Zeitung Heute : Darf ich mit dem Messer essen?

Elisabeth Binder

Immer wieder sonntags fragen Sie

In unserer Familie gibt es einen Besteckstreit. Die eine Gruppe benutzt das Messer ausschließlich zum Zerkleinern fester Lebensmittel wie Fisch und Fleisch. Alles andere wird nur mit der Gabel gegessen. Die zweite Fraktion zerkleinert alles mit dem Messer, auch Kartoffeln und Nudeln, und hält das auch noch für wohlerzogen. Wer hat Recht?

Früher wäre Ihre Frage eindeutig zu beantworten gewesen. Da galt es in Deutschland als ausgesprochen schlechtes Benehmen, Kartoffeln mit dem Messer zu zerkleinern. Adenauers Protokollchefin Erika Pappritz befand noch in den 60er Jahren kategorisch: „Kartoffeln werden, gleich welcher Art… grundsätzlich nur mit der Gabel gegessen. Sie mit dem Messer zu zerschneiden, wird immer noch für barbarisch gehalten.“ Auch Nudeln, Pfannkuchen und Omeletts wollte sie auf keinen Fall mit dem Messer malträtiert sehen. Dagegen galt es in Amerika als völlig gesellschaftsfähig, auf diese Weise den Sättigungsbeilagen zu Leibe zu rücken.

Dass sich die Unterschiede in den Bestecknutzungssitten langsam egalisieren, liegt nach meinem Gefühl an der Globalisierung. Immer mehr Menschen halten sich immer häufiger in unterschiedlichen Kulturkreisen auf. Da liegt es nahe, sich aus jedem Kreis das Beste herauszusuchen, die Verhaltensweise, mit der man selbst am besten klarkommt. Lange galt es hier ja auch als Muss, beide Hände auf den Tisch zu legen, nur stieselige Teenager behielten eine Hand im Schoß. In den USA hingegen gilt genau das als bestes Benehmen.

Da man nicht mehr auf fest geschmiedete Regeln bauen kann, würde ich die Ästhetik und die Empfindlichkeiten der Tischnachbarn zum Maßstab ernennen. Sieht es denn unappetitlich aus, wenn jemand seine Kartoffeln mit dem Messer zerkleinert? Doch eigentlich nicht. Warum also sollte man ihn nicht gewähren lassen. Gabelprofis, die allein mit diesem Werkzeug nicht nur ihre Kartoffeln, sondern auch die Nudeln klein kriegen, ohne dass es spritzt und flutscht, sollen ihre Meisterschaft unbehindert von auch nur heimlich gegrummelter Kritik praktizieren dürfen. Erlaubt ist, was gefällig ist und möglichst anmutig aussieht.

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