Darts : Jeder Wurf ein Treffer

Viel braucht es nicht für diesen Sport: ein paar kleine Pfeile, eine Scheibe an der Wand. Und Bier! Denn Darts wird traditionell im Pub gespielt. Und einer weiß alles darüber: Patrick Chaplin. Er ist weltweit der einzige promovierte Darts-Wissenschaftler. Ein Kneipenbummel mit Doctor Darts.

Patrick Chaplin und die Inhaber des Pubs „Porter’s Lodge“ bewundern den Weltmeistergürtel der City of London Darts Association.
Patrick Chaplin und die Inhaber des Pubs „Porter’s Lodge“ bewundern den Weltmeistergürtel der City of London Darts Association.Antonio Sansica

Es war an einem Mittwoch im Jahr 1985, Patrick Chaplin und seine Freunde, die „Boys“, spielten Darts in ihrem Pub in Essex. Einer von ihnen fragte Chaplin, der immer so viel wusste, woher das Dartspiel kommt. Bis dahin, sagt Maureen Chaplin, sei sie mit einem normalen Mann verheiratet gewesen. Inzwischen lebt sie mit Dr. Darts, dem einzigen Menschen, der zur Geschichte dieses Spiels promoviert wurde.

Heute ist Dr. Darts in Londons Stadtteil Farringdon, nahe der City, zu einem Vortrag eingeladen. Es soll um die typischen Spiele Londons gehen, nicht-olympische Disziplinen, jetzt, kurz vor Olympia. Chaplin hat historische Dartpfeile dabei, ein anderer ein paar Brocken aus Holz, historische Kegel. Chaplin reicht die Pfeile in dem Kellerraum durch die Reihen.

Der Vortrag ist zu einer Krisensitzung geworden. Die Männer reden von Aussterben und Gefahr, sie wiegen und schütteln die Köpfe. „Noch vor 50 Jahren hatten 200 Pubs in London Kegelbahnen – jetzt gibt es nur noch einen“, sagt ein schlaksiger Kerl. „Jede Woche schließen elf Pubs hier“, sagt ein anderer. Chaplin befürchtet, dass das Dartspiel nicht einmal mehr seinen 100. Geburtstag in dieser Stadt feiern wird, wenn es so weitergeht. 30 Dartpubs haben in den letzten Monaten geschlossen.

Seltsam, wo doch tausende Engländer im Januar zu den Meisterschaften in Hallen wie den Alexandra Palace strömen, sich albern verkleiden, als Bananen beispielsweise. Wo Millionen Zuschauer mehrmals im Jahr alten, dickbäuchigen Dartspielern zujubeln, als wären sie Rockstars. Und die Preisgelder inzwischen bei fünf bis zehn Millionen liegen. Ausgerechnet dieser Sport soll in Gefahr sein?

Chaplin, 62, silbernes Kreuz um den Hals, Siegelring, glänzende Schuhe, beginnt von den Ursprüngen des Darts zu erzählen. Dabei sagt er gern, dass irgendetwas der Urgroßvater oder die Großmutter von etwas anderem ist.

Der Urgroßvater des Darts ist das Bogenschießen. Das haben die Menschen seit Jahrhunderten gemacht, auch drinnen in den Public Houses, den Pubs. Aus Frankreich brachten Schausteller dann die Fléchettes, kleine Holzpfeile – angeblich soll Anne Boleyn ihrem Mann, Henry VIII., eine Kiste davon geschenkt haben. In ganz England begann man, mit diesen Pfeilen auf Holzscheiben zu werfen, die je nach Region unterschiedlich aussahen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren manche Dartscheiben so groß wie Wände, eine soll sogar 1000 Abschnitte gehabt haben. Das Spiel wurde immer beliebter: Die Arbeiterklasse wollte nach einem langen Tag abgelenkt werden, und die Pubs suchten etwas, um mit Kino und Tanz zu konkurrieren. 1924 wurde in London die erste Dartliga der Welt gegründet, in dieser Stadt, wo die Scheiben heute so schnell verschwinden, dass man dabei zusehen kann.

Chaplin hat das alles herausgefunden – und ist damit, wie er sagt, eine Weltinstanz geworden. Dartfans aus China und Australien schreiben ihm. Er veröffentlicht Bücher über Dartlegenden, Dartsprache, Dartwitze. Freut sich, wenn er das nutzloseste Geschenk aller Zeiten findet: eine aufblasbare Dartscheibe inklusive Flickset. Das graue Hemd, das er anhat, trägt den Namen seines Sponsors, Winmau. Die Firma stellt Dartzubehör her. Oft ruft Bobby George bei den Chaplins an, der Dartstar, der ein paar Straßen weiter in einem riesigen Haus wohnt. „Kann ich den Professor sprechen?“, fragt George dann.

Der Pub, sagt Chaplin in dem Keller in Farringdon, ist die Mutter des Darts. Und das ist das Problem. Denn die Pubkultur verändert sich. Wieder schütteln die Männer die Köpfe. In der hintersten Reihe sitzt Maureen Chaplin, den Blick ins Leere, und streichelt die alten Pfeile mit den Truthahnfedern.

Den ganzen Tag hat Chaplin ihr London gezeigt, die Großstadt, in der sie nur wenige Male war. Mit dem Zug sind sie angereist aus ihrer Kleinstadt in Essex, wo sie beide geboren sind, sich kennengelernt haben und nun in einem Haus mit ihrer Katze Angel leben. Chaplin kennt London, weil er hier jahrelang recherchierte: in der British Library, in Zeitungsarchiven.

Wo früher gekegelt wurde, sagen die Männer in dem Keller jetzt, stünden heute Tische, an denen gegessen wird. Der Staat mit seiner hohen Alkoholsteuer ruiniere die Pubs. Früher hingen Dartscheiben in den Ecken, jetzt hängen da Maschinen für Glücksspiele. „Für die jungen Leute muss ein Spiel auf einem Monitor flimmern“, sagen sie. Werden die Pubs bald nur noch amerikanisches Budweiser verkaufen? Wenn Dart und Kegeln schwinden, dann verschwindet auch das Englischste vom Englischen. Chaplin hebt die Schultern. Das Publikum will über freundlichere Themen sprechen. Warum wirft man mit drei Pfeilen?, fragt einer. Hat es mit der heiligen Dreifaltigkeit zu tun? Chaplin weiß es nicht genau.

Der Vortrag ist zu Ende. Ein zweites Mal steigt das Ehepaar heute Abend ein paar Stufen in einen Keller hinunter. Aber dieses Mal atmet Maureen auf und den Geruch von Bier, Männerschweiß und altem Teppich ein. „Ich fühle mich zu Hause“, sagt sie und blickt sich strahlend um. Sie steht jetzt im Porter’s Lodge, einem Pub in der City of London, dem Finanzviertel. Banker und Unternehmensberater, Mitarbeiter von Versicherungen kommen hierher.

Acht Dartscheiben gibt es, die Inhaber wollen das retten, was die Männer vorhin vom Aussterben bedroht sahen. Chaplin erinnert sich an seinen eigenen Pub. Der „Carpenter’s Arms“ in Maldon, Essex, liegt nur wenige Meter entfernt von dem Haus, in dem er als Sohn eines Arbeiters geboren wurde. Noch immer trifft sich Chaplin mittwochs mit den „Boys“, seit 35 Jahren schon. Der Besitzer grüßt ihn, die Barfrauen bringen ihm unaufgefordert sein Adnams, ein „Real Ale“, das Bier der örtlichen Brauerei. Ein Bier ohne Chemie, ein Bier, das dick macht. „Mit diesem Bier wurde ich großgezogen. Ich bin Bierenthusiast“, sagt er. Nur in Großbritannien klingen solche Sätze normal.

Früher war Chaplin Sachbearbeiter bei der Landesverwaltung, ab und an hat er Sketche geschrieben, für die BBC, für Kinderserien. „Gib mir zwei Wochen, und ich weiß die Antwort“, sagte Patrick damals zu seinem Freund, als der nach der Geschichte des Darts fragte. Aus den Wochen wurden Jahre, denn im Land des Darts war Patrick Chaplin tatsächlich der erste, der es genau wissen wollte. „Die Geschichte des Darts war im Rauch der Bierschänke hängengeblieben.“ Er beschloss, eine Doktorarbeit darüber zu schreiben und überzeugte die Angelika-Ruskin-Universität in Cambridge, dass er auf diesem Gebiet mehr wisse als jeder andere und so auch ohne Universitätsabschluss Doktor werden könne. Es waren mühsame Jahre, er arbeitete Halbzeit, finanzierte seine Forschung selbst, die akademische Sprache fiel ihm schwer.

Nach zwölf Jahren, 336 Seiten, 104 000 Wörtern und fast 1000 Fußnoten, steht Chaplin mit violettem Umhang und Doktorhut auf einer Wiese in Cambridge, das Foto davon ist neben einer kleinen Trophäe das einzige Dartaccessoire, das Maureen im gemeinsamen Wohnzimmer duldet. „Ich musste diese Regel einführen. Sonst sähe es bei uns aus wie bei Patricks Vater.“ Der sammelt Züge. In der Scheune und auf dem Speicher stehen bereits hunderte Dartscheiben, Bücher über Pubs und Darts stapeln sich auf Chaplins Schreibtisch.

Chaplin würde jetzt, in einem der letzten Dartpubs Londons, gern vorführen, wie das Spiel funktioniert, auch wenn er kein Profi ist. Aber er spielt, seit er zwölf ist und hat ein paar kleine Turniere gewonnen, im Pub natürlich. Er würde gern zeigen, wie ruhig man den Körper halten muss, nur der Arm darf sich bewegen. Doch Dr. Darts kann seit ein paar Monaten keine Pfeile mehr werfen – seine Schulter ist „eingefroren“, wie es die Ärzte nennen. Stattdessen erklärt er jetzt, wie schwer es ist, in die Ringe zu treffen, acht Millimeter sind sie breit. „Darts ist kein Glücksspiel. Man muss heutzutage, glaubt es oder nicht, fit sein, manche Spieler haben sogar einen Personal Trainer.“ Das hat er bereits einem Abgeordneten des britischen Unterhauses erklärt, als der 2005 Hilfe wollte, bei der Frage, ob Darts als Sport anerkannt werden soll. Heute ist Darts offizieller Sport.

Doch das ist Chaplin nicht wichtig. Darts gehört für ihn in den Pub. „Es ist ein Sport ohne Feindschaft, ein Sport für die Arbeiterklasse, ein Sport, der nichts kostet.“ Der einfach ist und deshalb demokratisch. Seinen Durchbruch, sagt Chaplin, hatte Darts 1937. Da kam die Queen in einen Pub und warf ein paar Pfeile. Nicht nur, dass da plötzlich eine Majestät das Spiel der Arbeiterklasse spielte, sie war ja auch noch eine Frau. Mit einem anrüchigen Glücksspiel hatte Darts von da an nichts mehr zu tun. In den 70er Jahren erfand die BBC den geteilten Bildschirm, man konnte Scheibe und Werfer zeitgleich sehen, Darts wurde ein Fernsehsport.

Eine Gruppe Männer brüllt jetzt im Porter’s Lodge. Dann werden sie andächtig still – einer wirft. Plop, macht es. Die Männer schreien ihre Treffer in die Runde. „Bed and Breakfast“, ruft jemand. Chaplin erklärt, dass gerade eine 20, eine 5 und eine 1 geworfen wurde. 2 Schilling und 6 Pence kostete früher eine Übernachtung in England.

Chaplin hat jetzt einen neuen Traum. Er will das erste Dartmuseum eröffnen.

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