Darwins Vermächtnis : Evolution im Kopf

Charles Darwin hat unser Weltbild verändert und verändert es noch. Auch wenn wir geistlich die Natur zu überwinden scheinen, schreiben wir die Evolution fort.

Hartmut Wewetzer

Nur wenige Menschen haben unser Weltbild so verändert wie Charles Darwin, der Begründer der Evolutionstheorie. Der vor 200 Jahren geborene Naturforscher erkannte die elementare Kraft, die das Leben auf der Erde geformt hat: den Prozess der natürlichen Auslese. Seit Darwin wissen wir, dass es keinen einmaligen Schöpfungsakt gab. Stattdessen unablässige Verwandlung, stetes Werden und Vergehen.

Es ist schwer zu begreifen, dass so filigrane Gebilde wie ein Libellenflügel oder so komplexe Strukturen wie das menschliche Gehirn entstehen konnten, ohne dass ein "Designer" am Werk war. Aber wenn man sich klarmacht, dass die Evolution in kleinen Schritten erfolgte und dass sie alle Zeit der Welt hatte, wird auch das verständlich. Das Leben auf der Erde ist 3500 Millionen Jahre alt.

Darwin war nicht frei von Irrtümern. Aber der Kern seiner Theorie ist wieder und wieder bestätigt und kontinuierlich erweitertet worden. Evolution ist eine Tatsache. Der Mann mit dem langen weißen Mosesbart hat das Fundament für die Wissenschaft vom Leben gelegt, und das hat sich als felsenfest erwiesen. Von den Erbmolekülen bis zu den Ökosystemen, von Einzellern bis zu modernen Menschen - nichts ergibt so richtig Sinn ohne Darwins Idee.

Darwins Revolution ist unvollendet

Die Evolution bedarf keines Schöpfers, aber sie entschädigt dafür mit einer nicht minder grandiosen Perspektive. Alles Leben auf der Erde ist verwandt, aus einer gemeinsamen Wurzel entsprungen und reicht in einer unaufhörlichen Kette, in einem einzigen Strom zurück fast bis zum Anbeginn der Zeit. Im genetischen Code des Menschen ist die Vergangenheit noch immer lebendig. In jeder unserer Billionen Zellen werkeln Enzyme, die in ähnlicher Form schon in den Mikroben des Ur-Ozeans vor Milliarden von Jahren ihren Dienst verrichteten.

Aber Darwins Revolution ist in gewisser Weise unvollendet. Denn anscheinend hört die Evolution am Hals auf. Während der Körper ein Produkt der Natur ist, scheint der Kopf, unser Denken und Fühlen, Teil der Kultur zu sein. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn auch die geistigen Fähigkeiten des Menschen sind ein Produkt der Evolution. Die Trennung ist künstlich. Mehr noch: die Evolution kann uns verstehen helfen, warum wir so sind, wie wir sind.

Evolution der Ideen

Unsere Persönlichkeit und unsere Gefühle, unser Denkvermögen, die Fähigkeit zu sprechen, moralische Urteile zu fällen, Sexualität - für all das gibt es genetische Anlagen. Das heißt wiederum nicht, dass der Mensch der Sklave seiner Gene ist. Oder dass alles, was uns in die Wiege gelegt ist, schon deshalb gut ist, weil es "natürlich" ist. Es entbindet uns nicht davon, unsere Triebe zu zähmen und Verantwortung zu tragen - auch die Freiheit des Denkens ist ein Geschenk der Evolution! Aber der Mensch kommt nicht als unbeschriebenes Blatt zur Welt. Der "neue", auf dem Reißbrett der Zivilisation entworfene Mensch wird Fiktion bleiben - zum Glück.

Es ist nicht ohne Ironie, dass der Mensch in dem Moment, in dem er scheinbar seine Natur überwindet, eigentlich diese Evolution fortschreibt. Die Produkte unserer Kultur, unsere Städte, die Vielfalt der Sprachen, Technik und Wissenschaft, die Informationsfluten des Internets - all das ist in gewisser Weise der verlängerte Arm der Evolution. Nur, dass sie nicht mehr über Gene übertragen wird. Sondern über Ideen.

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