Zeitung Heute : Darf ich mich auf Blockaden setzen?

Elisabeth Binder

Immer wieder sonntags fragen Sie

Seit Jahren ärgere ich mich darüber, dass sich Besucher von Vorlesungen oder Vorträgen Plätze dadurch sichern, dass sie Kleidungsstücke über die Sitze legen und dann manchmal erst nach Beginn der Veranstaltung erscheinen. Andere, sogar behinderte Zuhörer bekommen gar keinen Platz mehr. Das passiert auch in sehr kulturvollen Institutionen wie dem Literarischen Colloquium oder der Akademie der Künste. Darf ich die Kleidungsstücke einfach entfernen?

Das Blockieren ist eine Unsitte, das ist sicher richtig. Wohin aber wollten Sie die fraglichen Kleidungsstücke legen, wenn Sie einen Sitz entern? Auf den Boden werfen, würde Ihren aktuellen Gefühlen gegenüber dem Besitzer vermutlich wirkungsvoll Luft machen, wäre aber trotzdem nicht freundlich. Zur Garderobe bringen? Wie soll er sie da wieder finden, und wie halten Sie in der Zwischenzeit den so befreiten Platz für sich selber reserviert, wenn Sie nicht die von Ihnen angeprangerte Unart ebenfalls praktizieren wollten?

Sollte es tatsächlich keine freien Plätze mehr geben, setzen Sie sich doch einfach auf den Platz und legen das Kleidungsstück des früheren Eroberers über die Lehne. Das hat den Nachteil, dass Sie sich mit ihm auseinander setzen müssen, aber den Vorteil, dass Sie die Gründe für sein frevelhaftes Tun erfahren. Sollten Sie dabei an eine Journalistin geraten, kann es sein, dass sie Ihnen erklärt, sie habe sich den Randplatz freigehalten, weil sie zwischendurch zum Telefonieren mal raus muss und nicht früher endgültig Platz nehmen konnte, weil im Foyer noch wichtige Interviews geführt werden mussten. Eine Ausnahme, zugegeben.

Ob die angeführten Gründe gut sind, mag Ihrem eigenen Urteilsvermögen überlassen bleiben. Viele Zuhörer haben wahrscheinlich keinen Grund, außer dem, dass zuerst mahlt, wer zuerst kommt. Dann machen Sie Ihre Entscheidung vom Kontrahenten abhängig. Wenn der schon älter ist oder sonst wie sitzbedürftig wirkt, räumen Sie den Platz ohne Protest. Ist es ein arroganter junger Schnösel, hauen Sie ihm seine Krawatte oder was sonst er als Pfand hinterlassen hat, einfach um die Ohren.

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