Zeitung Heute : Darrell schießt nicht mehr

Er war im Irak, nun führt er ein Leben, als hätte es die Jahre davor nie gegeben – ohne Eltern, Freunde, Hobbys. Man gibt als Deserteur nicht nur die Armee auf

Christine-Felice Röhrs[Toronto]

Es war ein paar Wochen nach diesem Zwischenfall, da wusste Darrell Anderson plötzlich, was zu tun war. Er war nur noch ein nervöses Wrack, kaum in der Lage, sich genau zu erinnern. Irak. Bagdad. Hitze. Mittag. Irgendeine Straßenecke. Auf einmal Schüsse, von irgendwoher, dann von allen Seiten, der Kumpel plötzlich umgerissen wie von unsichtbarer Faust, blutüberströmt, und diese unheimliche, adrenalingeladene Kriegspanik, die als scharfkantiger Brocken vom Bauch in die Kehle springt. Er weiß noch, dass da ein paar Meter weiter ein Junge stand und schaute – und lachte. Lachte. Er weiß noch, wie der Brocken ihm die Luft abschnürte, bis er kaum noch was sah, wie der Schweiß unter der Schutzweste rann, wie die Schüsse immer weiterknallten, er weiß noch, dass sein Arm herumschwang mit der Maschinenpistole und der Zeigefinger sich krümmte. Er weiß noch, dass die Waffe gesichert war. An diesem Tag hätte er fast ein Kind getötet, weil ihm der Krieg in der Kehle saß.

So begann Darrell Andersons Geschichte als Deserteur. Sagt er.

Insgesamt fehlen den USA zurzeit ein paar tausend Soldaten, die eigentlich im Irak sein müssten. Zwar heißt es bei der Armee, die Zahl der Flüchtigen sei so niedrig wie seit Jahren nicht mehr, aber genaue Zahlen rückt sie nicht heraus. Kriegsgegner schätzen: 5500 sind seit der Invasion desertiert. In Toronto, Kanada, sind mittlerweile sieben aufgetaucht. Offiziell. Etwa 150 weitere sollen sich hier verstecken, in Amerikas Nachbarland mit der praktisch nicht existenten Grenze.

Amerikas Armee bekommt ein Problem. Eine Revolte scheine sich anzubahnen, schreibt die „New York Times“ am 17. Januar. Die Zahl der toten Soldaten schnellt in die Höhe – genau 1500 sind es am 3. März – während die Zahl der Rekruten dramatisch sinkt: Im Februar hat die Armee zum allerersten Mal ihr Soll nicht erfüllt. Immer mehr Reservisten werden in den Irak geschickt, und die „GI Rights Hotline“ bekommt monatlich mehr als 3000 Anrufe von Soldaten, die sich überlegen die Streitkräfte zu verlassen – doppelt so viele wie vor dem Krieg.

Das Thema ist wieder eins. So groß wie vor 35 Jahren, als ein anderer Krieg die Amerikaner entzweite.

Desertion – ein Schandmal, das die ganze Familie befleckt? Oder eine Frage der Ehre?

Ein paar Wochen nach diesem Zwischenfall also – er war auf Heimaturlaub in Lexington, Kentucky – da packte Darrell Anderson drei Jeans ein und ein paar Hip-Hop-CDs, ließ sich von Freunden über die kanadische Grenze fahren und spazierte bei Jeffry House ins Büro. Das war am 6. Januar 2005.

Kanada, das Land, in dem im Winter der Schnee am Straßenrand niemals wegtaut und ein heiteres Glitzern in den Tag streut, war schon einmal Fluchtburg für US-Soldaten. Mitte 1969, mitten im Vietnamkrieg, hatte der kanadische Premierminister Pierre Trudeau sein Land zum „Refugium gegen den Militarismus“ erklärt. 50000 Deserteure und Verweigerer kamen damals, 20000 blieben.

Jeffry House, Jura-Absolvent der Universität von Wisconsin, erreichte Kanada sechs Monate nach Trudeaus Rede. Die Grenzposten waren da schon so entnervt von der Flut, dass sie ihn baten, den Antrag im Hinterzimmer selber zu tippen. Das war am 28. Januar 1970.

Und nun begegnet also die erste Generation der Kriegsverweigerer der zweiten. Und eine jahrzehntealte Maschinerie ist plötzlich wieder in Bewegung geraten. Die „Peace“-Bewegung, ein Unterstützungskomitee, die Quäker, Menschen, die E-Mails mit „Frieden und Gerechtigkeit!“ unterschreiben… Und mittendrin: Jeffry House, Vietnamverweigerer und Anwalt von fünf Deserteuren, vom ersten, Jeremy Hinzman, 26, bis zum bisher letzten, Darrell Anderson, 22. Seine Kanzlei ist das Zentrum des Wirbels.

Ein strahlender Morgen, die schmale Prince Arthur Avenue. Ein kleines braunes Haus, vor Papieren überquellende Büros, eine Palme in der Badezimmerwanne und wellige Teppiche. Hinten links sitzt House. Er hat ein rundes freundliches Gesicht, Bauch, und die Anzughose führt Hochwasser. Es waren 35 ruhige Jahre für ihn seit er herkam, man sieht das. House hat eine Kanadierin geheiratet und zwei Söhne bekommen. Das große Geld hat er nicht gemacht. „Relevantes Recht“ will er machen, sagt er – „mehr als nur den Lebensunterhalt damit verdienen“. Er hat viele Flüchtlinge vertreten, im Lauf der Zeit. Chilenen, Guatemalteken, Kubaner. Und er hat zu viele Fälle gehabt, in denen es darum ging, wer wen zuerst gehauen hat.

Ein bisschen stumpf war das Leben schon geworden, als vor einem Jahr Jeremy Hinzman in sein Büro kam.

Seitdem ist es eng hier geworden. Neben einem durchgesessenen roten Sofa stapeln sich jetzt Pappkartons voller Akten, hastig mit Filzer beschriftet, „Hinzman“, „Sanders“. Alle Stunde kommt Diane, die Sekretärin, mit einer neuen Nachricht auf rosa Papier herein: Journalist erbittet Rückruf. Und jeden Abend poppen auf dem Computerschirm neue E-Mails auf von Soldaten, die um Rat bitten. Soll ich ein neues Leben beginnen?

Der Beginn vom neuen Leben des Darrell Anderson hat sich noch nicht blicken lassen. Andersons Nase ist rot, draußen sind es minus 17 Grad. Die blaue Bomberjacke mag vielleicht für Kentuckys Winter reichen, aber nicht für Toronto. Der Bart wächst in Flusen übers Jungengesicht. Es gibt kein Zuhause, wo man ihn besuchen könnte; er lebt als Untermieter bei einer Quäkerfrau, und die will keine Fremden im Haus. Es gibt nur dieses voll gestopfte Anwaltsbüro und diesen Anwalt, an dessen Lippen er bewundernd hängt.

Darrell Anderson, 22, führt ein Leben, als hätte es die ersten 21 Jahre nicht gegeben. Ohne Koordinaten. Ohne Eltern, Freunde, Hobbys. Man gibt als Deserteur nicht nur die Armee auf. Darf er bleiben, wird er nie wieder nach Hause fahren können. Schickt man ihn zurück, kommt er ins Gefängnis. Man weiß nicht recht, ob er das schon kapiert hat.

Er grinst breit, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, Anderson kuschelt sich im Anwaltssessel zusammen wie vor dem Fernseher. Gut erklären kann er das nicht, warum er denkt, der Krieg sei falsch, man merkt, er ist der Jugend noch nicht einmal entwachsen, und die bestand aus einer Tochter, die er mit 16 zeugt, und viel Football. Es fällt auf, dass er sich manche Sätze aus den Reden der Mit-Deserteure geklaut hat: „Ich glaube, dass dieser Krieg auf einer Lüge basiert“, sagt er – es ist exakt der Satz, den sein Anwalt so gerne über Vietnam sagt. „Der Irak hatte keine Massenvernichtungswaffen. Ich habe niemandem geholfen. Ich habe nicht mal mein Land verteidigt.“

Private First Class Darrell Anderson stand um fünf Uhr morgens auf, klemmte sich hinter ein Maschinengewehr auf einem Humvee, einem gepanzerten Fahrzeug, und dachte an Mädchen. Später, als der Kriegstag älter und die Sonne heiß wird, bewacht er Checkpoints. Ein Jeep fährt heran, stoppt nicht, die Scheiben dunkel. Der Vorgesetzte: Schieß! Anderson schießt nicht, der Wagen stoppt, eine Familie purzelt ängstlich heraus, der Vorgesetzte: Beim nächsten Mal schießt du – egal, wer drinsitzt. Bald darauf wird Anderson verwundet, eine Granate explodiert vorm Wagen, Splitter in der rechten Hüfte, lila die Haut immer noch, das Purple Heart dafür.

Im Dezember 2006 hätte Darrell Anderson seine vier Jahre abgerissen gehabt – mit 50000 Dollar Bonus in der Tasche fürs College. Aber nach acht Monaten Irak, als es für eine Pause nach Deutschland geht, auf den Stützpunkt in Gießen und von da auf Heimaturlaub, da fühlt er sich schon so komisch. „Nicht mehr wie ich selbst, das war sehr seltsam.“ Nervosität, Albträume. Vermutlich auch Angst, obwohl er das nicht zugibt. Fünf Tage, bevor der Flieger zurück nach Deutschland geht, packt er für Kanada.

Die Gegner der Deserteure, und das sind viele in den USA, ziehen gern den Vergleich mit einem Arzt, der bei der ersten Operation sagt: Ich kann aber kein Blut sehen – und den Patienten im Stich lässt. Jeffry House hat da ein Gegenbeispiel: Soldat im Irak zu sein, sei eher so, wie als Krankenschwester plötzlich um eine Abtreibung gebeten zu werden.

Die Richter, die über Einwanderung oder Abschiebung entscheiden, haben einen schwierigen Job. Moral ist ein schwer zu greifendes Ding. Und Desertion ist ein Verbrechen. Wie viel Gnade ist eine Entscheidung aus Gewissensgründen wert? Houses Klienten haben alle einen Antrag gestellt, um als Flüchtlinge anerkannt zu werden, doch die Regeln sind sehr viel strenger geworden seit 1970. Sie müssen nachweisen, dass sie verfolgt würden, wenn sie in die USA zurückkehrten. Jeffry House sagt, er versuche nun, Verständnis dafür zu wecken, wie absurd es sei, Schuljungs an jeden Buchstaben zu binden, den sie mit ihrer Unterschrift anerkannt haben.

Tatsache ist: Die Deserteure von heute kommen aus einer anderen sozialen Schicht als die von 1970. Keiner hat ein Unidiplom, sie sind zum Teil sogar noch minderjährig, wenn sie angeworben werden, so dass die Eltern unterzeichnen müssen. „Poverty draft“ nennt sich das – die Armee als Ausweg aus der Armut. Brandon Hughey, 19, hat gezeichnet, als er 17 war, weil der Vater arbeitslos wurde, und bekam 5000 Dollar dafür, Clifford Cornell hat gezeichnet, weil er keinen Job fand, und Jeremy Hinzman, der Erste in Kanada, sagt, er hätte gerne studiert nach der Armee. Aber das ist jetzt weit weg. Zurzeit arbeitet Hinzman als Radkurier.

Es ist ein eisiger Abend, durch Torontos Straßen fahren Laster, die kleine Schneeberge transportieren. Die Frau ist krank, das Kind hustet auch schon. Jeremy Hinzman und seine Familie leben im Untergeschoss eines Einfamilienhauses. Man muss durch einen Kellergang, bis man zu seiner Tür kommt. Sie ist zu niedrig, um aufrecht durchgehen zu können.

Über Jeremy Hinzman hat mal jemand geschrieben: Er ist der Typ, der die Schulballkönigin hätte haben können und sich für die unscheinbare, aber klügere Freundin interessiert. Typ Büchernarr und Sportler, fanatisch gegen Drogen, einer, der früh anfängt mit dem kritischen Blick auf das Land. Mit 22 heiratet der Junge aus Rapid City, South Dakota, eine um sieben Jahre ältere Frau, Sozialarbeiterin, Koreanerin, mit 24 bekommt er einen Sohn. Er will studieren, Philosophie oder Literatur, aber „so etwas wie eine Karriere“ will er nicht, sagt er, den herkömmlichen Arbeitsalltag findet er „bedeutungslos“. Fahrradkurier sein sei doch etwas Gutes, er grinst und sieht das erste Mal so jung aus, wie er ist: „Bedenken Sie allein die Absurdität, dafür bezahlt zu werden, den ganzen Tag durch die Stadt zu radeln.“

Hinzman sagt: „Um jemanden zu killen, muss man in sich jede Menge natürlicher Barrieren brechen.“ Er sagt: Genau das versucht die Armee. Zu brechen. Und während alle anderen dem Sog der Gemeinschaft erlagen, hat er sich immer weiter davon entfernt. Er erzählt von der Ausbildung, sagt: „Es ist eine stetige Desensibilisierung“, viel blutrünstige Brüllerei. Beim Joggen: „Hoo-ray, we wanna kill somebody! Hoo-ray, we wanna kill somebody!“ Beim Bajonetttraining fragt der Ausbilder: „What makes the grass grow?“ Und der Trupp brüllt mit den Stoßbewegungen zurück: „Blood, blood, blood!“

„Ich hatte Angst, ich verliere meine Menschlichkeit“, sagt Hinzman. Trotzdem habe er eineinhalb Jahre versucht, ein guter Soldat zu sein. Er ging nach Afghanistan. Dann bewarb er sich zwei Mal um den Status als Verweigerer aus Gewissensgründen, bot an, Küchendienste zu schieben, wurde abgelehnt. Im Dezember 2003 sagen sie ihm, er müsse in den Irak. Da ist es keine dramatische Entscheidung mehr. Jeremy und Nga Hinzman packen Sohn Liam und die Ersparnisse in den Chevy und fahren los. Nach 17 Stunden sind sie in Kanada.

Jeremy Hinzman macht sich morgens gegen sechs ein Marmeladenbrot, trainiert für den Marathon und fährt dann Rad. Abends ist er Ehemann und Vater. Ansonsten wartet er. Darrell Anderson steht morgens um neun Uhr auf, macht sein Bett und hält dann meistens vor irgendwem eine Rede, achselzuckend sagt er, „da geht halt all der Friedenskram ab“. Er ist die Ikone einer Bewegung, die für ihn nie von Interesse war, aber jetzt den einzigen Halt darstellt. Sein Fall, als der jüngste, wird frühestens in einem Jahr verhandelt. Bis dahin ist er in Sicherheit. Ob Jeremy Hinzman in Kanada bleiben darf, entscheidet der Richter Anfang April.

Die Armee hat gerade eine neue Regel erlassen. Soldaten, deren Einheit bald in den Irak soll, dürfen sie drei Monate vor der Versetzung nicht mehr verlassen.

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