Zeitung Heute : Dann rollte er los

Vor Gericht: Warum der kleine Joscha starb

Kerstin Gehrke

Joscha machte es wie immer: Bei Rot stehen, bei Grün gehen. So hatte es ihm die Mutter eingeschärft und den Schulweg ein Jahr lang mit ihm geübt. Der Siebenjährige war am 24. September vergangenen Jahres mit seinem schwarz-gelben Kinderfahrrad unterwegs. Er wartete an einer Fußgängerampel kurz hinter einer Kreuzung, wollte dann weiter Richtung Schule flitzen. Joscha starb noch auf der Straße. Er wurde von einem Lastwagen überrollt. „Ich habe ihn einfach nicht gesehen“, sagt der Fahrer, der sich gestern wegen fahrlässiger Tötung vor einem Berliner Verkehrsgericht verantworten musste.

Werner P. ist 59 Jahre alt. Ein erfahrener Kraftfahrer ohne Vorstrafen. „Ich hatte Kies geladen“, beginnt der schmale, grauhaarige Mann seine Aussage. Mit seinem 25-Tonner steckte er im Stau. Im Schritttempo bewegte sich die morgendliche Fahrzeugkolonne auf der Danziger Straße voran. „Für mich wurde es Grün“, erklärt der Angeklagte. „Ich habe an der Fußgängerampel keine Personen gesehen.“ Als die Vorderräder seines Lkw bereits auf dem Fußgängerübergang standen, musste er erneut stoppen. Als sein Vordermann anfuhr, rollte er wieder los. „Dann habe ich ein Knirschen gehört.“ Er schaute in den Rückspiegel. „Da habe ich ein Fahrrad gesehen.“ Tränen laufen dem Angeklagten über das Gesicht. „Ich habe nicht mit Schulkindern gerechnet“, schluchzt er. „Aber es war kurz vor acht Uhr, da sind viele Kinder unterwegs“, hält ihm die Staatsanwältin vor. Werner P. weiß keine Antwort. Nach dem schrecklichen Unfall kam er mit einem Schock ins Krankenhaus. Mit seinem Job war es vorbei. „Ich bin nicht mehr in der Lage“, sagt Werner P. leise. „Herr P. ist ein gebrochener Mann“, sagt sein Verteidiger.

Hatte der Junge Rot oder Grün? Wie wurde er erfasst? Der Richter befragt drei andere Fahrer. Sie können sich an die Fahrzeuge erinnern, die direkt vor oder neben ihnen standen. Den kleinen Joscha aber hat keiner der Männer wahrgenommen. Sie wissen nur: „Die Kolonne bewegte sich, kam zum Stehen, bewegte sich wieder.“ Sie haben offenbar alle nicht auf Fußgänger, sondern nur auf ihr eigenes Fortkommen geachtet. Meter für Meter, Stoßstange an Stoßstange.

Joscha besuchte die zweite Klasse, er stand an jenem Morgen gemeinsam mit Josefine an der Ampel. Die Schülerin sah, wie er sich auf sein Tigerenten-Fahrrad schwang, wie er einen Schlenker um den Lkw machen wollte. „Wir hatten Grün“, sagt sie später der Polizei. Auch im Prozess sollte sie als Zeugin aussage. „Ihre Eltern teilten mit, dass Josefine dazu nicht in der Lage ist“, gibt der Richter bekannt. „Kann auf die Vernehmung der Zeugin verzichtet werden?“ Die Staatsanwältin nickt, der Verteidiger auch.

Der Verteidiger spricht schließlich von einer „leichten Fahrlässigkeit mit verheerenden Folgen“. Werner P. sei kein Verkehrsrowdy, kein rücksichtsloser Fahrer. Es sei auch schwierig, den Unfall zu rekonstruieren. „Mein Mandant hatte erst Grün, wollte die Kreuzung und den Fußgängerübergang räumen“, argumentiert der Anwalt. „Dass er überhaupt losgefahren ist, daran zerbricht er.“ Für die Staatsanwältin ist es egal, ob die Ampel für Joscha Rot oder Grün zeigte. Auf ein verkehrsgerechtes Verhalten von Kindern dürfe man nicht vertrauen. Das wird Werner P. dann auch im Urteil vorgehalten. Das Gericht verurteilt ihn zu sechs Monaten Haft auf Bewährung. Außerdem werden ein dreimonatiges Fahrverbot und eine Geldbuße von 2400 Euro verhängt. Die Strafe nimmt Werner P. regungslos auf. Er sagt nur: „Ich habe den Jungen nicht bemerkt, es tut mir so Leid.“

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