Zeitung Heute : Das absolute Weich ei

Kommende Woche feiert Amerika Thanksgiving. Unbedingt dabei: Die Süßkartoffel, das opportunistischste Gemüse der Welt.

Deike Diening

Für lange Probentage packt sich die Entertainerin Gayle Tufts gern eine kalte Kartoffel ein. Eine Süßkartoffel, „das ist eine richtige kleine Mahlzeit“. Die hat sie vorher in Alufolie gebacken und ihr, damit sie sich nicht langweilt, Butter und Ahornsirup zur Seite gegeben. Die Amerikanerin liebt die Süßkartoffel, hat sie lieben gelernt – „ein wunderbar ehrliches, schönes Gemüse. Das können wir Amerikaner nicht von vielen unserer Lebensmittel behaupten.“

Indianergemüse. Inkagemüse. Aztekengemüse. Columbus-Gemüse. Entdeckergemüse. Spanisches und englisches Hofgemüse. Sexualgemüse. Hungersnotgemüse. Biogemüse. Und, klar, für die Amerikaner Thanksgivinggemüse. Weiß man sonst noch was über die Süßkartoffel? Heißt Thanksgiving in Deutschland am kommenden Donnerstag danke sagen für ein Gemüse, das hier keiner kennt?

Dabei gibt es die sogenannte Batate in Deutschland längst großflächig in Gemüseläden, einigen Supermärkten, auf Märkten und in jedem zweiten Bioladen. Es gibt sie mit dunkler, violett bis brauner Schale und hellem Fruchtfleisch, aber auch mit orangefarbener Schale und orangenem Fruchtfleisch. Letztere sind die süßeren.

Trotzdem gibt es jede Menge Leute, die noch nie in ihrem Leben eine gegessen haben. Warum denn auch Süßkartoffeln kaufen, wenn es Kartoffeln gibt? Die süßen sind teurer, und das liegt auch daran, dass der Berliner Großmarkt den Händlern für die Süßkartoffel stolze 16 Prozent Mehrwertsteuer abknöpfen muss, und nicht die üblichen sieben – kein Händler kann sich erklären, warum die Batete für das Finanzamt Genuss- und nicht Lebensmittel ist.

Man muss sich an sie gewöhnen. Aber wer sie richtig zubereitet, erklären ihre Fans, lasse nie wieder von ihr ab. Und so ein Sack ist schnell gekauft, die Kartoffel schnell gewaschen. Mit der Gabel angepikt, Butter darauf, in den Ofen mit braunem Zucker. Es hat mit Gegenseitigkeit zu tun: Wenn man ihr mit etwas Wärme begegnet, kann die Süßkartoffel nicht lange hart bleiben.

Wenn in den Öfen heimwehkranker Amerikaner am Donnerstag die Truthähne schmurgeln, ist die Süßkartoffel ihr weicher Begleiter: als Püree, gebacken, als Gratin oder Pie. Die Süßkartoffel gehört für Amerikaner zur Kindheitserinnerung wie für die Deutschen Rotkohl oder Rübe. Eine unangenehme Erinnerung. Das Gemüse aufzuessen ist der Preis, der dafür zu zahlen ist, dass man essen darf, was sonst noch auf dem Teller ist. Amerikaner in Berlin berichten von ihren Traumata, so tief vergraben wie die Knolle. Die Eltern von Gayle Tufts haben die Süßkartoffel mit Marshmallows überbacken, damit man sie nicht mehr sieht. „Das hat aber nicht geholfen.“ Auch Cynthia Barcomi, der Berlin den Bagel verdankt, fand in den 70er Jahren die Marshmallow-gedeckelte Version ihrer Eltern ekelig. Erst in der Fremde, als Erwachsene, konnten beide mit der Süßkartoffel ihren Frieden machen. Einmal im Jahr macht Barcomi nun zu Thanksgiving ein Süßkartoffel-Gratin mit Ahornsirup, Orangensaft, frischem Ingwer, Sahne und Bourbon (Rezept unten). Von ihren Gästen hat es noch nie einer verschmäht. Es sei im Gegenteil immer so schnell weg, dass sie selber nichts mehr davon bekommt.

Vielleicht lag es an diesen Kindheitsstörungen, dass es bislang keinen europäischen Siegeszug der Süßkartoffel gab. Ganz im Gegensatz zum Siegeszug des Brownies, des Muffins, des salzigen Popcorns und auch des Kürbisses etwa. Manche sagen, das könnte nicht unwesentlich an der speziellen Geschmacksfreiheit des Gemüses liegen. Wenn man ehrlich ist, handelt es sich bei der Süßkartoffel nämlich um ein total opportunistisches Gewächs. Geschmacklich vage zwischen Karotte und Kürbis oszillierend, verströmt es eine leichte Süße. Erst durch die Gewürze erhält die Kartoffel ihre Identität und ihre Rolle in einem Gericht. Man kann sie beliebig nach rechts und nach links würzen, in Richtung Salz oder Zucker.

Deutsche Transatlantikreisende bringen gerne den Geschmack der Süßkartoffel mit nach Hause und behaupten, nie hätten sie Aromatischeres gegessen. Berliner Biohändler haben das Purpurwindengewächs in ihren Holzkisten und behaupten, selten sei eine Kartoffel nahrhafter gewesen. Arthrose, rheumatische Erkrankungen und Krebs haben schlechte Chancen. Viel Vitamin A ist in den Wurzeln versteckt – gut für die Augen. Das internationale Kartoffelzentrum in Lima, Peru, hat im Jahr 2000 eine Sorte entwickelt, die besonders viel Vitamin A enthält und die Menschen in Afrika vor dem Erblinden schützen soll. Und kaum isst man eine Süßkartoffel, werfen sich die Antioxidantien auf die zellschädigenden freien Radikalen, machen sie unschädlich.

Die Süßkartoffel hat schon ganze Völker vor dem Verhungern gerettet, namentlich die Amerikaner (im Civil War), die Chinesen (bei einer Hungersnot 1593 in Fujian), Japaner (als Taifune in den 60ern ihre Reisfelder zerstörten) und die Ugander (in den 90ern). Bei dieser Aufgabe hilft der Wurzelknolle, dass sie in den Untergrund geht, also wenig anfällig ist für überirdische Zerstörung. Rein botanisch hat die Süßkartoffel mit der Kartoffel allerdings nichts zu tun – die ja ihrerseits die Preußen unter Friedrich II. vor dem Verhungern gerettet hat.

Die Süßkartoffel soll zuerst in Lateinamerika gewurzelt haben und von den Indianern benutzt worden sein. Die Entdecker brachten sie nach Spanien, die Spanierin Katharina von Aragon ließ ihren englischen Heinrich den VIII. in dem Glauben, es handle sich bei den Knollen um ein Aphrodisiakum. Heute werden jährlich weltweit 130 Millionen Tonnen produziert. Sie werden immer mit Amerika in Verbindung gebracht, aber heimlich ist China mit 90 Prozent zum weltgrößten Produzenten geworden.

Und schon bald ist es ganz natürlich geworden, in den Kindheitserinnerungen der Amerikaner zu rühren und ein bisschen Sahne dazuzugießen, bis ein Püree draus wird. Das schmeckt mit Muskatnuss ganz erwachsen. Elegant auch die Kombination der süßen Kartoffel mit asiatisch scharf gewürztem Gemüse, mit Chili und Kokosmilch.

Zu Thanksgiving in diesem Jahr lädt Gayle Tufts wieder einen Haufen Leute ein, dann gibt es gebackene Süßkartoffeln, Truthahn, Cranberry-Sauce und einen Katherine Hepburn-Film. Dann, sagt sie, ist es eigentlich nur noch ein winziger Schritt von der Sweet Potato zur Couch Potato.

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