Zeitung Heute : Darum ist es am Rhein so schön

Heine, Brentano, Kegelclubs, Seniorenvereine – alle lieben ihn, den deutschen Strom. Und heute geht gar Harald Schmidt auf große TV-Flussfahrt. Warum die Schwärmerei? Was ist so besonders an dieser Landschaft zwischen Bingen und Koblenz? Eine Reise in Deutschlands Herz.

Matthias Kalle

Und dann, ganz plötzlich, wie aus dem Nichts, war er da, dieser Moment, an dem er wusste, dass es vorbei ist. Da stand er nun, auf dem hässlichsten Bauwerk, das er während seiner Reise besichtigt hatte. Irgendwo floss der Rhein, hinter ihm lagen all die Burgen und Schlösser und Festungen, und zuerst wusste er nicht, ob es tatsächlich das war, wonach er suchte, dem er nun schon seit Tagen auf der Spur war, an dessen Existenz er zweifelte. Aber auf einmal war sie da, die Schönheit, und seine Reise war zu Ende, und er verließ den Rhein wieder, nach drei Tagen der Suche, denn er hatte seinen Auftrag erfüllt.

Der Auftrag des jungen Mannes, Ende 20, in Berlin lebend, den wir hier begleiten, lautete: an den Rhein fahren und herausfinden, warum es dort so schön ist. Dort in Koblenz, am Deutschen Eck, wo der Rhein die Mosel trifft; dort in St. Goar, wo man auf der anderen Seite des Rheins die Loreley sieht und wo die Campingplätze sind, auf denen die Deutschen den Sommer verbringen; dort, wo all die Japaner und Amerikaner und Italiener Deutschland kennen lernen, auf dem Schiff, auf der Fahrt von Bingen nach St. Goar, vorbei an Bacharach, an Burg Stahleck und an all den anderen Burgen, den Hängen, den Wäldern; dort also, wo der Entertainer Harald Schmidt heute seine Show machen wird, auf der „MS Loreley“, einem Ausflugsdampfer, vier Stunden lang. Das Motto lautet: „Die Harald-Schmidt-Show auf Vater Rhein – Spaß und Gags auf allen Decks.“ Der Rhein, sagt Martin Hoffmann, Geschäftsführer von Sat1, warte nur auf Harald Schmidt.

Auf den jungen Mann, so viel steht fest, hat der Rhein nicht gewartet, er lässt sich ja kaum von ihm finden. Mit dem Auto ist er nach Koblenz gefahren, jetzt steht er vor einem Fluss, aber es ist nicht der Rhein, es ist die Mosel, und er findet es überhaupt nicht schön. Heimlich verfolgt er eine Gruppe Japaner, sie führen ihn zum Deutschen Eck, zum Rhein, und zum Dank fotografiert er drei Japaner, die ihm erzählen, dass sie gestern noch in Neuschwanstein waren und Deutschland sehr mögen. Er war noch nie in Neuschwanstein. Die Japaner fotografieren den Campingplatz auf der anderen Seite des Deutschen Ecks, das seit 1216 Deutsches Eck heißt, denn damals schenkte ein Erzbischof dem Deutschen Orden diese Landzunge. Er fragt sich, ob das die Skinheads wissen, die sich hier noch immer treffen, am Rande des Denkmals von Kaiser Wilhelm I.? Das Denkmal wurde 1897 errichtet, im Zweiten Weltkrieg wurde es zerstört, seitdem war es Mahnmal der deutschen Einheit, und erst seit zehn Jahren sitzt der Kaiser wieder auf seinem Pferd – trotz aller Bedenken, dass so ein Denkmal hier, am Deutschen Eck, zu nationalistisch sei, zu deutsch. Vielleicht, denkt unser junger Mann, auch einfach zu hässlich. Und während er zurück zu seinem Wagen geht, denkt er: Hier beginnt sie also, meine Suche. Meine Reise in Deutschlands Herz.

Nationales Symbol

Andere traten diese Reise vor ihm an, eigentlich begann alles im 19. Jahrhundert, als die romantischen Dichter den Rhein entdeckten. Clemens Brentano erzählte die Sage um die Loreley, die mit ihrem Gesang die Rheinschiffer um den Verstand bringt, auf dass sie vom Kurs abkommen und an den Klippen sterben. Ernst Moritz Arndt schrieb, in den Befreiungskriegen gegen Napoleon, dass „der Rhein Teutschlands Strom, aber nicht Teutschlands Gränze“ sei, und Nikolaus Becker dichtete: „Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein, ob sie auch wie gier’ge Raben sich heiser danach schrein.“ Der Rhein wurde zum Symbol des Nationalen, zu einem Ort, an dem Deutschland so sehr bei sich ist wie kaum irgendwo sonst. Und das muss ja nicht unbedingt schön sein.

Er verlässt Koblenz auf der B9 Richtung Mainz. Die B9 heißt auch „Rheingoldstraße“. Links davon fließt der Rhein, rechts sind Weinberge, Burgen, die Eisenbahnstrecke. Ein bisschen unwirklich sieht es hier aus, wie eine Landschaft, die man sich zu einer Spielzeugeisenbahn dazukaufen kann und die dann im Keller steht, wo sie nicht weiter stört. Das Hotel, in dem er in Bingen wohnt, wirkt nicht wie aus dem Spielzeugladen, es ist eines dieser Tagungshotels, dafür liegt es direkt an den Anlegestellen, wo die Schiffe starten: nach Köln, nach Mainz, auf die andere Seite nach Rüdesheim. An der Rezeption erkundigt er sich nach den Möglichkeiten, mit dem Schiff nach St. Goar zu fahren. „Ah, die Harald-Schmidt-Strecke?“ Der junge Mann denkt, dass man ihn hier für einen notorischen Fan halte, aber er sagt nicht, dass er einen Auftrag hat, dass er auf der Suche nach der Schönheit ist. Wie hätte sich das auch angehört?

In einem Kiosk auf der Rheinpromenade kauft er eine Fahrkarte für die „MS Loreley“, Abfahrt am nächsten Tag, halb elf. Er setzt sich auf eine Bank und beobachtet, wie ein Vergnügungsdampfer anlegt, heraus steigen Senioren, leicht beschwipst. Sie haben getanzt und dabei auf den Rhein geblickt, und zum Abschied sagen sie sich gegenseitig, wie schön es war. Neben ihm sitzen Jugendliche, drei Mädchen und ein Junge. Sie rauchen und spucken manchmal auf den Boden. Er fragt sie, ob sie es hier schön finden, aber sie beachten ihn nicht, sie beachten auch nicht die Senioren, die an ihnen vorbei in den Biergarten gehen. Sie haben wohl genug mit sich selbst zu tun und mit dem Rauchen und Spucken. Vielleicht träumen sie von der Großstadt, von Köln, von Frankfurt, vielleicht von Berlin – von Orten, die ihrer Sehnsucht eine Heimat geben könnten.

Am nächsten Tag geht er an Bord der „MS Loreley“. Das Schiff war im letzten Jahr Testsieger, als der ADAC Ausflugsdampfer auf dem Rhein untersuchte. Der Kapitän fährt diese Strecke nun schon seit über 40 Jahren, Rhein rauf, Rhein runter, und in dieser Zeit hat er erlebt, wie unfassbar stolz der Fußballlehrer Christoph Daum einmal war, als er die „MS Loreley“ steuern durfte. Der Amerikaner, dem er diese Geschichte erzählt, kennt Christoph Daum nicht, er wartet auf den Höhepunkt, der nach einer Linkskurve auftaucht: die Loreley.

Als der junge Mann die Loreley zum ersten Mal sieht, denkt er: ein Felsen, sonst nichts. Nicht besonders hoch, nicht besonders breit, er ragt ein bisschen mehr in den Rhein, der Fluss wird enger, aber sonst? Aber vielleicht ist er ja auch ein abgestumpfter Großstadtmensch, ohne Sinn für die Erhabenheiten der Natur, vielleicht liegt es einfach an ihm, schließlich fotografieren doch alle um ihn herum, sie hören nicht mehr auf, diesen Felsen anzustarren, und als er jemanden fragt, einen Deutschen, was er denn jetzt so toll finde, da sagt er: „Das gehört eben zu unserer Kultur.“

In St. Goar, auf der anderen Seite der Loreley, steigt er vom Schiff. In der Nähe der Anlegestelle geht er in ein Café, es heißt „Loreleyblick“, aber so heißt fast alles hier. Vom Café geht er hinauf zur Burg Rheinfels, von der Terrasse hat man einen guten Blick auf Burg Katz und den Rhein, nur die Loreley sieht man von hier aus nicht. Auf der Rückfahrt schläft der junge Mann auf dem Oberdeck ein und holt sich einen Sonnenbrand. Im Hotel ist er ein wenig verzweifelt wegen der immer noch nicht gefundenen Schönheit, deshalb liest er in einem Buch über den Rhein. Über Lord Byron, der 1816 den Rhein bereiste, über den Weinanbau in der Region, über Hildegard von Bingen, Johannes Gutenberg, Heinrich Heine, über Festungen, Schlösser und Burgen, und er ahnt, dass Schauen allein möglicherweise nicht reicht.

Am nächsten Tag nimmt er das Auto. Er fährt auf der Rheingoldstraße zurück, von Bingen Richtung Koblenz. Sein erster Halt ist Burg Rheinstein, errichtet 1260. Ein steiler, kleiner Weg führt hinauf, aber die Burg, die aussieht wie eine überdimensionale Playmobilburg, ist geschlossen, sie kann nicht besichtigt werden. Eine Tafel verspricht, dass es hier Fledermäuse geben soll, und bittet die Besucher, nicht zu rauchen. Ein Mann, der raucht, ist verärgert, denn er hat den Anstieg auf sich genommen. „Geh’ ich halt wieder zurück zum Platz. Ist eh schöner.“ Aha! Wo denn das sei? Und der Mann stellt sich als Herr Maier vor und sagt, dass er ihm gerne seinen Campingplatz zeigen würde. Mit Herrn Maier fährt er nach Trechtingshausen, auf einen Campingplatz. „Seit 15 Jahren, jedes Jahr, man kennt sich“, sagt Herr Maier. Die Dauercamper haben es sich hübsch gemacht, ihre Wohnwagen erinnern an Ferienhäuser, ihre Parzellen an Kleingärten. „An der Mosel“, sagt Herr Maier, „soll es ja noch schöner sein. Aber wir fühlen uns hier sehr wohl, warum also woandershin?“ Und dann sagt Herr Maier noch, er müsse unbedingt nach Niederheimbach fahren und durch den Märchenhain spazieren. „Auch sehr schön“, sagt Herr Maier und zieht das „auch“ sehr in die Länge.

Aber Herr Maier hat ihn angelogen, der Märchenhain in Niederheimbach ist nur ein kleiner Weg, an dessen Rand Figuren aus den Geschichten der Brüder Grimm stehen: Rotkäppchen, Dornröschen, Hase und Igel. Der junge Mann ist enttäuscht, er findet das alles nicht schön, nicht einmal kitschig, er findet es ärgerlich. Er fährt weiter nach Bacharach, und auf dem Weg fragt er sich, ob der Name der Stadt wohl etwas zu tun hat mit dem Namen des Komponisten Burt Bacharach. Der komponierte für die Sängerin Dusty Springfield einmal das Lied „The Look of Love“, und darin singt sie, dass der Blick der Liebe in seinen Augen ist, dass er ihr den Atem raubt, dass sie es nicht erwarten kann, ihn in den Armen zu halten, dass sie auf diesen Moment so lange gewartet hat, und dass jetzt, da sie ihn gefunden hat, alles gut ist. Und das, findet er, ist dann ja tatsächlich so schön, so unfassbar schön, was Bacharach, der Komponist, da gemacht hat in diesem kleinen Lied, und als er in Bacharach, der Stadt, ankommt, da ist er sich fast sicher, dass der Mann über die Stadt geschrieben hat, so schön findet er es dort. Auf verschlungenen Pfaden geht er durch Bacharach, das Versprechen von all dem, was er am Rhein erwartet, wird hier eingelöst. In den Cafés sitzen Mädchen und Jungs, sie sind hübsch, und er summt das Lied von Bacharach, und er merkt, wie er umkippt, wie er dem Zauber eines Bilderbuch-Deutschlands, mit Fachwerkhäusern, Stadttoren, Winkeln und Gassen und dem Versprechen von großer Liebe, wie sie Herrmann Hesse in seinen Jugenderinnerungen aufgeschrieben hat, langsam erliegt und sich nicht einmal dagegen wehrt.

So fährt er wehrlos weiter nach Boppard, und auf der Rheinpromenade bildet er sich ein, dass es hier ein wenig wie in Capri sei, mindestens aber so wie in St. Gilgen am Wolfgangsee: kleine Cafés, Lädchen, Gewusel. Er lässt sich treiben, setzt sich auf eine Bank, schaut auf den Rhein, beobachtet die Menschen, ist zufrieden, mit allem einverstanden. Er hat es fast geschafft.

Endlich am Ziel

Das letzte Ziel seiner Reise ist der Königsstuhl, der alte Versammlungsort der deutschen Kurfürsten, 1400 eingeweiht. Irgendwann wurde er zerstört, bis der preußische König 1842 einen Wiederaufbau finanzierte. Und heute sieht der Königsstuhl eher so aus, als ob sich hier junge Männer treffen, um Dosenbier zu trinken: grau, kalt, eckig, allerdings recht klein, verkrüppelt, als fehlte etwas. Auf dem Boden steht von unbekannter Hand in ein Herz geschrieben: „Aber ich liebe dich doch trotzdem.“

Und da stand er nun, auf dem hässlichsten Bauwerk, das er während seiner Reise besichtigt hatte. Irgendwo floss der Rhein, hinter ihm lagen all die Burgen und Schlösser und Festungen. Und er wusste, dass es das war, wonach er suchte, dem er nun schon seit Tagen auf der Spur war, an dessen Existenz er nun nicht mehr zweifelte. Manche Dinge muss man wohl einfach auch nur zulassen. „Schön“, dachte er, stieg ins Auto und verließ das Herz Deutschlands.

Harald Schmidts Rheinfahrt ist heute Abend von 20 Uhr 15 bis 0 Uhr15 auf Sat1 zu sehen.

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