurch wurde ich zu einer Künstlerin, die endlich frei genug war, um ihr eigenes, sehr persönliches Universum zu finden.

Sie hatten schon im Alter von fünf Jahren den Wunsch, einmal Malerin zu werden. Bereits als Kind waren Sie jede Woche im Louvre. Hat die Leidenschaft für die Kunst im Alter nicht doch etwas nachgelassen?

Keinesfalls! Was für eine merkwürdige Vorstellung! Der Umgang mit Farbe und Pinsel ist für mich genauso lebenswichtig wie das Atmen. Egal, ob ich in meinem New Yorker oder Pariser Atelier bin, jeden Morgen stehe ich um acht Uhr auf und freue mich darauf, wieder vor der Leinwand zu stehen. Leider muss ich vorher häufig noch langweilige Post beantworten. Das ist lästig. Aber wenn ich besonders inspiriert bin, lege ich gleich los. In solchen Momenten arbeite ich schnell. Handwerkliche Probleme kenne ich nicht mehr.

An welchen neuen Projekten arbeiten Sie zurzeit?

Projekte? Was meinen Sie damit? Für mich gibt es nur Themen, die ich über viele Jahre erforsche. In den letzten zehn Jahren habe ich mich mit dem Phänomen der Migration, mit Bäumen in verschiedenen Kulturen und der Zeitlosigkeit des Universums beschäftigt. Diese Recherchen setze ich in meiner Malerei nicht gegenständlich, sondern abstrakt um.

Arbeiten Sie immer noch an diesen großen Themen?

Oh, nein. Im Moment interessiere ich mich für den Schnee. Ich untersuche seine Farbe und die verschiedenen Formen, die er annehmen kann. Natürlich auch seine sinnbildliche Bedeutung in der Vergangenheit. Ich vertiefe mein Wissen, um es dann wie unter einer Art Hypnose auf die Leinwand zu bringen. Der Akt des Malens hat ja gar nichts mit Logik zu tun.

Wenn Sie mit einem neuen Bild beginnen, wissen Sie dann immer schon, wie es am Ende aussehen wird?

Nein, so funktioniert das nicht. Entweder habe ich das fertige Bild bereits vage im Kopf, weiß aber noch nicht, wie ich dahin komme. Oder ich habe keine konkrete Idee, weiß jedoch, was für Farben und Formen das Bild haben soll. Also: Entweder habe ich die fertige Vision im Kopf, muss aber einen Weg finden, wie ich ans Ende komme – oder ich weiß, wie ich anfangen kann, habe aber keine Ahnung, wo ich landen werde.

Sie haben einmal gesagt: „Die Leinwand will verführt und erobert werden“. Es gibt ein Foto von Ihnen, das Sie in der Haltung eines Toreros vor der Leinwand zeigt.

Verführung ist ja letztlich immer auch Intuition. Beim Malen stehe ich immer aufrecht mit einem Meter Abstand vor der Leinwand. Ich muss das Geschehen überblicken können. Ich gehöre nicht zu jenen Malern, die mit der Nase fast auf der Leinwand kleben. Bevor ich anfange zu malen, muss ich mich in einen maximalen Zustand der Erregung versetzen. Es kann also sein, dass ich eine Zeit lang bewegungslos vor der Leinwand stehe und nachdenke. Dieses Denken hat nichts mit Logik zu tun, sondern ich versuche, mich mit Energie zu füllen. Das für mich Entscheidende ist, wie ich die Begeisterung, die ja physisch und psychisch ist, in das Bild hineinbringen kann.

„Die Kunst“, haben Sie einmal geschrieben, „ist das letzte Refugium des Magischen!“. Was meinen Sie damit?

In diesem Essay wollte ich sagen, dass die Steinzeitmenschen noch eine magische Verbindung zur Natur hatten. Die Menschen konnten damals nicht zwischen Abbild und Handlung unterscheiden. Das Bild, das Symbol, die Sprache, die Handlung und das Universum waren für sie eins. Die Zeichnung eines Mammuts hatte für sie die gleiche Präsenz wie das Mammut in der Savanne, das sie jagen und töten wollten. Wissen Sie, ein Künstler reagiert mit seinem Werk immer auf einen gesellschaftlichen Mangel oder Verlust. Es ist offensichtlich, dass wir in einer Gesellschaft leben, die in ihrer Handlungsweise immer mehr den Kontakt zum „Natürlichen“ verliert. Deshalb gibt es seit dem 20. Jahrhundert immer mehr Künstler, die in ihren Arbeiten diese magische Verbindung zur Natur betonen.

Sie glauben, dass Kunst der Gesellschaft helfen kann.

Wenn Sie so wollen, gehöre ich in das Universum eines Matisse. Damit meine ich nicht, dass ich wie Matisse male, aber ich denke wie er, dass die Kunst Therapie sein kann. Ich will mit meinen Bildern dem Betrachter einen dreidimensionalen Raum bieten, in den er eintreten kann, um sich für einen Moment von Schmerz und Furcht zu befreien. Meine Arbeit ist auch ein Lied gegen die Angst.

Glauben Sie, dass Künstler Macht haben?

Es ist eher eine indirekte Macht, die ein Künstler haben kann. Als Künstler sitzt man auf der Reservebank der Macht. Denn die Wirkung eines Kunstwerkes kann nur aktiviert werden, wenn der Betrachter sich angesprochen fühlt. Zwischen dem Kunstwerk und dem Betrachter muss also etwas passieren. Das funktioniert natürlich nicht automatisch. Wenn der Betrachter passiv bleibt und sich nicht auf das Kunstwerk einlässt, dann kann ihm das Kunstwerk auch nichts zurückgeben.

Und wie funktioniert das mit abstrakter Malerei?

Der moderne Maler hat wie in einem Krimi bestimmte Indizien in seinem Bild untergebracht. Damit der Betrachter das Bild versteht, muss er diese Hinweise erkennen und sie für sich wieder zusammenfügen können. Kann er diesen Weg gehen, wird ihn das Kunstwerk anregen, und er erlebt die darin steckende Energie.

Gibt es einen weiblichen Stil?

Ich möchte eine Schriftsteller-Freundin zitieren, die immer lachend sagt: „Männer schreiben für Institutionen und Frauen für Individuen.“ Trotzdem glaube ich nicht, dass es so etwas wie einen femininen Stil gibt. Ganz und gar nicht. Doch einen Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Künstlern gibt es schon: Männer sind immer auf der Suche nach Systemen. Sie erfinden ein System nach dem anderen, nehmen es auseinander oder bauen es wieder zusammen. Frauen sind in der Regel gegen solche Systeme, egal, um welches System es sich dabei handelt. Sie sind weniger an der Theorie interessiert, sondern arbeiten lieber aus sich heraus. Sie haben das Gruppendenken weniger nötig. Sie sind oft Einzelkämpferinnen.

Oft heißt es, dass die Produktivität eines Künstlers in jungen Jahren am größten ist. Von Ihrem Werk wird jedoch behauptet, dass es mit zunehmendem Alter prägnanter und ausdrucksvoller wurde.

Die Höhepunkte der Produktivität von Künstlern verlaufen sehr unterschiedlich. Nehmen Sie Hölderlin oder Schumann, beide sind im Alter verrückt geworden und kläglich in der Psychiatrie verendet. Hingegen waren die venezianischen Maler wie Tintoretto oder Tizian über 80 – damals ein sagenhaftes Alter – als sie ihre besten Bilder malten. Und auch Matisse erreichte die Fülle seines Schaffens erst am Ende seines Lebens. Nach einer Krebsoperation und zwei Herzinfarkten war er körperlich stark behindert, geistig aber blieb er bis zu seinem Ende in glänzender Verfassung.

Wie schätzen Sie Picassos Produktivität ein? Hat er im Alter nachgelassen?

In gewisser Weise muss ich das bestätigen. Nach unserer Trennung habe ich ihn persönlich nie mehr getroffen. Aber auf den Fotos, die ich später von ihm gesehen habe, fand ich seinen Gesichtsaudruck sehr starr und leblos. Der Grund dafür könnte ein kleiner Hirninfarkt gewesen sein. Oder es lag daran, dass er immer ein sehr instinktiver Maler war und diese Kraft am Ende verloren hat.

Ziehen Sie bitte Bilanz: Hat sich im Laufe Ihres Lebens die Qualität Ihrer Lebensfreude verändert?

Moment, da muss ich erst mal nachdenken. Wenn ich heute mit einem neuen Bild beginne, dann versuche ich mich in den gleichen energetischen Zustand zu versetzen wie mit 18. Das klingt seltsam, aber es ist so. Auf dieser Ebene ist die Qualität meiner Lebensfreude gleich geblieben. In Bezug auf die Sinnlichkeit denke ich schon, dass sie sich weiter entwickelt hat. Im Französischen gibt es ein Sprichwort: „Aus einer kleinen Kröte wird keine große“. Oder etwas eleganter formuliert: „Aus einem kleinen Baum wird mit der Zeit ein großer, aber er bleibt dennoch derselbe Baum.“ Ich hatte mit elf Jahren bereits die Idee von einem ganz bestimmten Bild, ich konnte es erst mit 80 malen.

Und Ihr Lebensfazit, Madame Gilot?

Ich glaube, nur Schritt für Schritt kann man im Laufe eines Lebens zu dem Menschen werden, der man immer hat sein wollen.

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